Von Manfred Dworschak
Die Technik stammt aus dem Labor des Neurologen Niels Birbaumer von der Universität Tübingen. "Bei uns funktioniert das schon ziemlich gut", sagt Birbaumer. Er behandelt damit Patienten mit dem Locked-in-Syndrom: Sie sind nachweisbar bei vollem Bewusstsein, aber von Kopf bis Fuß gelähmt. Im Labor können einige dank der Elektroden nun bereits einen Computer als Schreibgerät nutzen: Auf einem Bildschirm erscheint rasch nacheinander eine Auswahl von Buchstaben; den gewünschten bestätigen die Probanden, indem sie sich kurz auf "Ja" konzentrieren. Mal gelingt das in wenigen Sekunden, mal dauert es eine Minute.
Die Forscher in Lüttich hoffen, dass diese Methode auch ihrem inzwischen berühmtesten Patienten hilft: Rom Houben, 46, verbrachte nach einem Autounfall 23 Jahre unentdeckt im Wachkoma (SPIEGEL 48/2009). Für ihn könnte es der einzig verbleibende Weg sein, sich seiner Mitwelt verständlich zu machen.
Das Personal im Pflegeheim hatte es bei dem Mann zunächst mit einer Bildschirmtastatur versucht, die er mit seinem rechten, nicht vollständig gelähmten Zeigefinger bediente. Eine Weile lang sah das nach einer guten Idee aus: Mit etwas Übung gelang es Houben, zügig zu tippen; zwar machte er viele Fehler, doch ließen sich seine Mitteilungen entschlüsseln.
Eine Logopädin musste dabei allerdings hinter ihm stehen und seine Hand stützen. Der Neurologe Laureys versicherte, er habe sich zuvor davon überzeugt, dass nicht in Wahrheit die Logopädin schreibt.
Die Überprüfung war aber, wie sich nun zeigt, nicht gründlich genug gewesen. Wer sichere Ergebnisse will, muss die Patienten einer langwierigen Prozedur unterziehen. Menschen mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma sind nicht immer bereit, anstrengenden Anweisungen zu folgen; auch schlafen sie viel, und gelegentlich versinken sie in längere Delirien. Um fälschlich negative Befunde auszuschließen, sind deshalb wiederholte Testläufe über mehrere Wochen hinweg nötig.
Das hat Laureys jetzt nachgeholt. Resultat: Houben schrieb wohl doch nicht selbst; er hat nicht genug Kraft und Muskelkontrolle in seinem rechten Arm, um Zeichen anzusteuern. Die Logopädin, im Bemühen, dem Mann zum Ausdruck zu verhelfen, übernahm also unbewusst die Führung - solche Selbsttäuschungen kommen bei der Methode immer wieder vor. Auch die Auskünfte, die Houben Ende vorigen Jahres dem SPIEGEL gab, stammten demnach nicht von ihm.
Im aktuellen Test bekam Houben nun der Reihe nach ein Wort vorgesprochen oder einen von 15 Gegenständen gezeigt; die Logopädin war nicht dabei. Danach sollte der Mann jeweils den richtigen Begriff aufschreiben - es gelang kein einziges Mal.
Die Methode des "Gestützten Schreibens" an sich ist damit aber nicht unbedingt diskreditiert. Ein anderer gelähmter Proband mit vergleichbarer Hirndiagnose, den Laureys ebenfalls untersuchte, lag bei den Kontrollfragen 15-mal richtig: "Das bedeutet, man muss wirklich jeden Einzelfall prüfen."
Die Arbeit mit Houben beginnt nun von vorn. Sicher ist nur: Die Aufnahmen seines Gehirns zeigen Aktivitäten, die sich von denen eines Gesunden nur wenig unterscheiden. Dass er bei Bewusstsein ist, halten die Forscher somit für ziemlich sicher. Sie sind in der verzweifelten Lage eines Rettungstrupps, der versucht, einen Verschütteten auszugraben.
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Die Ansteuerung von Technik ist nicht nur ein Problem der Muskeln Augen oder Finger). Es gibt genügend andere Gründe auf der neurologischen oder psychischen Ebene, die Kommunikation verhindern. So kann z.B. beim Vorliegen einer [...] mehr...
Sorry, Frau Trallala, Sie stürmen in die falsche Richtung. Bin glücklicher Privatpatient. Aber ein leicht zynisch-ironischer Blick auf das deutsche Gesundheitssystem ist ganz heilsam - fürs System und für den Beitragszahler [...] mehr...
"facilitated communication" an sich, ist schon LANGE diskreditiert (aber hey, welches Nachrichtenmagazin will sich schon so eine herzerweichende Story entgehen lassen? "komatöser Patient 23 Jahre bei vollem [...] mehr...
Die Vorraussetzung dafür ist ja, dass der Blick auch noch der bewussten Steuerung unterliegt und nicht nur unkontrolliert hin und her springt. Bestimmte Krankheiten wie ALS, bei denen diese Computer eingesetzt werden, führen [...] mehr...
Darf man das Leben eines Menschen, der jahrelang im Wachkoma vegetiert ohne Kommunikation mit der Außenwelt, überhaupt künstlich verlängern? *Das* nenne ich ein ethisches Dilemma. mehr...
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© DER SPIEGEL 7/2010
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