Von Ralf Neukirch
Er habe mit der Atomsparte der Unternehmen nichts zu tun, entschuldigt sich Fischer. Er mache im Wesentlichen das, was er auch früher gemacht habe. Mag sein, aber man versteht trotzdem, warum sich Schröder über Fischers neuen Job freut.
"Wie ich Joschkas Job verstanden habe, geht es um außenpolitische Beratung. Ich kann da keinen Makel dran finden", sagt Schröder. Er macht ein sehr ernstes Gesicht dabei. Er kann ja schlecht zeigen, was für eine Genugtuung es für ihn ist, dass Fischer nun eine ähnliche Rolle hat wie er.
Fischer vertritt jetzt einen Atomkonzern, es geht um Gasverträge mit Ländern wie Turkmenistan oder Aserbaidschan, gegen die Russland wie ein demokratisches Idyll wirkt. Er ist jetzt moralisch auf einer Ebene mit Schröder - zumindest aus dessen Sicht.
Sie haben sich noch nicht getroffen, um über ihre Jobs zu reden. Fischer und Schröder haben noch Kontakt, Freunde sind sie nicht mehr. Über die Weihnachtstage war ein Treffen mit den Familien geplant, das musste wieder abgesagt werden.
Schröder macht keinen Hehl daraus, dass Fischer und er stets auch in Konkurrenz zueinander standen. "Zwischen Joschka und mir gab es immer einen sportlichen Wettbewerb", sagt er. "Joschka hat immer geglaubt, er sei der Größte. Ich habe das von mir natürlich niemals angenommen." In Sachen Selbstironie hat Schröder Fischer einiges voraus.
"Der Größere ist der Koch, der Kleinere ist der Kellner"
Der Wettbewerb, von dem Schröder spricht, begann schon, bevor Rot-Grün 1998 an die Macht kam. Im Jahr zuvor hatten die beiden dem "Stern" ein gemeinsames Interview gegeben, von dem sich ihr Verhältnis nie mehr ganz erholt hat.
"Hochwohlgeboren scheint es nicht mehr gewohnt zu sein, dass es andere Meinungen gibt", sagte Fischer, und Schröder konterte: "In einer rot-grünen Konstellation muss klar sein: Der Größere ist der Koch, der Kleinere ist der Kellner." Für Schröder war die Politik ein ewiger Wettstreit darum, wer der größte Hecht im Teich ist. Für Fischer auch.
Das Problem war, dass Fischer sich nie als Kellner verstanden hat. "Das Gespräch hinterließ bei mir einen nachhaltig negativen Eindruck", schrieb er in seinen Erinnerungen. Er forderte den Kanzler allerdings nie direkt heraus. Es gab andere Wege, seine Überlegenheit zu zeigen.
Schröder kümmerte sich nicht um den intellektuellen Überbau seiner Politik. Er war ein Instinktmensch, ein Mann des Augenblicks, der krisenhaften Momente, ein Entscheider.
Fischer dagegen zeichnete gern die langen Linien. Manchmal waren seine Linien so lang, dass er selbst deren Ende nicht mehr sehen konnte. Fischer schaute auf Deutschland, die Welt und wie alles zusammenhängt. Wenn er im Kabinett mal wieder erläuterte, wie man die Dinge geopolitisch sehen muss, dann verdrehte Schröder die Augen.
Fischer führt Gespräche, aber er verhandelt nicht
Es war eine Rollenverteilung, mit der beide leben konnten, bis sich der Krieg gegen den Irak abzeichnete. Fischer war gegen diesen Krieg, aber er fand es falsch, wie Schröder sein "Nein" über die Marktplätze schrie.
Fischer war auch gegen die Neuwahl, die Schröder nach der nordrhein-westfälischen Landtagswahl verkündete. Den Koch beeindruckte das nicht. Er schloss die Küche Kanzleramt, beendete seine politische Karriere und die seines Kellners Fischer gleich mit.
Joschka Fischer sitzt in einem rechteckigen Bauhaussessel, den er nahezu exakt ausfüllt.
Er hat nach seinem Abschied auf eine internationale Aufgabe gehofft, irgendetwas für die Vereinten Nationen hätte ihm gefallen. Voriges Jahr suchte die EU einen Außenminister, er wäre ein guter Kandidat gewesen. Aber die politischen Verhältnisse waren nicht so.
Im vergangenen August hat Fischer ein Büro am Gendarmenmarkt gemietet. Die Wände strahlen noch in frischem Weiß, es fehlen ein paar Bilder. JF&C, Joschka Fischer & Company, steht auf dem Türschild, das klingt nach amerikanischer Anwaltskanzlei - oder nach Lobbyistenbüro.
Aber Fischer sieht sich nicht als Lobbyist. Nur, was ist er dann? Es ist nicht so einfach, das herauszufinden. Verhandeln Sie im Auftrag von RWE? Nein, sagt Fischer, er verhandle nicht. "Aber ich führe Gespräche." Fischer führt Gespräche, aber er verhandelt nicht. Es ist alles etwas rätselhaft bei ihm.
Klar sei, dass er nicht gegen Schröder antrete, sagt Fischer. Nabucco richte sich nicht gegen die Russen. Das ist eine Sichtweise, die wenige teilen. Die Russen sind gegen Nabucco, und Schröder hält auch nichts davon.
Fischer ist Konkurrent von Schröder, auch wenn er sich anders äußert. Er ist jetzt wieder Weltpolitiker, es geht um die Anbindung Zentralasiens an Europa, um bessere Beziehungen zur Türkei, um ziemlich viel also. Schröder geht es vor allem darum, das russische Gasmonopol zu erhalten.
Sie sind jetzt beide Lobbyisten, und vielleicht weiß man im kommenden Jahr, an wen diese neue Runde ihres langen Kampfes geht. 2011 soll mit dem Bau von Nabucco begonnen werden. Gaslieferverträge gibt es noch nicht, und es ist auch noch unklar, welchen Preis die Türkei für das Durchleiten des Gases haben will.
Es kann also sein, dass Schröder mit seiner Prognose recht hat und Nabucco nie wirtschaftlich arbeiten wird. Vielleicht fügt sich aber auch geopolitisch alles so, wie Fischer es beschreibt. Wie es auch kommt, der Verlierer wird die Niederlage nicht akzeptieren. Schröder gegen Fischer, der Kampf geht weiter.
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© DER SPIEGEL 7/2010
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