Von Klaus Brinkbäumer
White ist klein, faltenfrei, schmächtig. Er trägt schwarze Schuhe, schwarze Jeans, das schwarze Hemd weit geöffnet, darüber ein braunes Sakko. Handgelenke und Finger zieren Lederbändchen, Reifen und Ringe, erstaunliche Mengen von allem. Er hat große Zähne und eine große Nase, lange Haare, gelockt und gescheitelt, die wehenden roten Haare haben ihn berühmt gemacht. "Flying Tomato" wird er auf den Halfpipes Amerikas genannt. "Wenn du dir die Haare abschneidest, will ich sterben", schreiben ihm die Mädchen.
Das Leben muss zauberleicht sein für einen, der vor gut 23 Jahren in San Diego, Kalifornien, geboren wurde und auf Surfbrettern und Skateboards aufgewachsen ist und nun in der Ernsthaftigkeit der Heranwachsenden glaubt, dass nicht die Gesundheitsreform oder der Afghanistan-Krieg oder das Erdbeben von Haiti, sondern Double Cork und McTwist 1260 Thema und Zentrum der westlichen Welt sind.
Aber auch so muss ein amtierender und kommender Olympiasieger natürlich sein, sonst stünde White vielleicht für das World Food Programme in Port-au-Prince und nicht in Aspen auf einem Brett mit zwei Bindungen.
White mag keine Röhren mit anderen Skifahrern teilen
Wenn White über Snowboarden redet, wird er zaghaft. "Es ist ein Fluss", sagt er, "ein Gefühl, ein Traum. Ich bin ganz und gar da und denke doch überhaupt nicht mehr, ich tue es nur." Seine Linke gleitet währenddessen durch eine Obstschale, die Hand wird sein Board, und oben am Rand, über den Äpfeln, hebt sie ab.
Mit einem Herzfehler kam White zur Welt, eine Operation rettete ihn. Mutter Cathy sorgte sich auch in den Jahren danach noch um den Sohn und gestattete nur das Training mit Helm. Mit 13 Jahren wurde White Profi, die Mutter fuhr ihn herum. Vater Roger verwaltete das Geld, Shaun feuerte ihn, nachdem der Vater nicht das vom Sohn gewünschte Haus, sondern das falsche, gleich nebenan, gekauft hatte.
Shaun White gewann Gold in Turin, vor vier Jahren. Er bleibt schon mal eine Saison lang ungeschlagen, hat zehnmal Gold bei den X Games gewonnen, nur den Weltcup im fernen Europa lässt er aus, weil in Amerika besser gezahlt wird. Seine DVD heißt "The White Album", der "Rolling Stone", das amerikanische Original, nahm ihn auf den Titel. "Ohne Öffentlichkeit fehlt mir etwas", sagt er, und sobald eine Kamera naht, spuckt er Wasser ins Objektiv, der Kontinent darf es live erleben.
Dass die anderen ihn nicht mögen, ist durchaus logisch. Sie müssen die Röhren teilen, immer wieder mal verirrt sich ein Skifahrer dorthin, wo gerade ein Snowboarder landet. White findet das gefährlich, neue Tricks will er sowieso nicht früher verraten, als er muss, White mag keine Röhren teilen. Red Bull hat ihm darum für 500.000 Dollar eine private Halfpipe in die Rocky Mountains gebaut, mit Hubschrauber anzufliegen. Es gibt dort eine Schaumstoffpassage für jene ersten Tage eines neuen Programms, in denen die Fahrer ihre Sprünge in Sequenzen aufteilen und Stück für Stück einüben - die anderen krachen in ihren Gemeinschaftsröhren alle paar Sekunden aufs Eis, White fällt in sein Schaumstoffbecken. Project X heißt das Geschenk, White bezahlt nun Leibwächter, Koch, Manager und fährt in einer Kolonne von neun Autos vor.
Die Jungs von der Ostküste haben ein Gegenprojekt gegründet, sie nennen sich Frends, wie Friends, die Freunde, nur ohne das "i", das englische "ich". "Die Leute haben sich sattgesehen an ihm", sagte Kevin Pearce über White. Die Frends wirkten zunächst ziemlich niedlich neben White, aber dann wurden sie besser; bis Pearce stürzte und raus war aus dem Rennen um Gold.
Die süße, blonde Gretchen Bleiler sagt, das mit der Feindschaft sei in Wahrheit halb so wild. "Neulich hat Shaun mit uns Monopoly gespielt", berichtet sie.
Shaun White sagt: "Diese Welt gibt es nicht mehr."
Vor ein paar Tagen fand sich in der "New York Times" ein Zitat des Meisters: "Ich denke anders als sie. Ich rede anders, fahre anders, ich gehe alle Situationen anders an. Yeah, das ist hart." Es las sich wie: Sie sind doof, und ich bin schlau. So lasen es die Rivalen.
Nun, in Aspen, sagt White: "Solche Zitate machen immer Wirbel. Es ist nicht einfach, mich so auszudrücken, wie ich es wirklich meine. Wir haben halt unterschiedliche Persönlichkeiten. Ich bin geistig ein wenig älter, als ich wirke. Ich denke voraus, ich weiß, wohin ich will, ich setze mir Ziele und erreiche sie. Vielleicht liegt es daran, dass ich schon mit 16 mit Häusern und Mieteinnahmen und solch verrückten Sachen zu tun hatte. Kurz: Nein, ich hänge nicht mit Rivalen herum, ich kann mit meinen Gegnern nicht befreundet sein. Ich habe ganze Tonnen von Freunden, das sind Musiker oder Schauspieler."
Es klingt so, als habe White viel Zeit gehabt, um aus schnellen Worten gereifte werden zu lassen, es klingt so, wie es wahrscheinlich klingen soll: Ich bin Shaun White, und sie sind Kinder.
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© DER SPIEGEL 6/2010
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