Von Markus Brauck und Thomas Tuma
Dies ist die Geschichte von zwei Welten. In der einen lebt Lena Meyer-Landrut, 18, deren Großvater einst unter anderem als deutscher Botschafter in Moskau wirkte. Das Einzelkind bereitet sich zu Hause in Hannover gerade auf die letzten Abiturprüfungen vor, nutzt die knappe Freizeit für Ausdruckstanz und hat in der Poesiealbum-Rubrik "Berufswunsch" früher gern "Tierärztin" und/oder "Sängerin" notiert. Straffällig ist sie nach eigenem Bekunden bisher nicht geworden.
Lena ist außerdem Favoritin der Castingshow "Unser Star für Oslo" ("USFO"), mit der ProSieben und das Erste zurzeit nach Gesangsnachwuchs für den Schlager-Grand-Prix suchen.
In der anderen Welt lebt Menowin Fröhlich, 22, der endlich einen Schlussstrich ziehen möchte unter seine bisherige "Karriere", die von Betrug über Diebstahl bis Drogenbesitz und Körperverletzung reicht. Zu zwei Jahren Haft verurteilt, hat er seine Strafe abgesessen, wenngleich er zwischendrin jahrelang auf der Flucht war. Poesiealben spielten in seiner Welt bisher eine eher untergeordnete Rolle.
Ruhrpott-Karikatur eines Gangsta-Rappers
Menowin ist außerdem Favorit bei "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS"), das bei RTL gerade Quotenrekorde bricht.
"USFO" und "DSDS" sind die populärsten Castingshows, die das hiesige Fernsehen derzeit zu bieten hat. Es ist anzunehmen, dass Deutschlands Jugend die Namen der Kandidaten weit besser kennt als etwa die des Berliner Kabinetts.
Rund neun Millionen schauen jede Woche zu, wie Lena hier und Menowin dort weiterkommen. Tatsächlich können beide ja singen. Sie klingt ein bisschen wie Björk, die zu viel grünen Tee geraucht hat, er wie die Ruhrpott-Karikatur eines Gangsta-Rappers. Aber es geht nicht nur um Musik. Subkutan werden in den beiden Shows Gesellschaftsmodelle inszeniert und verhandelt, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Migrationshintergrund ein exotisches Accessoire
Wer zum Beispiel am Dienstag vergangener Woche "USFO" sah, erlebte eine Welt wie einen bonbonfarben illuminierten Waldorfkindergarten bürgerlicher Boheme. Da singt die Germanistikstudentin neben dem Lehramtsanwärter neben der gelernten Fremdsprachenkorrespondentin, alle sind supi-fröhlich drauf, weil es ja Wichtigeres im Leben gibt als eine Fernsehshow und die Atmosphäre so locker, freundlich und herzlich ist.
Lena sagt dann: "Das Verhältnis zu den anderen Kandidaten ist toll. Wir verstehen uns alle super. Die Atmosphäre ist sehr locker, entspannt, freundlich, herzlich." Ihre Mitstreiter heißen Katrin, Kerstin oder Christian. Und wenn doch mal jemand Sharyhan heißt, ist die Mama Opernsängerin und der Migrationshintergrund allenfalls noch ein exotisches Accessoire. Das von Oberjuror Stefan Raab präsentierte Format bildet die Illusion einer polyglott-sorgenfreien Mittelschicht ab. Als Castingshow ist das übrigens so aufregend wie ein Taizé-Gebetskreis.
Neulich erschrak man fast ein wenig, als einer Kandidatin mehr "Arschbombe" empfohlen wurde. Das sollte heißen, dass sie beim nächsten Auftritt ein bisschen mehr riskieren könnte. Aber natürlich war auch das total nett gemeint.
"Ich habe keinen Plan B."
Wer dann samstags "DSDS" verfolgt, erlebt einen anderen und anders furchtbaren Es ist eine Welt der Demütigungen, Zoten und Konkurrenzkriege, in der Karriere schierer Kampf bedeutet. Wer dort überleben will, musste sich zunächst durchsetzen gegen mehr als dreißigtausend Verlierer, Spinner und Garnichtskönner, deren Scheitern RTL in etlichen Vorabfolgen weidlich ausgeschlachtet hat, inklusive der Zurschaustellung eines Jungen, der mit nassem Fleck im Schritt vors feixende Strafgericht von Oberjuror Dieter Bohlen trat.
