ThemaWachkomaRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2010
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Hirnforschung Rettung für die Verschütteten

2. Teil: Haben Sie Brüder?

Versuche mit einem Schalter, den Houben mit dem rechten Fuß betätigte, waren zuvor gescheitert. Es gelang ihm zwar, den Knopf zu drücken, doch wegen seiner spastischen Verkrampfung konnte er danach den Fuß nur mehr schwer vom Schalter lösen. "Wir müssen einfach einen anderen Weg zu ihm finden", sagt Laureys.

Vorige Woche wurde zudem bekannt, dass der Belgier kein Einzelfall ist. Der Neurologe Adrian Owen von der Uni Cambridge hatte zusammen mit Laureys 54 Wachkomapatienten im Hirnscanner untersucht. Das Verfahren, genannt funktionelle Magnetresonanztomografie, zeigt in Echtzeit die Areale im Gehirn, die gerade aktiv sind.

Die Patienten wurden gebeten, sich vorzustellen, dass sie Tennis spielen oder aber in ihrer vertrauten Wohnung umhergehen. Bei solchem Kopfkino wird jeweils ein anderes Hirnareal aktiv. 5 der 54 Patienten zeigten sich in der Lage, je nach Anweisung die richtige Szene aufzurufen. Einem Patienten gelang es sogar, mit Hilfe dieser Technik Fragen zu beantworten: Haben Sie Brüder? Heißt Ihr Vater Thomas? Heißt er Alexander? Jedes Mal leuchteten die richtigen Hirnareale auf: Tennis für ja, Wohnung für nein.

Dieser Mann ist 29 Jahre alt, wie Houben Opfer eines Verkehrsunfalls - und liegt seit sieben Jahren unansprechbar im Wachkoma. Selbst nach seinen spektakulären Botschaften unterm Hirnscanner fanden die Forscher jedoch keine äußeren Anzeichen von Bewusstsein; ein gründlicher Verhaltenstest konnte ihm keinerlei Reaktionen entlocken. Der Mann ist offenbar vollständig in seinem Gehirn eingeschlossen.

Die Studie, veröffentlicht im "New England Journal of Medicine", erregte weltweit Aufsehen. Zwar kommen so extreme Fälle wohl nur sehr selten vor, aber auszuschließen ist das nun bei keinem mehr.

Gewissheit kann bislang nur der Hirnscanner geben. "Aber so ein Apparat kostet vier Millionen Euro und wiegt fünf Tonnen", sagt der Tübinger Hirnforscher Birbaumer. "Für den Alltag im Pflegeheim oder zu Hause hilft uns das nichts."

Für den Belgier Rom Houben ist das Verfahren ohnehin gänzlich ungeeignet. Ein Versuch endete ohne brauchbaren Befund, weil der Mann wegen seiner Spasmen den Kopf kaum stillhalten kann. Elektroden, die Hirnströme aufzeichnen, wären für ihn das Mittel der Wahl.

Marie Brunos erste EEG-Studien mit anderen Wachkomapatienten in Lüttich verliefen halbwegs ermutigend. 3 von 13 Probanden konnten ihre Fragen auffallend häufig korrekt beantworten. Doch von verlässlicher Kommunikation ist die Technik noch weit entfernt. Es ist zudem nicht leicht, die Messfühler an den richtigen Stellen zu fixieren und die Elektronik präzise einzupegeln. Und nach ein paar Stunden müssen die Plättchen schon wieder abgenommen werden, damit die feuchte Haut darunter sich nicht entzündet.

Niels Birbaumer hofft auf Trockenelektroden, die auch ohne Hautkontakt funktionieren. Sie werden einfach auf den Haaren aufgesetzt und können dauerhaft getragen werden. Noch sind die Signale, die sie empfangen, zu undeutlich. "Aber in ein, zwei Jahren", meint Birbaumer, "sollte die Technik reif für erste Versuche sein."

Eine weit bessere Methode wäre schon jetzt verfügbar: die Implantation von Elektroden direkt ins Gehirn.

In der Regel ergibt das wunderbar klare Signale. Doch ist der Eingriff nicht ohne Risiken - stets drohen Infektionen, äußerstenfalls könnte die Sache auch tödlich enden. Ein schweres ethisches Dilemma, meint Steven Laureys: "Darf man einem Patienten, der nicht zustimmen kann, den Schädel aufbohren?"

