Von Dialika Krahe
Er steht auf einer Wiese, er dreht sich im Kreis, könnte jetzt in jede Richtung laufen, die Füße im weichen Gras, könnte rennen, sich retten, keine Türen, die ihm den Weg versperren, keine Schüsse, keine Schreie, kein Blut.
Ein kalter Winternachmittag, klare Luft in Jena, Pascal Mauf sitzt in einem Café in der Innenstadt, Studentenviertel, trinkt Filterkaffee, er verliert den Raum nicht aus dem Blick. Unruhig wandern seine Pupillen hin und her, zwischen Kaffeetassen und Kellnerin, ein junger Mann, 26 Jahre alt, schwarzumrandete Brille, Hemd und Jeans. "Hab schon lange nicht mehr drüber geredet", sagt er, "das letzte Mal ausführlich in der Psychotherapie."
Misstrauischer sei er geworden, sagt Pascal, "jedes Geräusch muss ich verorten". Ist es Geschirr, das da auf den Tisch knallt, oder sind es Schüsse? Woher kommt der Rettungswagen? Der Typ im schwarzen Mantel, was hat der vor? Pascal Mauf ist einer von vielen jungen Menschen, die Zeugen eines Amoklaufs wurden und nun mit den Folgen zurechtkommen müssen. Junge Menschen, die zur Schule fuhren, sich an ihr Pult setzten, den Stift in die Hand nahmen und sich plötzlich in einem Massaker wiederfanden.
So war es 2002 bei Pascal am Erfurter Gutenberg-Gymnasium; so erlebte es Anna*, damals 15, im Jahr 2006 an der Geschwister-Scholl-Schule im westfälischen Emsdetten. So war es in Jokela, Finnland, und an der Virginia Tech University, USA. So war es auch vor einem Jahr bei Marie*, damals 16 Jahre alt, an der Albertville-Realschule in Winnenden, wo bei einem Amoklauf 16 Menschen starben, 6 davon in ihrer Klasse. Auch ihre beste Freundin war dabei.
"Manchmal ist es, als wäre ich gar nicht dabei gewesen."
Am Morgen des 26. April 2002 war es, da stieg Pascal Mauf, damals 18 Jahre alt, in seinem Wohnort nahe Erfurt in den Wagen und machte sich auf den Weg zur Schule. Es war der Tag seiner Abiturprüfung, er war nicht besonders aufgeregt, hatte gut gelernt für die Arbeit in Biologie. Im Kofferraum ein paar Flaschen Bier - nach der Prüfung wollten sie feiern am Gutenberg-Gymnasium, das hatte Pascal mit seinen Mitschülern so verabredet.
Er parkte nahe dem grauen Jugendstilgebäude mit den hohen Fenstern, das seit acht Jahren seine Schule war. Noch diese Arbeit überstehen, dann würde er das Abitur fast geschafft haben. Pascal plante eine Offizierslaufbahn.
Gegen acht Uhr teilte der Lehrer die Arbeiten aus. Pascal saß mit dem Rücken zur Wand, Raum 303, drei Stuhlreihen à fünf Bänke. Er kam gut mit den Aufgaben zurecht. Gegen elf Uhr hörte er die ersten Geräusche. "Wahrscheinlich Bauarbeiter", hatte er sich gedacht.
Wenige Minuten später wurde seine Lehrerin durch einen Schuss in den Kopf von Robert Steinhäuser getötet.
Sie hatte die Tür des Klassenraums geöffnet, um nachzusehen, woher der Lärm kam. Im selben Moment gab es einen Knall, erzählt Pascal, er habe Schießpulver gerochen, dann sei die Lehrerin rückwärts in die Klasse gefallen, eine Blutfontäne sei dabei aus ihrer Stirn geschossen.
Pascal erzählt mit eingefrorenem Gesichtsausdruck, er wirkt emotionslos in diesem Moment. Er weiß, dass er diese Wirkung auf andere hat, dass es oft aussieht, als wäre er kalt, würde nicht fühlen. Das Problem sei, dass er den Amoklauf wie einen Film vor sich sehe, sagt er. Unwirklich, unwahr. "Manchmal ist es, als wäre ich gar nicht dabei gewesen."
Er war dabei. Hat gesehen, wie ein anderer Lehrer die Leiche packte und in den Raum zog. Wie er ihr einen Pullover über den Kopf legte und der Blutfleck trotzdem größer wurde, sich ausbreitete zu einer Lache. Gemeinsam mit dem Lehrer und einem Mitschüler verbarrikadierte Pascal die Tür. Zwei Stunden lang war er eingeschlossen und hörte, wie im Korridor ein weiterer Lehrer im Sterben lag.
"Das war mit das Schlimmste für mich", sagt Pascal, "ihm nicht helfen zu können, dieses ,Hilfe, Hilfe'", immer zweimal habe er geschrien, in regelmäßigen Abständen. "Das höre ich noch immer", sagt Pascal, auch nach acht Jahren noch.
