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Ausgabe 6/2010
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Berlinale "Marty ist in meinem Kopf"

2. Teil: "Nichts außer Respekt für Jack Nicholson"


SPIEGEL: Und ausgerechnet mit ihm hatten Sie dann in "This Boy's Life" Ihre erste große Filmrolle, ein paar Jahre später.

DiCaprio: Ja, dummerweise hatte ich beim Casting damals das Gefühl, ich müsse ihm etwas beweisen. Wir mussten eine Szene zusammen spielen, und ich habe ihn wie verrückt angebrüllt. Ich ging mit meinem Gesicht zentimeternah an seins und schrie. Ich war mir sicher, dass ich's versaut hatte.

SPIEGEL: Sie sind vorher bei einer Menge Castings durchgefallen.

DiCaprio: Es war mein letzter Versuch. Später habe ich erfahren, dass es genau das war, was mir die Rolle verschafft hatte. Dass ich mich gegen De Niro erhoben hatte.

SPIEGEL: De Niro hat Sie sogar an Scorsese empfohlen. Sie sind also so was wie sein legitimer Thronfolger. Aber gleichzeitig müssen Sie sich von ihm loslösen.

DiCaprio: Das ist wirklich hart. Als Marty und Bob ihre großen Filme in den Siebzigern machten, durchlief das Kino eine Epoche des Neorealismus. Und diese Phase hat damals in den Siebzigern viel Großes hervorgebracht. Wenn Sie nun heute versuchen, das alles umzuwerfen oder komplett neue Wege zu beschreiten, dann landen Sie automatisch bei der Übertreibung. Also kann man eigentlich immer wieder nur darauf zurückkommen, was die damals gemacht haben.

SPIEGEL: Wie deprimierend. Aber als sein Nachfolger werden Sie sich doch notgedrungen mit De Niro vergleichen müssen.

DiCaprio: Vielleicht tue ich das. Aber die Wahrheit ist, ich werde niemals an Bob rankommen. Ganz im Ernst: Marty und Bob gehörten zusammen, diese Partnerschaft war das Beste, was es je gab im Kino.

SPIEGEL: Was ist eigentlich passiert, dass Scorsese und De Niro nicht mehr zusammenarbeiten? Und dass sich De Niro im Gegensatz zu Ihnen nur noch schlechte Rollen aussucht?

DiCaprio: Oh, täuschen Sie sich da mal nicht. Ich glaube nicht, dass Bob raus ist. Soweit ich weiß, arbeiten die beiden an zwei oder drei verschiedenen Projekten.

SPIEGEL: Auch mit Ihnen?

DiCaprio: Bei einem bin ich dabei.

SPIEGEL: Nur bei einem?

DiCaprio: Ich wäre liebend gern bei beiden dabei, aber es hängt an Marty und wonach er sucht. Ich bin sofort bereit, mich auf alles zu werfen, was Marty macht.

SPIEGEL: Den Unterschied zwischen der alten und neuen Schauspielergeneration sieht man doch gut im letzten Scorsese-Film "Departed". Jack Nicholson übertreibt seine Darstellung des Mafiabosses bis fast ins Karikaturhafte, während Matt Damon und Sie Ihre Figuren präzise und trocken spielen.

DiCaprio: Ich bitte Sie. Jack Nicholson. Es ist nicht so, dass Jack immer so dick aufträgt. Ich schätze, es hängt immer ab von dem Grad von Geisteskrankheit, den Jack gerade darstellen will.

SPIEGEL: Nicholson soll sich bei den Dreharbeiten zu "Departed" ja unmöglich benommen haben, auch Ihnen gegenüber.

DiCaprio: Ja, Gott. Mag sein. Meine Antwort lautet: Ich habe nichts außer Respekt für Jack Nicholson. Er ist einer meiner Idole, seitdem ich ihn das erste Mal sah. Ich liebe diesen Typen.

SPIEGEL: Trotzdem ist Ihr Spiel viel zurückhaltender als seins.

