SPIEGEL: Ihr Vater Ludwig Manfred Lommel war einer der bekanntesten deutschen Radiohumoristen der Weimarer Zeit.
Lommel: Er hatte schon in den Schützengräben von Verdun die Truppe mit Stimmimitationen unterhalten. Er starb, als ich 17 war. Meine Mutter erzählt, dass er im Juli 1935 vom Führer für eine Privataudienz nach Berlin einflogen wurde. Hitlers Vorstellung von Entertainment war, Witze erzählt zu bekommen. Mein Vater war aber ein introvertierter Mann, der keinen einzigen Witz kannte. Als er loslegen sollte, brachte er keinen Ton raus. Hitler war aufgebracht: "Was glauben Sie, weshalb ich Sie herbestellt habe? Ein Komiker, der keine Witze erzählt: Das ist doch völlig absurd!" Mein Vater wurde rasch verabschiedet und bekam noch eine Dose Hummer geschenkt.
SPIEGEL: Wie stand er zu den Nazis?
Lommel: Mein Bruder ist mit 21 hingerichtet worden, weil er zum Stauffenberg-Kreis gehörte. Mein Vater, so erzählt es meine Mutter, erfuhr davon während einer Vorstellung in der Scala in Berlin. Ein SS-Mann kam auf die Bühne und übergab ihm das blutverschmierte Soldbuch meines Bruders. Am nächsten Morgen habe Goebbels ihn angerufen: Er solle die Aktion in der Scala als mildestmögliche Strafe verstehen, man brauche ihn, um die Menschen in diesen dunklen Zeiten zum Lachen zu bringen.
SPIEGEL: Mit 15 rissen Sie von zu Hause aus, um die Nachwuchsschule der Ufa in Berlin zu besuchen. Zwei Jahre später drehten Sie Ihren ersten Film und galten bald als Frauenheld. In Ihrer Autobiografie erzählen Sie von Ihren Beziehungen mit berühmten Frauen wie Bianca Jagger, dem Bond-Girl Carole Bouquet und der französischen Schauspielerin Anna Karina, die mit Jean-Luc Godard verheiratet war. Was machte Sie bei Frauen so erfolgreich?
Lommel: Ich war anders. Als ich mit Rudolf Thome "Detektive" drehte, erschien am Set eine 18-jährige Debütantin. Ihr Name war Iris Berben. Ihr erster Auftritt war eine Liebesszene mit mir. Ich habe sie völlig ignoriert, weder guten Tag gesagt noch mich vorgestellt. Nach der Szene bin ich ohne ein Wort weggegangen. Abends gab es ein Essen, zu dem ich zu spät kam. Ich ging auf Iris zu, nahm sie bei der Hand und sagte: "Wir gehen jetzt!" Das funktionierte. Wir waren dann ein halbes Jahr zusammen.
SPIEGEL: Sogar die hochkomplizierte Schriftstellerin Ingeborg Bachmann fand Gefallen an Ihnen.
Lommel: Der Produzent Wenzel Lüdecke feierte in seiner Villa am Grunewaldsee eine Party zu Ehren des Tänzers Rudolf Nurejew. Eine Frau, die eine Beruhigungspille nach der anderen mit Sekt runterspülte, diskutierte mit mir über den Sinn des Lebens. Erst gegen Mitternacht klärte mich der Komponist Hans Werner Henze auf, dass ich mit einer berühmten Poetin geredet hätte. Er sagte: "Die Bachmann ist ein wenig lebensmüde. Kümmere dich um sie. Du kennst dich doch mit Frauen aus."
SPIEGEL: Was haben Sie gemacht?
Lommel: Wir gingen fast jeden Tag am Grunewaldsee spazieren, anschließend fuhren wir mit dem Bus zu einem Chinesen an der Gedächtniskirche. Der Besitzer, ein alter Mongole, aß immer die Essensreste seiner Gäste und rülpste und furzte dabei. Das war damals das Einzige, was die Bachmann zum Lachen bringen konnte.
SPIEGEL: Worüber sprachen Sie?
Lommel: Ihre Beziehung mit Max Frisch war gerade zerbrochen, und sie wollte von mir wissen, wie Männer funktionieren.
SPIEGEL: 1969 spielten Sie die Hauptrolle in Fassbinders Debütfilm "Liebe ist kälter als der Tod". Was interessierte den Provokateur Fassbinder an einem Frauenschwarm, dem Magazine wie "Bravo" große Geschichten widmeten?
Lommel: Er war an meinem Marktwert interessiert. Ich hatte Rollenangebote für die nächsten drei Jahre und bekam Tausende Autogrammbitten. In einer Kneipe in München sagte er zu mir: "Ich will Filme machen. Jemand hat mir Geld versprochen, wenn du mitmachst." Er war ein halbes Jahr jünger als ich und hatte diese Attitüde aus Genie, des Teufels General und trinkendem Desperado. Weil er unsicher war, war er großmäulig. Er rauchte Kette, hatte dreckige Fingernägel und trug viel zu enge Hosen. Dennoch wirkte er irgendwie süß und sexy.
SPIEGEL: 1970 drehten Sie mit Fassbinder den Western "Whity". An Ihrer Seite spielte Ihre damalige Frau Katrin Schaake. Über die Dreharbeiten schreibt der Produzent Peter Berling in seinen Memoiren: "Am Schluss lagen die beiden Lommels am Boden und wimmerten vor Scham, Ekel und Wut."
Lommel: In einer Szene sollte Katrin mir zwei Minuten lang mit dem Handrücken ins Gesicht schlagen. Am Ende bin ich mit wahnsinnigen Kopfschmerzen vom Drehort weggelaufen. Fassbinder sagte: "Es ist besser, auf diese Weise Schmerzen zu empfinden, als sich mit einer verlogenen Ehe herumzuquälen." Er hielt unsere Ehe für gescheitert und war der Meinung, private Verlogenheiten gehörten auf den Tisch.
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Aha, 30 Jahre also muss er Horrorfilme drehen, um "seine dunkle Seite zu erkunden", bis es ihn dann irgendwann anödet... Warum schafft niemand einfach zu antworten: "Nun, ich wäre gerne ein guter Regisseur geworden, [...] mehr...
da dramatatisiert und übertreibt einer ganz erheblich, habs gern gelesen ;) ganz wilde Zeiten ^^ mehr...
So ein Typ findet in Deutschland natuerlich kaum das noetige Umfeld/Publikum. Kann mir lebhaft vorstellen, wie er in den 68'gern auflebte. Echte Ikone, Hochachtung vor diesem deutschen Dennis Hopper. mehr...
Das ist eines der genialsten Interviews, das ich seit langem gelesen habe – und es im Spiegel zu vorzufinden, tröstet mich über manche Absonderungen aus der Brandstwiete hinweg. Der Name Ulli Lommel war mir zwar bekannt, aber nur [...] mehr...
Ja, das hab ich mich auch gefragt. Hört sich für mich nach nem Wichtigtuer an. Aber Hauptsache Klaus Kinski posthum noch schlecht machen. Was soll das überhaupt für ne Geschichte sein - Gefesselt/ Pistole an den Kopf gehalten? [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 8/2010
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