In einem grünen Kachelofen liegen die Erinnerungen
Allein in Deutschland gab es seit 2000 acht Amokläufe an Schulen. Nicht immer waren Tote dabei, aber jedes Mal Verletzte. Körperlich einige, seelisch Hunderte. Schüler wie Pascal, die zusehen mussten, wie Menschen starben. Die stundenlang eingeschlossen waren und Schüsse hörten, ohne zu wissen, was draußen vor sich ging. Schüler, die bei der Evakuierung durch das SEK über die Leichen ihrer Lehrer und Mitschüler steigen mussten. Schüler, die bedroht wurden oder angeschossen. Oder alles zusammen.
Die Schockerlebnisse bei einem Amoklauf sind so vielfältig wie ihre psychischen Folgen, und es gibt wohl niemanden in Deutschland, der sie besser kennt als Alina Wilms.
Sie ist Psychologin und Traumatherapeutin in Erfurt, ihre Praxis liegt in einer Jugendstilvilla unweit des Gutenberg-Gymnasiums, sie sagt: "Die Schüler leiden unter Flashbacks, sehen Bilder wieder und wieder, sie haben Konzentrationsstörungen, Verlustängste." Die Liste der psychischen Symptome, die nach einem Amoklauf bei Jugendlichen auftreten können, ist lang: "Schlafstörungen, Bindungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen". Nach einem Schulmassaker liege die Psyche erst einmal in Trümmern.
Kurz nach dem Amoklauf war die Stadt Erfurt ins Chaos gefallen. Hunderte traumatisierte Schüler, Lehrer, Eltern gab es, und niemand wusste, wie man mit so einer Situation umgeht. "Es gab ja kein Konzept", sagt Alina Wilms, "es war der erste Schulmassenmord in Deutschland." Sie übernahm damals die Koordination der psychologischen Hilfe, bildete Therapeutenteams für Hunderte Traumatisierte, betreute selbst Dutzende Schüler aus verschiedenen Klassen. Ihre Praxis wurde zur Zentrale des Erfurter Traumas.
Sie geht hinüber zu einem grünen Kachelofen, der in der Ecke des Praxiszimmers steht, und öffnet die gusseiserne Tür: "Hier haben die Schüler ihre Erlebnisse abgelegt", sagt sie. Selbstgemalte Bilder, Stofftiere, Fotos von den Toten, Kleidungsstücke, die Schüler zum Tatzeitpunkt trugen, liegen dort.
Es ist der Versuch, dem Schrecken ein Symbol zu geben und dem Unfassbaren eine Form. Der Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen über die eigene Erinnerung, sie wegzuschließen und nur manchmal wieder hervorzuholen.
Man müsse sich das mal vorstellen, sagt Wilms: Jemand, mit dem man jahrelang zur Schule gegangen ist, der auf der Nachbarbank gesessen hat, mit auf Klassenfahrt war, wendet sich gegen einen und wird zum Mörder. "Da wird das Urvertrauen gestört", sagt Wilms. Das sei anders als bei einem Unfall, wo jemand versagt habe, oder bei einer Naturkatastrophe, wo man keinen Einfluss besitze. Das ganze Selbst- und Weltbild werde gestört.
Pascal beschreibt seine Gefühle nach der Tat so: "Es war, als wäre die Wirklichkeit vor meinen Augen wie eine Mauer zusammengestürzt und ich müsste sie aus winzigen Teilen wieder zusammenbauen." Zwar habe er die Leichen ja gesehen, als ihn die Männer vom SEK durch das Schulgebäude führten. Zwar seien nach der Tat relativ schnell die Fakten durchgesickert. Zwölf Lehrer: tot. Die Sekretärin: tot. Zwei Schüler und ein Polizist: tot. Robert Steinhäuser: ebenfalls tot.
"Aber dieses Ungeheuerliche", sagt er, "das Warum, das konnte ich nicht begreifen." Er hält inne, sagt: "Kann ich eigentlich noch heute nicht."
* Name von der Redaktion geändert
Auf anderen Social Networks posten:
Hallo ecua, daran sehe ich, dass Sie doch nicht Soo gut im Verdrängen sind. Ein Zumwinkel z.B., kann sich sicherlich nicht mehr an alle Feinheiten seiner Laufbahn erinnern und eine Pizza wird ihm wohl kaum den Schweiß auf die [...] mehr...
Und im Fußball gibt es keine Schwulen, es ist mehr die Ignoranz als mein Elternhaus. mehr...
Und deswegen stoppe ich die Unterhaltung jetzt auch, diese süffisante Ignoranz ist für mich völlig uninteressant. mehr...
---Zitat--- Meiner Meinung nach ist der Einfluß der Kindheit viel größer, weil ich schon mit vielen Betroffenen Kontakt hatte und der Zusammenhang mit den Elternhäusern immer wieder ins Auge springt. ---Zitatende--- Dass [...] mehr...
Um mich präziser auszudrücken: In Placebo-kontrollierten Studien (und ich kann ihnen gerne Dutzende nennen) konnte die Homöopathie keine Überlegenheit gegenüber dem Placebo zeigen, war also genauso wirksam bzw. unwirksam. [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Amoklauf von Winnenden | RSS |
© DER SPIEGEL 10/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH