Von Hans Michael Kloth, Marcel Rosenbach und Klaus Wiegrefe
Obwohl die Studie die NS-Verstrickung der BdV-Funktionäre klären soll, referiert sie ausführlich deren Nachkriegskarrieren als Minister und Abgeordnete, um sie zu entlasten. Schließlich hätten sich viele von ihnen am Wiederaufbau beteiligt und sich in der Demokratie politisch bewährt.
Tatsächlich kandidierte von den 15 untersuchten Vertriebenenfunktionären einer für die NPD bei der Bundestagswahl 1969, ein Zweiter wird einer verdeckt operierenden Nazi-Truppe im niedersächsischen Ableger der Vertriebenenpartei BHE zugerechnet, ein Dritter gab noch in den neunziger Jahren seine braune Gesinnung gegenüber einem Schriftsteller offen preis, ein Vierter zählte zum sogenannten Witikobund, einer pseudoelitären Gruppe, die immer wieder durch rechtsextremistische Propaganda aufgefallen ist.
Wie sehr es Lempart darum geht, nicht eine unabhängige Studie vorzulegen, sondern die Vorwürfe gegen den BdV zu entkräften, wird deutlich, wenn er weitere Untersuchungen vorschlägt. Da empfiehlt er, neben NS-belasteten Vertriebenenfunktionären auch einige "vom SPIEGEL wahrscheinlich zu Unrecht inkriminierte Personen" mit zu untersuchen. Dann "ließe sich zeigen, dass man auch den Fällen nicht ausweicht, die bisher als die gravierendsten gelten und gleichzeitig dartun, wie oft Vorwürfe zu Unrecht erhoben wurden".
Auch das Zustandekommen der Forschungsarbeit ist bemerkenswert. Obwohl Steinbach stets argumentiert, sie vertrete zwei Millionen Verbandsmitglieder, steuerte ihr Verband gerade einmal 1000 Euro für die Aufarbeitung seiner Vergangenheit bei. Insgesamt gut 100.000 Euro übernahm das Bundesinnenministerium - obwohl der BdV ein privater Interessenverband ist und Lemparts Schönfärber-Studie zwischenzeitlich im Ministerium vorlag.
Kittel, der Gründungsdirektor der Vertriebenenstiftung und einst Betreuer der Lempart-Studie, gerät nun mit deren Bekanntwerden weiter unter Druck. Bereits Ende 2009 verließ der einzige polnische Historiker den wissenschaftlichen Beirat der Stiftung, unter anderem weil Kittel ihm monatelang ein Gespräch über das Konzept für die geplante Dauerausstellung verweigert habe, was Kittel bestreitet. In ihrer Januar-Ausgabe analysierte dann die angesehene "Zeitschrift für Geschichtswissenschaft" Kittels wissenschaftliches Werk und warf ihm vor, er wolle den ursächlichen Zusammenhang zwischen Hitlers Krieg und der Vertreibung der Deutschen entkoppeln.
Gegen Kritik an der Lempart-Studie verteidigt sich Kittel mit dem Hinweis, er sei nur für die "technische Koordination" zuständig gewesen und habe in der Sache keinen Einfluss genommen. Dagegen spricht allerdings, dass Lempart sich in seinem Papier zumindest in einem Fall ausdrücklich auf eine inhaltliche Abstimmung mit Kittel beruft. Und das IfZ erklärt gegenüber dem SPIEGEL, dass Projektbetreuer wie Kittel mit Bearbeitern wie Lempart deren "Fortschritte diskutieren".
Es ist nicht das erste Mal, dass Kittel unter Beschuss gerät. Anfang der neunziger Jahre wurde er kritisiert, weil er in seiner Doktorarbeit Hitlers Kriegsgerichte beschönigt und versucht hatte, die umstrittene Vergangenheitsbewältigung der Adenauer-Ära zu rehabilitieren.
Damals fuhr der nationalkonservative Historiker noch zweigleisig und träumte von einer politischen Karriere. Kittel war stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Union in Bayern, Vizechef der CSU im Kreis Ansbach-Land und wurde 2001 als Bundestagskandidat gehandelt.
Kittels Positionen waren zeitweise derart reaktionär, dass sich die Junge Union im Bund von ihm distanzierte. So sah er sich von "exzessivem Feminismus" umgeben, schimpfte auf "journalistische Kommissare der Political Correctness" und forderte ein "normalisiertes Nationalbewusstsein".
Kittels Doktorvater ist der konservative Historiker Horst Möller, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte und zugleich jahrelanger Unterstützer Steinbachs bei deren Bestrebungen, in Berlin ein Zentrum gegen Vertreibungen zu errichten. Als der SPIEGEL 2006 die braune Vergangenheit des BdV kritisierte, war Möller zur Hilfe bereit und sagte zu, die historische Aufarbeitung zu übernehmen.
Für Möllers Münchner Institut arbeiten NS-Experten, die weltweit als führend gelten. Dennoch beauftragte das IfZ zunächst den freiberuflich tätigen Lempart mit der anspruchsvollen Aufgabe. Der 46-Jährige hat schlesische Wurzeln und tritt häufig im Vertriebenenmilieu auf. Heute arbeitet auch Raimund Paleczek an dem Projekt mit, langjähriger Vertriebenenfunktionär und Vorstandsmitglied in der Union der Vertriebenen der CSU.
Lempart will sich zu seiner Studie nicht äußern. Das sei ihm vom IfZ untersagt worden, was die Institutsleitung bestätigt.
Steinbach ahnt inzwischen, dass auf dem Projekt kein Segen liegt. Gegenüber dem SPIEGEL erklärt sie, die Studie enthalte "Fehler, die korrigiert werden müssen".
Dennoch ist sie optimistisch, vor der großen Feier im August eine überarbeitete Fassung aushändigen zu können, die allen wissenschaftlichen Standards entspricht. Auch das IfZ ist bereits um Schadensbegrenzung bemüht. Man arbeite daran, Lemparts Ergebnisse zu "verifizieren, zu präzisieren und gegebenenfalls zu widerlegen".
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