ThemaSnowboardenRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2010
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
07.02.2010
 

Snowboarding

König der Schneekinder

Von Klaus Brinkbäumer

Shaun White ist der meistgehasste Athlet der Winterspiele. Er hat seinen Sport an die Grenzen dessen getrieben, was Körper aushalten - die Rivalen bezahlen den Preis.


Manchmal dauert es eine Weile, bis angemessene Worte sich einstellen, die diplomatischen, die höflichen Worte, meistens sind ja die schnellen und spontanen Worte die ehrlichen. Auch wenn sie schmerzen.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser
"Kevin Pearce war ein begabter Fahrer", sagt Shaun White, das sind seine spontanen Worte, Sekunden später sagt er: "Wir alle müssen halt im Rahmen unserer Fähigkeiten fahren."

Er grinst. Es ist jetzt still im Kaminzimmer.

Kevin Pearce ist Shaun Whites Rivale, oder er war Shaun Whites Rivale, bis vor fünf Wochen. Am 31. Dezember probierte Pearce einen Sprung, den White eingeführt hatte, den Double Cork; wer Gold in Vancouver gewinnen will, braucht den Double Cork.

Kevin Pearce liegt nun im Krankenhaus, mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma, aus dem Koma zwar erwacht, doch wahrscheinlich wird er nie wieder Snowboard fahren und womöglich behindert bleiben. Es dauert ein wenig, aber Shaun White merkt dann, dass seine schnellen Worte nicht ganz angebracht waren. Er ist 23 Jahre alt, hat gelernt, dass Lakonie und Lässigkeit in jeder Situation angemessen sind, weil es in seinem Sport im Kern um das Erreichen von Lakonie und Lässigkeit als Dauerzustand geht, doch die Geschichte mit Kevin Pearce ist anders, und White spürt das jetzt. Er macht nun eine Pause, und das Lächeln verschwindet, und er denkt ein bisschen nach und spricht dann von guten Wünschen und Mitgefühl, er sagt jetzt, was man so sagt.

"Ich hoffe, er wird gesund", sagt Shaun White. "Ich wünsche ihm das Beste."

Ach ja?

Es zieht sich ein Riss durch die Snowboard-Welt, und es hilft nichts, dass eine Menge Fahrer und Trainer versuchen, den Riss zu kitten oder nicht weiter werden zu lassen oder jedenfalls zu verstecken: Der Riss ist tief.

Shaun White, langhaarig, bleich, sommersprossig, verdient mit Werbung zehn Millionen Dollar pro Jahr, Preisgelder kommen hinzu. Er wird einer der bestbezahlten Athleten der Winterspiele von Vancouver sein, weil nur wenige Eishockeyspieler und kein Skifahrer ähnlich hoch dotiert werden wie er. Beliebt macht ihn das viele Geld nur bedingt, bei Fans und Sponsoren durchaus, aber nicht in der Welt mit dem Riss, auf dessen anderer Seite all die Jungs und Mädchen sich freuen, wenn ihnen die Firma Burton ein neues Brett schenkt.

Ein Egomane, sagen sie drüben auf der anderen Seite über White. "Er stärkt sich und nicht den Sport", sagte der Kollege Jack Mitrani.

Solche Kritik wäre nichts Besonderes in nahezu allen Sparten des Leistungssports: Athleten müssen eher Gehetzte als gute Menschen sein, Egoismus schadet selten bei Olympischen Spielen, denn es braucht etwas Manisches, zumindest Fanatisches, um mit jener Konsequenz an die Spitze zu streben, die nötig ist, um tatsächlich dort anzukommen.

Snowboarder sind Herdenjünglinge

Snowboarder waren allerdings anders. Gretchen Bleiler aus Aspen sagt dies: "Wir verraten uns gegenseitig unsere Tricks, wir loben uns, wir feiern zusammen. Wir werden im olympischen Dorf auch diesmal wieder die Gutgelaunten sein, wir entwickeln diesen jungen Sport nach wie vor gemeinsam."

