ThemaWachkomaRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2010
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
13.02.2010
 

Hirnforschung

Rettung für die Verschütteten

Von Manfred Dworschak

Mit Schädelelektroden wollen Neurologen Kontakt zu Menschen im Wachkoma aufnehmen. Testfall: der Belgier Rom Houben, der 23 Jahre lang unentdeckt dahindämmerte.


Tagein, tagaus klebt Marie-Aurélie Bruno verkabelte Kappen mit Elektroden auf die rasierten Schädel ihrer Patienten. Die Neuropsychologin von der Uni Lüttich sucht nach Signalen in den zittrigen Kurven der Hirnströme. Es könnte eine Nachricht darin verborgen sein.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser
Ihre Patienten liegen im Wachkoma. Die meiste Zeit scheinen sie vollkommen entrückt, obwohl ihre Augen offen sind. Nur selten verrät ein Zwinkern oder ein Händedruck, dass sich hier noch schwach ein Bewusstseinsrest regt. Wer direkt an ihrem Gehirn lauschen könnte, hätte einen besseren Zugang. "Wir versuchen, in Einzelfällen sogar über diesen Weg zu kommunizieren", sagt Steven Laureys, Leiter der Lütticher Forschungsgruppe.

Die Technik stammt aus dem Labor des Neurologen Niels Birbaumer von der Universität Tübingen. "Bei uns funktioniert das schon ziemlich gut", sagt Birbaumer. Er behandelt damit Patienten mit dem Locked-in-Syndrom: Sie sind nachweisbar bei vollem Bewusstsein, aber von Kopf bis Fuß gelähmt. Im Labor können einige dank der Elektroden nun bereits einen Computer als Schreibgerät nutzen: Auf einem Bildschirm erscheint rasch nacheinander eine Auswahl von Buchstaben; den gewünschten bestätigen die Probanden, indem sie sich kurz auf "Ja" konzentrieren. Mal gelingt das in wenigen Sekunden, mal dauert es eine Minute.

Die Forscher in Lüttich hoffen, dass diese Methode auch ihrem inzwischen berühmtesten Patienten hilft: Rom Houben, 46, verbrachte nach einem Autounfall 23 Jahre unentdeckt im Wachkoma (SPIEGEL 48/2009). Für ihn könnte es der einzig verbleibende Weg sein, sich seiner Mitwelt verständlich zu machen.

Das Personal im Pflegeheim hatte es bei dem Mann zunächst mit einer Bildschirmtastatur versucht, die er mit seinem rechten, nicht vollständig gelähmten Zeigefinger bediente. Eine Weile lang sah das nach einer guten Idee aus: Mit etwas Übung gelang es Houben, zügig zu tippen; zwar machte er viele Fehler, doch ließen sich seine Mitteilungen entschlüsseln.

Eine Logopädin musste dabei allerdings hinter ihm stehen und seine Hand stützen. Der Neurologe Laureys versicherte, er habe sich zuvor davon überzeugt, dass nicht in Wahrheit die Logopädin schreibt.

Die Überprüfung war aber, wie sich nun zeigt, nicht gründlich genug gewesen. Wer sichere Ergebnisse will, muss die Patienten einer langwierigen Prozedur unterziehen. Menschen mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma sind nicht immer bereit, anstrengenden Anweisungen zu folgen; auch schlafen sie viel, und gelegentlich versinken sie in längere Delirien. Um fälschlich negative Befunde auszuschließen, sind deshalb wiederholte Testläufe über mehrere Wochen hinweg nötig.

Das hat Laureys jetzt nachgeholt. Resultat: Houben schrieb wohl doch nicht selbst; er hat nicht genug Kraft und Muskelkontrolle in seinem rechten Arm, um Zeichen anzusteuern. Die Logopädin, im Bemühen, dem Mann zum Ausdruck zu verhelfen, übernahm also unbewusst die Führung - solche Selbsttäuschungen kommen bei der Methode immer wieder vor. Auch die Auskünfte, die Houben Ende vorigen Jahres dem SPIEGEL gab, stammten demnach nicht von ihm.

