Von Philip Bethge, Katrin Elger, Jens Glüsing, Markus Grill, Veronika Hackenbroch, Jan Puhl, Mathieu von Rohr und Gerald Traufetter
Kurz nach Mitternacht bekommt Keiji Fukuda, Grippe-Spezialist der Weltgesundheitsorganisation (WHO), jenen Anruf, der die Maschinerie zum Laufen brachte. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Nancy Cox aus Atlanta, die oberste Grippe-Expertin der US-Seuchenkontrollbehörde CDC.
Fukuda und Cox kennen sich. Gemeinsam haben sie einst gegen die asiatische Vogelgrippe gekämpft. Sie können sich noch gut daran erinnern, wie der aggressive Killer in Hongkong aufgetaucht war. Jeder Dritte, der sich damals ansteckte, starb. Die Angst, dass solch ein Erreger dauerhaft auf den Menschen überspringen könnte, sitzt Fukuda noch heute in den Knochen.
Deshalb ist ihm sofort klar, was dieser Anruf bedeuten kann: den Beginn einer neuen verheerenden Pandemie. 2,0 bis 7,4 Millionen Menschen weltweit, so die Schätzung der WHO, könnten sterben - einen eher milden Verlauf vorausgesetzt. Sollte sich das neue Virus als ähnlich aggressiv erweisen wie jenes, das 1918 die Spanische Grippe auslöste, könnten es sogar Zigmillionen Opfer werden.
"Das Erste, was ich dachte, war: Wir müssen jetzt schnell handeln", sagt Fukuda. Sofort ruft er WHO-Generaldirektorin Margaret Chan an, auch sie eine Veteranin im Kampf gegen die Vogelgrippe. Als Leiterin der Hongkonger Gesundheitsbehörde war sie es seinerzeit gewesen, die alle Hühner der Stadt töten ließ.
Um 3.15 Uhr weckt ein Anruf auch den IT-Spezialisten Jered Markoff, der für das Strategic Health Operations Centre, den sogenannten Shoc Room, verantwortlich ist. Noch von zu Hause aus aktiviert Markoff diese Krisenoperationszentrale der WHO. Über seinen Heimcomputer fährt er die 15 in den Tischen versteckten Monitore aus, er startet die Rechner und wirft die an den Wänden angebrachten Großbildschirme an. Dann fährt er selbst in die WHO-Zentrale.
Monatelang wird der Shoc Room das Zentrum des weltweiten Kampfes gegen die Schweinegrippe sein. Er ist 24 Stunden lang besetzt, in drei Schichten wechseln sich die WHO-Mitarbeiter ab. Per Videokonferenz sind sie mit Ärzten, Wissenschaftlern, Politikern und Industrievertretern auf der ganzen Welt verbunden. Auf den Bildschirmen an den Wänden laufen rund um die Uhr Nachrichten, es werden Grafiken präsentiert, Landkarten und Statistiken.
Wie schnell verbreitet sich das Virus?
Noch ist die Lage sehr unübersichtlich: Zunächst ist von mehreren Dutzend Toten in Mexiko die Rede, bald darauf werden die Behörden diese Zahl auf vorerst sieben korrigieren. Die Seuchenschützer bewegen sich in einer wissenschaftlichen Grauzone: Die Informationen widersprechen sich, viele entscheidende Fragen sind noch offen. Wie schnell verbreitet sich das Virus? Welche Menschen sind besonders gefährdet? Schützt die normale Grippe-Impfung? Und vor allem: Wie gefährlich ist das neue Virus wirklich?
Um die bestmögliche Einschätzung zu bekommen, ruft WHO-Chefin Chan das "Emergency Committee", eine Gruppe von 15 handverlesenen Experten aus der ganzen Welt, zu einer ersten Telefonkonferenz zusammen. "Wir hatten in dieser frühen Phase noch zu wenig Informationen", erinnert sich der Australier John Mackenzie, der Vorsitzende des Komitees. "Aber alles, was wir damals wussten, hörte sich alarmierend an."
Heißt dies, dass ein sehr milder Verlauf der Pandemie von Anfang an gar nicht in Betracht gezogen wurde? Auf jeden Fall ist Abwiegeln unerwünscht: Die WHO will bei ihren Entscheidungen erklärtermaßen von einem Worst-case-Szenario ausgehen. "Wir wollten die Situation lieber über- als unterschätzen", sagt Fukuda.
Auch Mackenzie, ein erfahrener Seuchenschützer, ist es gewohnt, stets und überall Gefahr zu wittern. Mehrere Jahre war er beim Australian Biosecurity Cooperative Research Centre dafür verantwortlich, Australien vor neuen ansteckenden Krankheiten zu schützen. Bei seinem Abschied 2008 warnte er eindringlich vor der nächsten Grippe-Pandemie.