DiCaprio: Es hat keinen Sinn zu versuchen, die Schauspielerei neu erfinden zu wollen. Nehmen Sie Marlon Brando, James Dean, Montgomery Clift. Das sind die Typen, die angefangen haben, als Schauspieler Jazz zu spielen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Keinen Foxtrott mehr. Uns Jüngeren bleibt nichts anderes übrig, als immer wieder dahin zurückzukehren. Der Korken ist doch längst aus der Flasche geknallt. Ich justiere bloß an kleineren Schrauben.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

DiCaprio: Teddy, meine Figur in "Shutter Island", spricht an einer Stelle plötzlich deutsch. Das war definitiv meine Idee. Und das ist sehr wichtig für die Glaubwürdigkeit an dieser Stelle, weil Teddy mit jemandem redet, den er im Verdacht hat, als Arzt in einem Konzentrationslager gearbeitet zu haben. Ich habe zu Marty gesagt, wenn Teddy wirklich im Zweiten Weltkrieg länger in Deutschland war und wenn er in den Konzentrationslagern die Wärter verhört hat, dann hat er definitiv ein bisschen Deutsch gelernt.

SPIEGEL: So wie Sie bei Ihrer deutschen Oma.

DiCaprio: Darauf bin ich echt stolz. Wie klingt es für Sie?

SPIEGEL: Es klingt wie ein Amerikaner, der deutsch spricht.

DiCaprio: Hm. Okay, ich kann es nicht richtig fließend, aber ich komme klar in Deutschland. Ich kann dort leben, Essen bestellen, und ich weiß, was man sagt, um Leuten ein Hotel zu buchen. Wenn Sie mich in Deutschland aussetzen würden, ich würde überleben.

SPIEGEL: Sie müssten doch mit Ihren Großeltern deutsch gesprochen haben.

DiCaprio: Die konnten ja auch Englisch. Sie haben nach dem Zweiten Weltkrieg 30 Jahre in der Bronx gelebt und sind erst dann zurück nach Deutschland gegangen. Meine Mutter war acht, als sie nach New York kam.

SPIEGEL: Eigentlich komisch, dass Ihre Mutter Ihnen dann nicht ihre Muttersprache beigebracht hat.

DiCaprio: Da war damals nichts mit Beibringen bei mir. Man kann ihr da keinen Vorwurf machen. Niemand hätte mir damals irgendwas beibringen können.

SPIEGEL: Warum?

DiCaprio: Ich war ein wildes Kind, das einfach gemacht hat, was es wollte. Meine Eltern sind großartig. Aber sie waren eben auch, na ja, Hippies. Wir haben damals in einer ziemlich coolen, aber auch, sagen wir, drogenaffinen Gegend von Los Angeles gewohnt, Echo Park. Ist natürlich heute richtig hip. Damals aber standen die Junkies da rum, die aus Hollywood vertrieben wurden. Man musste auch ein bisschen ein schlimmes Kid sein, um sich dort zu behaupten.

SPIEGEL: Und von dort jeden Sommer nach Oer-Erkenschwick ...

DiCaprio: Den Ortsnamen können ja noch nicht einmal Sie aussprechen!

SPIEGEL: Herr DiCaprio, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Philipp Oehmke

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insgesamt 2 Beiträge
mime 12.02.2010
Shutter Island wird wohl einfach nur ein weiterer mittelmäßiger Film von diesem Regisseur-Muse-Duo sein. Da kam seit Jahren nichts wirklich Erwähnenswertes. Da freue ich mich doch viel mehr auf Nolans Neuen, [...]
Shutter Island wird wohl einfach nur ein weiterer mittelmäßiger Film von diesem Regisseur-Muse-Duo sein. Da kam seit Jahren nichts wirklich Erwähnenswertes. Da freue ich mich doch viel mehr auf Nolans Neuen, "Inception", ebenfalls mit DiCaprio.
Hunnebuk 13.02.2010
... was für ein gelungenes Interview. Vielen Dank Herr Oehmke
... was für ein gelungenes Interview. Vielen Dank Herr Oehmke
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Zur Person
DPA
Leonardo DiCaprio wurde dreimal für einen Oscar nominiert und gilt als einer der präzisesten Schauspieler seiner Generation. Weltberühmt wurde er 1997 in "Titanic". Mit dem Regisseur Martin Scorsese drehte DiCaprio, 35, die Filme "Gangs of New York" (2002), "Aviator" (2004), "Departed - Unter Feinden" (2006) und zuletzt "Shutter Island", der auf der Berlinale Weltpremiere feiert und am 25. Februar in die deutschen Kinos kommt.






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