Von Manfred Dworschak
Versuche mit einem Schalter, den Houben mit dem rechten Fuß betätigte, waren zuvor gescheitert. Es gelang ihm zwar, den Knopf zu drücken, doch wegen seiner spastischen Verkrampfung konnte er danach den Fuß nur mehr schwer vom Schalter lösen. "Wir müssen einfach einen anderen Weg zu ihm finden", sagt Laureys.
Vorige Woche wurde zudem bekannt, dass der Belgier kein Einzelfall ist. Der Neurologe Adrian Owen von der Uni Cambridge hatte zusammen mit Laureys 54 Wachkomapatienten im Hirnscanner untersucht. Das Verfahren, genannt funktionelle Magnetresonanztomografie, zeigt in Echtzeit die Areale im Gehirn, die gerade aktiv sind.
Die Patienten wurden gebeten, sich vorzustellen, dass sie Tennis spielen oder aber in ihrer vertrauten Wohnung umhergehen. Bei solchem Kopfkino wird jeweils ein anderes Hirnareal aktiv. 5 der 54 Patienten zeigten sich in der Lage, je nach Anweisung die richtige Szene aufzurufen. Einem Patienten gelang es sogar, mit Hilfe dieser Technik Fragen zu beantworten: Haben Sie Brüder? Heißt Ihr Vater Thomas? Heißt er Alexander? Jedes Mal leuchteten die richtigen Hirnareale auf: Tennis für ja, Wohnung für nein.
Dieser Mann ist 29 Jahre alt, wie Houben Opfer eines Verkehrsunfalls - und liegt seit sieben Jahren unansprechbar im Wachkoma. Selbst nach seinen spektakulären Botschaften unterm Hirnscanner fanden die Forscher jedoch keine äußeren Anzeichen von Bewusstsein; ein gründlicher Verhaltenstest konnte ihm keinerlei Reaktionen entlocken. Der Mann ist offenbar vollständig in seinem Gehirn eingeschlossen.
Die Studie, veröffentlicht im "New England Journal of Medicine", erregte weltweit Aufsehen. Zwar kommen so extreme Fälle wohl nur sehr selten vor, aber auszuschließen ist das nun bei keinem mehr.
Gewissheit kann bislang nur der Hirnscanner geben. "Aber so ein Apparat kostet vier Millionen Euro und wiegt fünf Tonnen", sagt der Tübinger Hirnforscher Birbaumer. "Für den Alltag im Pflegeheim oder zu Hause hilft uns das nichts."
Für den Belgier Rom Houben ist das Verfahren ohnehin gänzlich ungeeignet. Ein Versuch endete ohne brauchbaren Befund, weil der Mann wegen seiner Spasmen den Kopf kaum stillhalten kann. Elektroden, die Hirnströme aufzeichnen, wären für ihn das Mittel der Wahl.
Marie Brunos erste EEG-Studien mit anderen Wachkomapatienten in Lüttich verliefen halbwegs ermutigend. 3 von 13 Probanden konnten ihre Fragen auffallend häufig korrekt beantworten. Doch von verlässlicher Kommunikation ist die Technik noch weit entfernt. Es ist zudem nicht leicht, die Messfühler an den richtigen Stellen zu fixieren und die Elektronik präzise einzupegeln. Und nach ein paar Stunden müssen die Plättchen schon wieder abgenommen werden, damit die feuchte Haut darunter sich nicht entzündet.
Niels Birbaumer hofft auf Trockenelektroden, die auch ohne Hautkontakt funktionieren. Sie werden einfach auf den Haaren aufgesetzt und können dauerhaft getragen werden. Noch sind die Signale, die sie empfangen, zu undeutlich. "Aber in ein, zwei Jahren", meint Birbaumer, "sollte die Technik reif für erste Versuche sein."
Eine weit bessere Methode wäre schon jetzt verfügbar: die Implantation von Elektroden direkt ins Gehirn.
In der Regel ergibt das wunderbar klare Signale. Doch ist der Eingriff nicht ohne Risiken - stets drohen Infektionen, äußerstenfalls könnte die Sache auch tödlich enden. Ein schweres ethisches Dilemma, meint Steven Laureys: "Darf man einem Patienten, der nicht zustimmen kann, den Schädel aufbohren?"
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© DER SPIEGEL 7/2010
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