Denn Snowboarder definieren sich über die Gruppe. Individualismus wollen sie ausstrahlen, innerhalb der Gruppe aber gibt es Gesetze: Mit ihren weiten, tiefhängenden Hosen, den langen Haaren, dem richtigen HipHop grenzen Snowboarder sich ab, mit High-Five, Fäustchen gegen Fäustchen und "Yo, Bro, what's up?"-Rufen grüßen sie einander. Snowboarder sind Herdenjünglinge, sie sammeln sich auf den Pisten und lieber noch nebenan, im Tiefschnee, im Wald, im Lawinengebiet, fahren gemeinsam hinab, gratulieren sich zu neuen Sprüngen.

Es ist ein Sport der Jugendkultur und der Rebellion, laut Legende in Liebe und organisch gewachsen, wir gegen die.

Die, das sind die Skifahrer, die Eltern, die Kampfrichter und die Funktionäre, die das Verwegene des fremden Sports in ihren Regeln fassen wollen, die Konzerne auch, die viel zu schnell verstanden haben, wie sexy Snowboarding ist.

Und nun zählt Shaun White zu denen.

Shaun White spricht schon lange nicht mehr von Gemeinsamkeit oder Austausch, spontan ohnehin nicht und auch nach längerem Überlegen nicht mehr.

Er gilt darum als Verräter, und all die anderen würden ihn verdammt gern ignorieren, aber das erste Problem ist, dass er so gut ist. Schwerelos, scheinbar. Artistisch, offensichtlich. Und kreativ wie keiner seiner Konkurrenten.

Das zweite und wahre Problem ist, dass sie alle ihm nacheifern müssen, weil seine Sprünge der Maßstab sind; ohne seine Sprünge gewinnt niemand mehr, doch sie sind gefährlich. Es ist ein Sog entstanden im olympischen Jahr, und viele Riders, wie die Reiter der Hochgebirge sich nennen, verletzen sich. "Sie jagen sich gegenseitig auf Stufen hinauf, auf denen sie nicht mehr sicher sind", sagt Kanadas Trainer Tom Hutchinson, "unser Sport wird zu Kunstturnen auf Eis. Bei den Spielen wird es darum gehen, wer überlebt."

Ende Januar war das alles in Aspen in den Rocky Mountains zu sehen. White stand dort oben am Eingang jener halbierten Eisröhre, Halfpipe genannt, es war bei den X Games, dem coolsten Wettkampf der Snowboarder jenseits von Olympia. Und White war schnell, und er sprang sechs Meter über den Rand der Röhre, führte Salti vorwärts und rückwärts vor. Und beim nächsten Sprung geriet er in Schräglage, verschob in der Luft die Körperachse in die Diagonale und drehte sich nach innen, zur Piste hin, dreimal drehte er sich um die eigene Achse, und zusätzlich, während der Drehungen, schaffte er zwei Salti, einen während des Aufstiegs, den zweiten im Fallen.

Die Schräglage war keine Panne. Das muss so sein. Der doppelte Korken.

Es wird der Goldsprung sein in Vancouver, und bei der Generalprobe in Aspen kämpften auch andere Athleten, auch andere standen schöne Sprünge. Aber nur bei White gab es diese Momente, wie sie eine perfekte Mannschaft wie der FC Barcelona von 2009 erleben kann, Momente wie 2008 beim Finale von Wimbledon zwischen Rafael Nadal und Roger Federer, jene Momente, wenn alles so geschieht, wie es entworfen wurde, oder noch spektakulärer, nämlich zusätzlich frei und phantasievoll. Die Momente, in denen Sport so etwas wie Kunst wird, sind rar. Es war ein wenig magisch, wie White in Aspen fuhr, von Arbeit nichts mehr zu ahnen. Was zu spüren war: seine Lust.

Im Training vor dem Finale stürzte sogar er: Er schlug mit dem Gesicht auf den Rand der Röhre, es sah nach Genickbruch aus, der Helm flog allein zu Tal. Im Endkampf jedoch, eine Stunde später, sprang White wieder höher als alle anderen, drehte sich öfter und schneller, es sah aus wie angeboren.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 35 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
12.02.2010 von Platins Meinung: Warum Leistung immer verurteilt werden muss?!

