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Ausgabe 8/2010
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22.02.2010
 

Verbände

Nachsichtiges Urteil

Von Hans Michael Kloth, Marcel Rosenbach und Klaus Wiegrefe

Eine Studie des Instituts für Zeitgeschichte schönt die braune Vergangenheit von Vertriebenenfunktionären. Betreut hat die Untersuchung Manfred Kittel, Direktor der neuen Vertriebenenstiftung.


Für den Sommer hat sich Erika Steinbach den 5. August seit langem vorgemerkt. An diesem Tag möchte die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen ihren BdV so präsentieren, wie sie ihn seit langem schon im öffentlichen Bewusstsein zu verankern sucht: als "größten Opferverband des Landes".

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Im prunkvollen "Weißen Saal" des Neuen Stuttgarter Schlosses soll mit einem Festakt der 60. Jahrestag der "Charta der Heimatvertriebenen" begangen werden, eine Art Grundsatzprogramm des BdV. Zuvor allerdings will Steinbach noch ein unappetitliches Stück der Verbandsgeschichte entsorgen.

Vor vier Jahren hatte der SPIEGEL nach aufwendigen Archivrecherchen berichtet, dass viele Spitzenfunktionäre der Vertriebenenverbände NSDAP-Mitglieder oder SS-Leute gewesen waren (SPIEGEL 33/2006). Nach einigem Zögern hatte Steinbach daraufhin das renommierte Institut für Zeitgeschichte in München (IfZ) beauftragt, die Vergangenheit ihres Verbandes zu durchleuchten. Das Ergebnis, sagt Steinbach heute, werde sie dem SPIEGEL persönlich überreichen.

Gut fünf Monate Zeit sind bis zu dem Stuttgarter Festakt. Nun ist eine erste Ausarbeitung des Münchner Instituts bekannt geworden, und sie weckt Zweifel am Aufklärungswillen aller Beteiligten. Die "Machbarkeitsstudie" des IfZ beschäftigt sich überwiegend mit den Mitgliedern des ersten BdV-Präsidiums von 1958 und entspricht in keiner Weise den Standards historischer Aufarbeitung.

Normalerweise verzichten derartige Projektskizzen auf inhaltliche Bewertungen. Dem Historiker Matthias Lempart hingegen, der vom IfZ beauftragt wurde, geht es vor allem darum, die BdV-Funktionäre zu entlasten. Pikant ist, dass die 113 Seiten starke Untersuchung ausgerechnet von Manfred Kittel betreut wurde, seit wenigen Monaten Gründungsdirektor der umstrittenen Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" und zuvor Mitarbeiter im IfZ.

Lempart beschäftigt sich mit Männern wie Rudolf Lodgman von Auen. Der glühende Judenhasser war jahrelang Sprecher der Sudetendeutschen und protestierte noch 1960 öffentlich gegen den Eichmann-Prozess. Lodgman war zwar nie Mitglied der NSDAP, bedankte sich aber überschwänglich bei Hitler nach der Besetzung des Sudetenlandes durch die Wehrmacht. Seine antisemitischen Ausfälle sind seit langem bekannt.

Doch Lempart sieht Lodgman eher entlastet und bemüht dazu eine Aussage aus dessen Entnazifizierungsverfahren. Danach habe sich Lodgman "nie gescheut, ihm bekannte jüdische Frauen auf der Straße zu grüßen". Solche "Fakten" müssten beim Urteil berücksichtigt werden, sonst werde man "der Person Lodgmans bei weitem nicht gerecht".

Bei künftigen Forschungen sei "auf jeden Fall zwischen dem Verhältnis Lodgmans zu Hitler als Reichskanzler des Deutschen Reiches und zu Hitler als NSDAP-Führer" zu unterscheiden.

