Lommel: Er hatte eine Penissammlung, die seit seinem Tod von der Warhol-Foundation unter Verschluss gehalten wird. Wenn ein Prominenter in die Factory kam und die Stimmung übermütig wurde, fragte Andy den Gast, ob er ein Polaroid von dessen Penis machen dürfe. Wenn wir unter uns waren, legte er ein paar Polaroids auf den Tisch und ließ uns raten, welcher Penis zu wem gehört.
SPIEGEL: Ein berühmter Satz von Warhol lautet: "Sex is nostalgia for sex." Zu Deutsch etwa: Sex ist die Sehnsucht nach dem Sex, den man früher mal hatte.
Lommel: Ich habe Andy nie in einer intimen Situation mit einem Mann oder einer Frau gesehen. Er flirtete nicht und verhielt sich völlig asexuell, wie ein Extraterrestrischer, der nicht weiß, was Geschlechtsverkehr ist. Es gab auch niemanden in seinem Bekanntenkreis, der behauptete, Sex mit ihm zu haben. Für uns war er eine Sphinx ohne Körper. Bei einer Pressekonferenz zu unserem Film "Cocaine Cowboys" wurde er gefragt, ob er den weltweiten Hype um seine Person erklären könne. Nach einer langen Pause sagte er mit seiner leisen, zerbrechlichen Stimme: "It is the Andy Warhol in you." Ich glaube, er meinte damit ein Phänomen, das auch für Marilyn Monroe, Elvis Presley und Michael Jackson gilt: Die Menge will sehen, dass das, was ihr fehlt - Ruhm, Reichtum, Glanz - unglücklich macht.
SPIEGEL: Wie wurden Bianca Jagger und Sie ein Paar?
Lommel: Als ich "Blank Generation" drehte, schaute Bianca oft zu. Sie wollte Hauptrollen spielen und schlug mir vor, ihr Regisseur zu werden. Wir hatten ein wildes halbes Jahr zusammen. Sie war ein großes, gieriges Kind, in das ich sehr verliebt war.
SPIEGEL: Ist es eitles Kalkül gewesen, dass Sie fast immer mit schönen Trophäenfrauen liiert waren?
Lommel: Ich hätte mir Frauen wie Bianca oder Carole Bouquet nie ausgesucht, dazu bin ich viel zu schüchtern. Sie waren es, die mich aufgerissen haben. Die drei Frauen, die ich mir in einem Leben ausgesucht habe, waren arm und hatten kein Renommee.
SPIEGEL: Sie drehen seit 30 Jahren einen Horrorfilm nach dem anderen. Was interessiert Sie an diesem Genre?
Lommel: Ich wollte meine dunkle Seite erkunden und Freundschaft mit ihr schließen. Inzwischen finde ich Horror öde. Deshalb habe ich gerade mein Studio verkauft.
SPIEGEL: Ihr Horrorfilm "Boogeyman" war der erste Film eines deutschen Regisseurs, der nach dem Krieg in den USA auf Platz eins stand. Wieso taucht im Abspann der Name des Schriftstellers William S. Burroughs auf?
Lommel: Während der Dreharbeiten wohnte ich im Tropicana in West Hollywood. Um Mitternacht versammelte sich am Hotelpool die Rock- und Drogenszene um Burroughs, der in Nummer 34 wohnte. Mein Zimmer war gleichzeitig der Schneideraum. Weil er immer wieder Todesschreie in meinem Zimmer hörte, klopfte Burroughs irgendwann an meine Tür und fragte, was ich da treiben würde. Mit seinem Hütchen und knittrigen Anzug sah er aus wie ein Provinzbuchhalter in den Fünfzigern. Er setzte sich an den Schneidetisch, kiffte und machte mir Vorschläge für den Schnitt. Dabei sagte er hundertmal pro Minute "Fuck me!" oder "Fuck you!" In den folgenden zwei Wochen übernahm er auch die Regie. Die berühmte Szene, in der der Boogeyman seinem Opfer einen Grillspieß in den Hals stößt, ist von ihm.
SPIEGEL: 1984 drehten Sie mit Klaus Kinski und Ihrer zweiten Frau Suzanna Love "Revenge of the Stolen Stars". Stimmt es, dass Kinski mit ihr durchgebrannt ist?
Lommel: Am ersten Tag verprügelte er den Tonmeister und verlangte, sofort mit der Maskenbildnerin ins Bett zu gehen. Als der Film fertig war, ist Suzanna mit ihm in seine Prachtvilla nach San Francisco geflogen - warum, müssen Sie sie fragen. Sie hat dann schnell festgestellt, dass sie seine Gefangene war. Wenn Kinski zum Einkaufen fuhr, wurde sie gefesselt und geknebelt. Er hat das wohl als Liebesspiel empfunden. Irgendwann rief sie mich an: "Bitte komm sofort und befreie mich. Klaus hält mir dauernd die Knarre an den Schädel und droht, mich umzubringen." Ich mietete einen bewaffneten Bodyguard. Als Kinski die Tür öffnete, schlug ihm der Bodyguard die Faust ins Gesicht. Dieses paranoide Monster bewusstlos am Boden zu sehen war eine schöne Entschädigung für die grauenhaftesten Dreharbeiten meines Lebens.
SPIEGEL: Haben Sie, wie Fassbinder und Kinski, Drogen genommen?
Lommel: Nein. Ich habe Alkohol getrunken - bis ich an dem Punkt war, den Tag mit einer doppelten Bloody Mary zu beginnen.
SPIEGEL: Und dann?
Lommel: Ich setzte mich in mein Auto und fuhr in ein Apachen-Dorf nach New Mexico. Ich war der einzige Weiße. Es dauerte eine Weile, bis der Häuptling auf eine Lehmhütte zeigte und sagte, ich könne bleiben, wenn ich mich um den Gemüseanbau kümmern würde. Der Medizinmann des Dorfes hatte die Augen eines 200 Jahre alten Elefanten und lebte von einem Teller braunem Reis und zwei Litern Wasser am Tag. Ich machte ihm das nach und wog bald nur noch 109 Pfund.
SPIEGEL: Wie lange blieben Sie bei den Apachen?
Lommel: Acht Monate. Eines Morgens schaute der Häuptling mir beim Jäten zu und sagte: "Mehr können wir nicht für dich tun. Du musst wieder dahin zurück, wo du hergekommen bist."
Das Interview führte SPIEGEL-Mitarbeiter Sven Michaelsen.
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© DER SPIEGEL 8/2010
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