Die weiblichen Kandidaten wurden gern aufgefordert, sie müssten schon alles zeigen, was sie hätten - nicht nur Stimme. Prompt sah man dann viele gut eingeölte Körper und einen Moderator, der ähnlich schmierig die Kandidatin Steffi fragte, ob sie ihren Brüsten Namen gegeben habe wie Pamela Anderson. Wer das alles überlebt, muss am Ende ausdauernd bestätigen, wie existentiell "DSDS" als große, einzige, letzte Chance ist und dass keinerlei Plan B existiert.
Am Mittwoch vergangener Woche saß Menowin im Studiokomplex Coloneum in Köln und sagte: "Das hier ist die große, einzige, letzte Chance, die ich habe. Das ist für mich alles. Ich habe keinen Plan B."
Biografie heißt vor allem Beichte von Familienelend
Am 10. August wurde er aus dem Knast entlassen. Am selben Tag hat er sich wieder bei "DSDS" beworben, wo er vor fünf Jahren schon einmal aufgetreten war, bevor er sich Richtung Justiz verabschieden musste. Seit seiner Entlassung wohnt er bei einer Tante und lebte von Hartz IV. Zu Vater und Mutter hat er den Kontakt längst abgebrochen, die Geschwister kennt er kaum, weil die früh zu Pflegeeltern gesteckt wurden. Seine neue Familie sind jene restlichen acht Kandidaten, mit denen er sich eine RTL-WG teilt.
Es sind Menschen wie Helmut, der 30-jährige "Musiker", der auch schon Vorstrafen gesammelt hat wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch. Und Nelson, der traurige Schwarze mit Wurzeln in Mali, wo Sänger auf der gesellschaftlichen Leiter angeblich ganz unten stehen, weshalb seine Mutter nicht zu den Shows kommt. Oder Mehrzad, Ex-Meister im Thaiboxen, der schon mal von einem Messerstecher attackiert wurde und seinen Bruder bei einem Autounfall verlor.
Migrationshintergrund bedeutet bei Bohlen nicht multikultiges Musizieren wie bei Raab, sondern Risiko. Biografie heißt vor allem Beichte von Familienelend, Tod und Drama. Kaum ein Kandidat, der nicht wenigstens für eine krebskranke Oma singen will oder schon mal an Selbstmord gedacht hat.
"DSDS" ist ein Alptraum
"DSDS" ist ein Alptraum. Es zeigt eine böse und erbarmungslose Realität zwischen Plattenbau und Plattenvertrag, Arbeitsamt, "Bravo"-Cover und Bewährungsstrafe, in der Bohlen als Juror, Kumpel, Gott wenigstens mit der Möglichkeit einer Kurzfrist-Apotheose winkt.
"DSDS" ist hemmungslos in seiner aufrichtig inszenierten Verlogenheit. "USFO" ist verlogen in seiner hemmungslos inszenierten Aufrichtigkeit. Kerstin Freking kennt beide Welten, denn sie hat beide schon probiert.
Es ist Donnerstag vergangener Woche, und die 21-jährige Kunststudentin sitzt in ihrem Atelier an der Osnabrücker Uni und erzählt, dass sie später gern von der Malerei oder ihrem Gesang leben würde. Wenn daraus nichts wird, kann sie immer noch Lehrerin werden, sagt sie. Kerstin ist reflektiert bis in die Haarspitzen.
Habe gestern aus Versehen in die Sendung von Raab hineingezappt, und wie das Schicksal so will, war er gerade dabei, die Topmodel-Kandidatinnen zu verspotten. Das fand ich unterirdisch. Wenn das nicht prollig ist, was dann? [...] mehr...
Der "Klassenkampf" geht weiter. Heute Abend ist das Finale in der ARD zu sehen. Auf jeden Fall wird es heute Abend wieder großartig werden. mehr...
Der Artikel spricht viel Wahrheit. Der Mittelstand hat endlich ein eigenes Vehikel (Raab) gefunden, um über die Unterschicht (DSDS) herzuziehen. Diese schmollt derweil und kämpft um ihre "letzte Chance", und zwar nicht die, zur [...] mehr...
hiermit: ... liefern Sie einen weiteren Grund, das Spiegel-Abo zu canceln. Ganz ehrlich und unverlogen. Dies sage ich als Leser, der u.a. auch Ihretwegen den Spiegel abonniert hatte. Vorbei. Was auch immer für persönliche [...] mehr...
Danke für die Aufklärung, das relativiert natürlich manches (ich wusste erst seit Ihrem Posting überhaupt von dem Klum-Thread). Keine Ursache - aber DSDS finde ich trotzdem doof ;-) mehr...
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