SPIEGEL: Frau Meckel, Sie sind bekannt als Leistungsmensch: die jüngste Lehrstuhlinhaberin Deutschlands, eine eigene TV-Talkshow, Sprecherin der nordrhein-westfälischen Landesregierung und Beraterin von Unternehmen. Nun gestehen Sie in einem Buch, dass Sie einen Zusammenbruch, ein Burnout hatten. Haben Sie keine Sorge, interessante Jobs nicht mehr angeboten zu bekommen, weil alle denken, die ist dem nicht gewachsen?
SPIEGEL: Mit Ihrem Buch "Brief an mein Leben" wollen Sie der Öffentlichkeit mitteilen, dass Sie ein anderer Mensch geworden sind?
Meckel: Ich habe mich geändert, ja. Ich bin aus vielen Jurys, Gremien, Beiräten ausgetreten und konzentriere mich jetzt auf meine Professur in St. Gallen. Ich habe ja das Glück, diesen interessanten Beruf zu haben, der mir das Forschen und Schreiben ermöglicht. Ich habe nichts dagegen, wenn manch einer mich nun dabei beobachtet, ob ich bei meinen neuen Prinzipien bleibe. Auch so ist das Buch gedacht: als ein quasi veröffentlichtes Versprechen mir selbst gegenüber.
SPIEGEL: Aber brechen Sie mit diesem Buch nicht bereits Ihr Versprechen? Was sagen Ihre Ärzte dazu, dass Sie auf eine Erschöpfungserkrankung mit einem Leistungsnachweis reagieren, mit einer über 200 Seiten starken Veröffentlichung?
Meckel: Der Text ist kein Leistungsnachweis, sondern Teil der Therapie.
SPIEGEL: Der Begriff Burnout ist diffus. Was ist Ihre Definition?
Meckel: Burnout ist ein totaler Erschöpfungszustand, der psychische und physische Merkmale hat. Bei mir war es eine Infektion der Magenschleimhaut, die sich auf das ganze Stoffwechselsystem auswirkte. Ich habe abgenommen, mein Körper hat keine Nährstoffe mehr aufgenommen, und irgendwann ist dann, so sagten mir die Ärzte, im Gehirn die Versorgung nicht mehr gewährleistet gewesen.
SPIEGEL: Manche Menschen sind bei einem Burnout nicht mehr fähig, die einfachsten Handlungen auszuführen. Wie war das bei Ihnen?
Meckel: Ich war in Berlin und wollte Koffer packen, nach einer Phase, in der ich wochenlang wieder nur gereist war. Ich habe es einfach nicht geschafft, war blockiert, hatte Schweißausbrüche und musste weinen. Ich wusste sofort, dass ich Hilfe brauche. Ich war absolut verzweifelt. Es war das erste Mal, dass ich so etwas so stark verspürt habe.
SPIEGEL: Hatte sich der Zusammenbruch angekündigt?
Meckel: Ich hatte vorher ein paar bedenkliche Symptome: Einmal hörte ich in meiner Wohnung ein dumpfes Brummen, holte den Heizungstechniker. Er suchte nach dem Problem und fand nichts. Erst später in einer Sitzung an der Uni habe ich gemerkt, dass das Brummen in meinem Kopf war. Es war, wie sich herausstellte, die Folge eines Hörsturzes. Manchmal waren ganze Stunden meines Lebens aus meiner Erinnerung verschwunden, ich wusste dann nicht mehr, wie ich von einem Ort zu einem anderen gekommen war. Aber weil es dann meist irgendwie wieder ging, habe ich einfach immer weitergemacht.
SPIEGEL: Sie haben sich entschieden, in eine Klinik zu gehen. Dort aber herrscht auch Anpassungsdruck, Sie schildern in Ihrem Buch minutiöse Ablaufpläne - das ist doch spiegelbildlich zu den Anfordernissen eines Arbeitslebens. Wie kann man da gesund werden?