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 9 Beiträge
marasek 12.02.2010
Wenn der Zeigefinger noch bewegt werden kann, warum dann nicht die dort vorhandene Aktivität ausnutzen?
Wenn der Zeigefinger noch bewegt werden kann, warum dann nicht die dort vorhandene Aktivität ausnutzen?
Bala Clava 12.02.2010
Erste Frage des Arztes (in Deutschland): "Privat oder Kasse?"
Zitat von sysopMit Schädelelektroden wollen Neurologen Kontakt zu Menschen im Wachkoma aufnehmen. Testfall: der Belgier Rom Houben, der 23 Jahre lang unentdeckt dahindämmerte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,677599,00.html
Erste Frage des Arztes (in Deutschland): "Privat oder Kasse?"
hel0815 12.02.2010
Irgendwie wundere ich mich immer wieder, warum in so einem Fall nicht die Möglichkeit der Blicksteuerung genutzt wird. Diese Systeme sind zwar immer noch sehr teuer, funktionieren aber und in Deutschland übernimmt dafür aber [...]
Irgendwie wundere ich mich immer wieder, warum in so einem Fall nicht die Möglichkeit der Blicksteuerung genutzt wird. Diese Systeme sind zwar immer noch sehr teuer, funktionieren aber und in Deutschland übernimmt dafür aber sorgar die Kasse die Kosten. Dieses Verfahren ist berührungslos und viel schneller als die Steuerung über Hirnaktivität.
frau trallala 13.02.2010
Ich finde es einfach fürchterlich, diese an sich wunderbaren Forschungsergebnisse gleich wieder dazu zu benutzen, sich über irgendetwas zu beschweren In erster Linie sollte man natürlich daran denken, wie sehr jeder [...]
Zitat von Bala ClavaErste Frage des Arztes (in Deutschland): "Privat oder Kasse?"
Ich finde es einfach fürchterlich, diese an sich wunderbaren Forschungsergebnisse gleich wieder dazu zu benutzen, sich über irgendetwas zu beschweren In erster Linie sollte man natürlich daran denken, wie sehr jeder Fortschritt in dieser Richtung den Betroffenen und ihren Angehörigen in dieser schlimmen Situation hilft und das ganze als Grund zur Freude und nicht als Einladung zum Meckern auffassen. Zweitens: Bevor man solche pauschalen Behauptungen in den Raum stellt, sollte man sich erst einmal informieren, denn Privat ist nicht automatisch besser als Kasse. Beispielsweise werden bei Patienten mit Amylotropher Lateralsklerose (einer schweren degenerativen Nervenerkrankung, die zur vollständigen Lähmung führt) von den gesetzlichen Kassen mit den Augen steuerbare Computer anstandslos bezahlt. Hingegen haben haben Privatversicherte in dieser Situation, die im Endstadium der im Artikel beschriebenen gar nicht unähnlich ist, wesentlich schlechtere Karten. Sie bekommen die teuren Computer, die einzige Möglichkeit der Kommunikation, wenn überhaupt oftmals nur nach langwierigem Rechtsstreit mit ihrer Kasse. Der Grund ist, dass private Kassen genau aufführen, welche medizinischen Geräte bezahlt werden während die gesetzlichen allgemeiner gefasste Bedingungen haben und bezahlen, solange es medizinisch sinnvoll und notwendig ist. Also bitte erst informieren anstatt jede noch so gute Nachricht als Aufforderung zu sehen, seinen Pessimismus zur Schau zu stellen. Wie gut ein Patient versorgt wird, hängt auch viel davon ab, wie sehr sich ein Arzt für seinen Beruf und seine Patienten interessiert und einsetzt. Dabei kann man auch großes Pech haben, auch mit Privatversicherung.
myspace 13.02.2010
Darf man das Leben eines Menschen, der jahrelang im Wachkoma vegetiert ohne Kommunikation mit der Außenwelt, überhaupt künstlich verlängern? *Das* nenne ich ein ethisches Dilemma.
Zitat von sysopEin schweres ethisches Dilemma, meint Steven Laureys: "Darf man einem Patienten, der nicht zustimmen kann, den Schädel aufbohren?"
Darf man das Leben eines Menschen, der jahrelang im Wachkoma vegetiert ohne Kommunikation mit der Außenwelt, überhaupt künstlich verlängern? *Das* nenne ich ein ethisches Dilemma.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Medizin
alles zum Thema Wachkoma

© DER SPIEGEL 7/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem aktuellen SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 7/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Unglücke: Beim Kölner U-Bahn-Bau wurden offenbar Prüfberichte manipuliert
  • - Wohnungsmarkt: Ein Hamburger Kaufmann hat sich auf die Vermietung an Hartz-IV-Empfänger spezialisiert
  • - Medizin: Wie schon im Mutterleib der Keim für spätere Krankheiten gelegt wird
  • - Archäologie: Die Wüstenkönigin - der sagenhafte Aufstieg der antiken Herrscherin Zenobia

Abo-Angebote: Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Verwandte Themen

Kurzer Wegweiser durch das Gehirn
Als Gehirn bezeichnet man den im Kopf gelegenen Abschnitt des Nervensystems, der die zentrale Steuerungszentrale des Körpers bildet. Bei höher entwickelten Tieren bildet das Gehirn zusammen mit dem Rückenmark das Zentralnervensystem. In ihm sind die Sinneszentren und übergeordnete Schaltzentren (Koordinations- und Assoziationszentren) zusammengefasst. Es ist für die Ausbildung komplizierter Handlungsabläufe, für die Fähigkeit des Gedächtnisses und für die Ausprägung von Denken, Gefühlen, Bewusstsein und Intelligenz verantwortlich.





TOP



TOP