Auch der langjährige Vertriebenenfunktionär Rudolf Wagner wird nachsichtig beurteilt. Der SS-Obersturmführer zählte zeitweise zu Heinrich Himmlers Reichssicherheitshauptamt, das den Holocaust organisierte, und steht im Verdacht, in Belgrad unmittelbar an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein. Ein Vorgesetzter schrieb 1944, Wagner sei "in seiner nationalsozialistischen Haltung klar ausgerichtet und kompromisslos".

Ein eindeutiger Fall. Aber nicht für Lempart. Die belastende Beurteilung kann nach seiner Auffassung "alles bedeuten, von einer reinen Gefälligkeitsübung bis hin zur Beschreibung von Wagners tatsächlicher Einstellung". Inwiefern SS-Obersturmführer Wagner auch innerlich nationalsozialistisch ausgerichtet war, könne "nicht zweifelsfrei geklärt werden".

Fest steht, dass schon im ersten gewählten Präsidium des BdV mehr als die Hälfte der Mitglieder frühere Nazis waren. Doch Lempart glaubt, sie seien alle bis auf einen nur aus Opportunismus der Partei beigetreten. Schließlich seien die Männer erst nach Hitlers Machtübernahme 1933 Mitglied geworden und hätten in der Partei keine Karriere gemacht. Wendet man diese Kriterien auf alle knapp elf Millionen NSDAP-Mitglieder an, ist die Zahl der Nazis unter ihnen sehr überschaubar.

In seinem Urteil verlässt sich Lempart auf Nachkriegsaussagen, etwa des NSDAP-Mitglieds Nr. 6.019.687 und SA-Truppführers Alfred Gille, der viele Jahre der Landsmannschaft Ostpreußen vorstand. Gille war in den dreißiger Jahren Bürgermeister im ostpreußischen Lötzen und stieß 1937 zur NSDAP - für Lempart Beleg, dass der Parteieintritt "aus pragmatisch-opportunistischen und nicht aus ideologischen Erwägungen heraus vollzogen" wurde.

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25.02.2010 von jolip: Dr. Kittel

Prof. Knittel bestätigt doch alle Vorurteile gegen den BdV und seine und dessen brauner Gesinnung. Lt. Spiegelbericht hat er schon in seiner Doktorarbeit versucht, Hitlers Krieggerichte zu beschönigen und versucht die nicht [...] mehr...

25.02.2010 von manic.d: ...

Es gibt durchaus einen Unterschied zwischen Kriegstoten, Folteropfern und sonstigen Ermordeten auf der einen und dem Versuch der systematischen, im industriellen Ausmaß und mit gnadenloser Genauigkeit abgewickelten Ausrottung [...] mehr...

24.02.2010 von Rainer Helmbrecht: Titel verweigert!

Dass der Grass in jungen Jahren Nazi war, das kann man ihm nicht Übel nehmen, das waren viele. Das kann man ihm auch nicht ein Leben lang vorhalten, aber dass er ein Leben lang geheuchelt hat, das nehme ich ihm übel. Das empfand [...] mehr...

24.02.2010 von VPolitologeV: So was von OffTopic...

[QUOTE=ernstjüngerfan;5090003] Also, die Masochisten erklären die politisch eingefärbte Geschichtsuminterpretation? Dann wird es witzig, wird doch jeder Rechtesextreme zum Masochist (im Sinne: bitte nochmal Bombenhagel). Oder ist [...] mehr...

24.02.2010 von Heitgitsche: Prof. Kittel ersetzt Erika Steinbach?

Ich betone das mittlere Alter von Prof. Kittel, weil er mit der Nazizeit nicht in Zusammenhang gebracht werden kann. Vertreibung und Vertreibungsdekrete gehören aufgearbeitet und da vermisse ich das Engagement der [...] mehr...

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Das Zentrum gegen Vertreibungen

Die Idee

Seit neun Jahren wird über die Errichtung eines Dokumentationszentrums zu den Vertreibungen im Europa des 20. Jahrhunderts diskutiert. Im September 2000 gründeten Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach (CDU) und der inzwischen verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz die Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" mit dem Ziel, eine solche Gedenkstätte in Berlin zu schaffen.

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