Meckel: Die Abläufe in einer Klinik wirken erst mal merkwürdig, sie sind aber hilfreich. Es geht um Regelmäßigkeit und Ruhe. Das Wichtigste ist, dass Sie herausgezogen sind aus Ihrem Umfeld, in dem Sie glauben, weiter funktionieren zu müssen. Ich habe zum Beispiel ein Inaktivitätswochenende verordnet bekommen, eine Art medizinischen Stubenarrest. Ein ganzes Wochenende habe ich auf meinem Zimmer verbracht, kein Telefon, keine Musik, keine Bücher, kein Fernseher, kein Computer, gar nichts. Ich habe mich auf den Holztisch am Fenster gesetzt und herausgeguckt. Es schneite und schneite. Irgendwann stellt man fest, dass man in so einer Landschaft extrem viel sehen kann. Rehe, Spaziergänger und wie der Wind den Schnee aufwirbelt. Das war fast wie eine Meditation.
SPIEGEL: Ein paar Veranstaltungen in der Klinik, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, kommen einem als Leser seltsam vor. Regte sich bei Ihnen nie Protest?
Meckel: Doch, am Ende der ersten Woche saß ich in einer Übungsgruppe, und als wir erklärt bekamen, was wir die nächsten zwei Stunden machen sollten, spürte ich Wut in mir aufsteigen. Wir mussten uns vorstellen, und ich habe gesagt: Ich heiße Miriam, und ich habe übrigens keine Lust auf diesen Scheiß hier, ich wurde richtig sauer auf diese Klinik. Ich will lieber aufschreiben, was mit mir los ist, meine Gedanken ordnen, außerdem bin ich müde und will schlafen. Daraufhin sagte die Ärztin: Gut, in dem Fall gehen Sie vielleicht lieber auf Ihr Zimmer.
SPIEGEL: Einmal mussten Sie einem Mitpatienten, den Sie mochten, Ihren rechten Schuh geben, den linken bekam derjenige, den Sie nicht mochten. Worin liegt der Sinn einer solchen Übung?
Meckel: Ich hatte damit auch erhebliche Probleme, aber ich glaube, der beabsichtigte Effekt liegt darin, dass Sie anfangen zu sagen, was Sie wirklich meinen und sich abzugrenzen. Ein Burnout entsteht ja auch dadurch, dass Sie dauernd alles schlucken und niemanden verletzen wollen, dass man anderen ständig erlaubt, in einen einzugreifen.
SPIEGEL: Sie hatten sich schon in Ihrem letzten Buch, das vor Ihrem Burnout erschienen ist, mit dem Thema Überforderungen auseinandergesetzt. Es trägt den Titel "Das Glück der Unerreichbarkeit". Sie beschreiben darin, wie man sich den vielen Reizen unserer Informationsgesellschaft widersetzen kann. Theoretisch war Ihnen also alles klar. Haben Sie daraus gar nichts lernen können?
Meckel: Einiges habe ich nach dem Buch damals schon geändert, kleine Dinge. Zum Beispiel, dass es nicht mehr klingelt, wenn eine neue E-Mail kommt, oder dass ich nur noch dreimal am Tag in die Mails schaue. Aber dieser selbstausbeuterische Grundprozess wurde dadurch nicht angehalten. Ich war damals in der Position einer wissenschaftlichen Beobachterin, habe gesehen, dass diese ständige Informationsüberlastung ein gesellschaftliches Problem werden könnte. Aber was mich selbst betraf, da hatte ich offensichtlich einen blinden Fleck.
SPIEGEL: Können Sie auch darüber lachen, dass Sie als Kommunikationswissenschaftlerin an den Punkt kamen, über blinde Flecken nachzudenken?
Meckel: Sehr sogar. Zumal das Burnout tatsächlich ja auch ein Kommunikationsproblem im Gehirn ist. Das Gehirn kommuniziert biochemisch, in dem Botenstoffe, wie Dopamin oder Serotonin, Signale und damit Informationen transportieren. Und so wie im Netz manchmal die Kommunikation zusammenbricht, wenn Server ausfallen, so ist es im Gehirn, wenn der Signaltransport über die Botenstoffe nicht mehr funktioniert. Das irritiert Ihre Gefühle, Ihre Orientierung, Ihr Wohlbefinden, alles. Burnout ist auch ein Krankheitsbild der Kommunikationsgesellschaft.
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