Im aktuellen Test bekam Houben nun der Reihe nach ein Wort vorgesprochen oder einen von 15 Gegenständen gezeigt; die Logopädin war nicht dabei. Danach sollte der Mann jeweils den richtigen Begriff aufschreiben - es gelang kein einziges Mal.

Die Methode des "Gestützten Schreibens" an sich ist damit aber nicht unbedingt diskreditiert. Ein anderer gelähmter Proband mit vergleichbarer Hirndiagnose, den Laureys ebenfalls untersuchte, lag bei den Kontrollfragen 15-mal richtig: "Das bedeutet, man muss wirklich jeden Einzelfall prüfen."

Die Arbeit mit Houben beginnt nun von vorn. Sicher ist nur: Die Aufnahmen seines Gehirns zeigen Aktivitäten, die sich von denen eines Gesunden nur wenig unterscheiden. Dass er bei Bewusstsein ist, halten die Forscher somit für ziemlich sicher. Sie sind in der verzweifelten Lage eines Rettungstrupps, der versucht, einen Verschütteten auszugraben.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 9 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.02.2010 von j.m.l.: Möglichkeiten? Ja, aber...

Die Ansteuerung von Technik ist nicht nur ein Problem der Muskeln Augen oder Finger). Es gibt genügend andere Gründe auf der neurologischen oder psychischen Ebene, die Kommunikation verhindern. So kann z.B. beim Vorliegen einer [...] mehr...

13.02.2010 von Bala Clava: ira et iro-nie

Sorry, Frau Trallala, Sie stürmen in die falsche Richtung. Bin glücklicher Privatpatient. Aber ein leicht zynisch-ironischer Blick auf das deutsche Gesundheitssystem ist ganz heilsam - fürs System und für den Beitragszahler [...] mehr...

13.02.2010 von Mattness: Diskreditiert

"facilitated communication" an sich, ist schon LANGE diskreditiert (aber hey, welches Nachrichtenmagazin will sich schon so eine herzerweichende Story entgehen lassen? "komatöser Patient 23 Jahre bei vollem [...] mehr...

13.02.2010 von frau trallala: Möglichkeiten

Die Vorraussetzung dafür ist ja, dass der Blick auch noch der bewussten Steuerung unterliegt und nicht nur unkontrolliert hin und her springt. Bestimmte Krankheiten wie ALS, bei denen diese Computer eingesetzt werden, führen [...] mehr...

13.02.2010 von myspace: #

Darf man das Leben eines Menschen, der jahrelang im Wachkoma vegetiert ohne Kommunikation mit der Außenwelt, überhaupt künstlich verlängern? *Das* nenne ich ein ethisches Dilemma. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Medizin
alles zum Thema Wachkoma

© DER SPIEGEL 7/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem aktuellen SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 7/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Unglücke: Beim Kölner U-Bahn-Bau wurden offenbar Prüfberichte manipuliert
  • - Wohnungsmarkt: Ein Hamburger Kaufmann hat sich auf die Vermietung an Hartz-IV-Empfänger spezialisiert
  • - Medizin: Wie schon im Mutterleib der Keim für spätere Krankheiten gelegt wird
  • - Archäologie: Die Wüstenkönigin - der sagenhafte Aufstieg der antiken Herrscherin Zenobia

Abo-Angebote: Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Verwandte Themen


Kurzer Wegweiser durch das Gehirn

Gehirn: Steuerzentrale des Körpers

Als Gehirn bezeichnet man den im Kopf gelegenen Abschnitt des Nervensystems, der die zentrale Steuerungszentrale des Körpers bildet. Bei höher entwickelten Tieren bildet das Gehirn zusammen mit dem Rückenmark das Zentralnervensystem. In ihm sind die Sinneszentren und übergeordnete Schaltzentren (Koordinations- und Assoziationszentren) zusammengefasst. Es ist für die Ausbildung komplizierter Handlungsabläufe, für die Fähigkeit des Gedächtnisses und für die Ausprägung von Denken, Gefühlen, Bewusstsein und Intelligenz verantwortlich.

Gehirnteile: Vorderhirn, Mittelhirn, Rautenhirn

Großhirn: Spezialität des menschlichen Gehirns

Großhirnrinde: Sitz der "grauen Zellen"






TOP



TOP