Vor allem aber ist es wohl das Schreckensbild der Vogelgrippe, das den Experten den Blick verstellt auf die Eigenheiten des neuen Erregers. In ihren Köpfen hat sich die Vorstellung eines höchst aggressiven Virus festgesetzt, das, einmal verbreitet, unweigerlich in die Katastrophe führt.
Auch die Medien befördern die Angst. Der SPIEGEL etwa hatte immer wieder über die Vogelgrippe berichtet. Nun widmet er dem neuen "Welt-Virus" eine Titelgeschichte, die geprägt ist von der Sorge, der Schweinegrippe-Erreger könne zum Horrorvirus mutieren (SPIEGEL 19/2009).
Geschickt hat es besonders die Pharmaindustrie verstanden, diese Vision wachzuhalten. Eigens zu diesem Zweck finanzieren die Grippemittel- und Impfstoffhersteller einen eigenen Wissenschaftlerverband: die European Scientific Working Group on Influenza, die regelmäßig Kongresse und Expertentreffen veranstaltet. An der Spitze der Lobbyvereinigung steht Albert Osterhaus vom Erasmus Medical Center in Rotterdam - der zugleich einer der einflussreichsten WHO-Berater in Sachen Grippe-Impfung ist.
Gemeinsam mit Osterhaus soll auch Johannes Löwer der WHO-Chefin Empfehlungen zum Thema Schweinegrippe-Impfung geben. Der damalige Präsident des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) ist inzwischen selbst davon überzeugt, dass die Horrorszenarien der Vogelgrippe sein Denken wohl zu stark geprägt hätten, ebenso wie dasjenige seiner Expertenkollegen: "Wir waren in Erwartung einer richtigen Pandemie, wir dachten, die muss jetzt kommen. Da war keiner, der sagte, denkt noch mal nach."
27. April 2009: Die WHO ruft Pandemie-Warnstufe 4 aus. Das Virus wird also in mindestens einem Land von Mensch zu Mensch übertragen.
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28. April 2009: In Deutschland gibt es die ersten sieben Fälle von Verdacht auf Schweinegrippe.
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29. April 2009: Die WHO ruft Stufe 5 aus, die letzte Vorstufe zur Pandemie. Influenza-Forscher versetzt dies in Höchststimmung: "Eine Pandemie - das ist für uns Virologen so etwas wie für Astronomen die Sonnenfinsternis im eigenen Land", sagt Markus Eickmann, Leiter des BSL-4- Hochsicherheitslabors in Marburg.
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30. April 2009: In Ägypten beginnt die Tötung sämtlicher Hausschweine des Landes. Brigitte Bardot bittet Staatspräsident Husni Mubarak vergebens, die Massentötung zu stoppen.
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4. Mai 2009: In Mexiko haben die Fußballspiele der vier höchsten Ligen ohne Zuschauer stattgefunden. In der Verwaltung des saarländischen Landtags wird ein Verbot von Begrüßungsküsschen erlassen.
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10. Juni 2009: Der WHO wurden inzwischen 141 Schweinegrippe-Todesopfer gemeldet. Die Mehrzahl von ihnen hatte schwere Vorerkrankungen. Meist jedoch verläuft die Infektion mild. Ein genesener Patient berichtet in der "Süddeutschen Zeitung": "Mein Hauptproblem war, wer einkaufen geht."
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Antwort: Weil ihr Möchtegern-Journalisten jeden, aber auch wirklich jeden Unsinn abschreibt bzw. copy-pastet, der euch von oben vorgesetzt wird bzw. den ihr woanders gelesen habt. Recherche? Kennemernet. Mal einen [...] mehr...
Als Ehrenrettung sei angemerkt, dass als einziges Blatt die Süddeutsche Zeitung unter Hans Leyendecker, einem ehemaligen "Spiegel-Mann", sich damals zurückhielt, was sich als richtig herausstellte. Leider haben , um [...] mehr...
Fassen wir zusammen: Der Skandal wurde losgetreten von der Mutter des Jungen in unheilvoller Allianz mit der Bild-Zeitung (und möglicherweise noch anderen Medien, das habe ich hier nicht geprüft). SPON ist keineswegs auf den [...] mehr...
Hmmm. Auch wenn das hier eigentlich nicht zum Thema gehört, habe ich mir das Archiv angeschaut. Ich erinnere mich dunkel an den Fall. Sicher kein Ruhmesblatt des Journalismus, soviel ist klar. Zu den Fakten: Initiiert [...] mehr...
Im sächsischen Sebnitz kam ein Junge im Hochsommer beim baden in einem vollen Freibad ums Leben. Auf Grund der Initiative der Mutter des Jungen kam eine mediale Lawine ins Rollen, in der behauptet wurde, Neonazis hätten das [...] mehr...
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