Von Dieter Bednarz und Erich Follath
Der General ist zum Rückgrat des Regimes geworden. Anders als seine Kameraden aus der regulären Armee gebietet Dschaafari zugleich über ein gigantisches Wirtschaftsimperium. Rücksichtslos kaperten die Pasdaran die Wirtschaft des eigenen Landes - mit der Rückendeckung ihres Förderers Chamenei. Wie viele Firmen die Revolutionswächter inzwischen übernommen haben, vermag niemand zu sagen. Ihr Mitbegründer Sazegara schätzt, dass sie "mehr als hundert verschiedene Unternehmen kontrollieren" - von Exportfirmen für Haushaltswaren bis hin zu Herstellern von Pkw-Ersatzteilen. Weltweit sollen die Pasdaran mehr als 500 Firmenniederlassungen gegründet haben.
Nach Informationen der Volksmudschahidin, die vom Ausland gegen das Regime opponieren, wickeln die Garden weit über die Hälfte des gesamten Importgeschäfts und fast ein Drittel des Exports ab - unabhängig von ihrer Teilhabe am einträglichen Erdölgeschäft. Der jährliche Profit soll sich auf fünf Milliarden Dollar belaufen. Praktischerweise kontrollieren sie auch den größten Containerhafen des Landes, Bandar Abbas, und den Flughafen der Hauptstadt Teheran.
Als Profitcenter des Pasdaran-Konglomerats aus Handelsfirmen und Industrieanlagen gilt der Baukonzern Chatam al-Anbija, der 55.000 Pasdaran und Bassidsch Arbeit und Lohn gibt. Begonnen hatte die Firma einst mit dem Ausbau von Straßen und Stellungen im Krieg, errichtete dann Kasernen für die Armee sowie Pisten für die Luftwaffe. Heute ist Chatam ein Mischkonzern mit über 800 Beteiligungen sowie Subunternehmen und einem geschätzten Jahresumsatz von umgerechnet sieben Milliarden Dollar. Am Mittwoch weiteten die USA ihre bereits bestehenden Sanktionen gegen Chatam auf vier Tochterfirmen aus.
Um in das besonders lukrative Erdölgeschäft vorzudringen, schrecken die Pasdaran auch vor kleinen Privatkriegen nicht zurück. Noch heute erinnern sich iranische Geschäftsleute in Teheran, wie im August 2006 Revolutionswächter, die Gewehre im Anschlag, mit einem Militärboot auf die Bohrplattform "Orizont" zusteuerten und sie enterten. Kurz darauf gab der größte private iranische Ölförderer die Quelle auf. Die Erlöse für das Öl der "Orizont" füllten fortan die Kassen der Pasdaran.
Im vergangenen Herbst entdeckten die Milizenchefs die Kommunikationsbranche als einträgliches Geschäftsfeld. Ein Konsortium, das den Revolutionswächtern nahesteht, übernahm die Mehrheit an der Telecom Iran. Nun hat die Truppe das Festnetz, zwei Mobilfunkgesellschaften sowie Internetprovider unter Kontrolle und breitet sich in einem der größten Wachstumsmärkte aus.
Vor allem aber haben die Garden die Politik erobert. Der Teheraner Politikwissenschaftler Dawud Bowand nannte das einen "schleichenden Militärputsch". Während viele Iraner ihre Hoffnung auf Liberalisierung in den Reformpräsidenten Mohammed Chatami setzten, holten die Pasdaran mit dem Segen ihres Schutzherrn Chamenei zum Gegenschlag aus - und brachten Ahmadinedschad 2005 als ihren Cheflobbyisten ins höchste Staatsamt. Schon in dessen erster Regierung stellten die Pasdaran 5 der 21 Minister und erhielten lukrative Aufträge von der Regierung zugeschanzt, darunter den Bau einer Pipeline nach Pakistan. In der neuen Regierung kamen 13 Ressortchefs aus den Garden.
Herr über die drittgrößten Ölreserven der Welt ist mit Minister Massud Mirasemi der ehemalige Logistikchef der Organisation, der zuvor schon vier Jahre als Handelsminister wenig Qualifikation gezeigt hatte. Aus den Erdöleinnahmen sollen den Pasdaran in jüngerer Zeit insgesamt sieben Milliarden Dollar zugeflossen sein.
Auch ein Drittel des Teheraner Parlaments, des Madschlis, wird den Pasdaran zugerechnet. Parlamentspräsident Ali Laridschani, zuvor Chefunterhändler in Atomfragen, war ebenso ein hoher Offizier wie sein Nachfolger als Nuklearverhandler Said Dschalili. Dass beide aus dem Kader der Pasdaran kommen, macht Sinn, denn die Atomprojekte sind das ganz spezielle Tätigkeitsfeld der Organisation.
Ihre Firmen sollen die versteckten Tunnel bauen, etwa für die geplante Anreicherungsanlage bei Ghom; ihre Wissenschaftler reichern das Uran an, ihre Elitetruppen schützen die Atomfabriken, und ihre Führer warnen die USA und das mit ihnen verbündete Israel vor Angriffen. "Wenn ihre Kampfflugzeuge dem iranischen Abwehrsystem entkommen", erklärte der Chef der Pasdaran-Luftwaffe, Amir Ali Hadschisade, "werden ihre Stützpunkte von unseren Boden-Boden-Raketen zerstört, bevor sie landen." Das geheime Atomprogramm Irans, über das der SPIEGEL (3/2010) anhand vorliegender Geheimdokumenten berichtete, leitet mit Mohsen Fachrisade ein hoher Offizier der Revolutionswächter.
Die Uno-Sanktionen könnten über schon erfolgte Strafmaßnahmen hinaus nun weitere führende Pasdaran persönlich treffen - durch Einreiseverbote in westliche Länder oder das Einfrieren von Konten. Strafmaßnahmen gegen Pasdaran-Firmen könnten die dringend notwendigen Investitionen in die Erdölindustrie zum Erliegen bringen, eine Sperrung von Banken womöglich das Land lähmen - schon jetzt räumen viele Iraner ihre Konten leer, die Inflation liegt wohl bei 25 Prozent.
Bislang bringen weder neue Sanktionsdrohungen noch Massenproteste und Straßenschlachten die Eiferer um Chamenei & Co. von ihrem Atomkurs ab. Geradezu trotzig verkündete Ahmadinedschad in seiner Propaganda-Rede am Revolutionstag neue Erfolge: "Dank der Gnade Gottes" sei bereits eine erste Anreicherung auf 20 Prozent gelungen.
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© DER SPIEGEL 7/2010
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