Sie dominieren kaputte Sportarten? So wie Muhammad Ali, Michael Jordan, Zinedine Zidan sicher auch nur Dilletanten sind. Die wahren Talente verstecken sich also? Das echte Talent macht gar nicht mit? Nicht die Sportart ist [...] mehr...

12.02.2010 von DeeDeeBee: Dickes Fell...

Oooooch, das ist heute noch genau so. Haste nich softboots anne Füsse und ist Dein Board schmal und teuflisch schnell ohne Schaufel hinten und biste 50+, wirste auch angepöbelt. Mit dem tollen Gefühl muss ich Ihnen recht [...] mehr...

12.02.2010 von Svenner80: Keine Ahnung, aber

Ich geb's zu: Ich habe keine Ahnung vom Snowboarden und von den beiden Jungs um die es geht habe ich auch noch nie was gehört. Aber das der Artikel fürchterlich auf Krawall gebürstet ist, merkt man auch so. [...] mehr...

12.02.2010 von wakaba: Hässlich - innen und aussen.

[QUOTE=Platins Meinung;5004739]Einen Athleten den meistgehasten Athleten der Winterspiele zu betiteln.... Sicher ist White Perfektionist. Und das mögen die meisten nicht. Aber ist Ronaldo ein sympathischer Sportler? Lance [...] mehr...

12.02.2010 von Platins Meinung: Bitte keine sinnfreien Kommentare unter einen ohne hin schon reisserischen Artikel!

Ich schätze, mit dieser Art sinnfreier Kommentare ist auch die Anzahl von 24.000 "Beiträgen" hier im Forum zu erklären. Und an dieses Publikum richtet sich offenbar auch der (schlecht recherchierte und reisserische) [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles aus der Rubrik Wintersport
alles zum Thema Snowboarden

© DER SPIEGEL 6/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem aktuellen SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 6/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Koalition: SPIEGEL-Gespräch mit Vizekanzler Guido Westerwelle über den Fehlstart seiner FDP, deren neuen Ruf als "Mövenpick"-Partei und sein schwieriges Verhältnis zu Horst Seehofer
  • - Zeitgeschichte: Adolf Hitlers Geliebte Eva Braun galt als unpolitisch und unbedarft - zu Unrecht?
  • - Währung: Der Euro-Raum steht vor seiner bislang größten Bewährungsprobe
  • - Autoindustrie: Das Rückrufdesaster von Toyota erschreckt auch den Rivalen VW

Abo-Angebote: Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Snowboardisch für Anfänger

Endlich können auch Ski-Puristen das anglophile Kauderwelsch des boardenden Liftnachbarn verstehen – mit dem Grundwortschatz der Snowboard-Sprache:

Spin: Drehung um die eigene Achse in der Luft

Flip: Vorwärts- oder Rückwärts-Überschlag

Grab: Berührung des Brettes mit der Hand während des Sprunges

Grind: Heruntergleiten auf Stangen und Kanten - der Snowboarder versucht, möglichst lange auf dem Hindernis zu bleiben

Kicker: Sprungschanze - das Spektrum reicht von selbst geschaufelten Schneehügeln bis zu von Pistenraupen geformten Schanzen mit Flugweiten von 20 Metern und mehr

Rails: Geländerähnliche Kanten für Grinds

Fakie: Rückwärtsfahren

Press: Gleichgewichtsübung, bei der das Körpergewicht auf Vorderseite (Nose) oder Hinterseite (Tail) des Boards verlagert wird, so dass sich der andere Teil vom Boden hebt

Lip: Handstand, mit Grabs kombiniert

Freerider: Snowboarder, der abseits befestigter Pisten unterwegs ist

Zahlen: One-Eighty, Three-Sixty, Five-Forty etc. bezeichnen das Gradmaß der Drehung






TOP



TOP