Von Dialika Krahe
Alina Wilms, die Traumaexpertin aus Erfurt, sagt, dass sie viele der therapeutischen Entscheidungen, die in Winnenden getroffen wurden, nicht verstehen kann. Viel zu früh seien die Schüler an den Tatort zurückgekehrt, hätten sich an den Händen gehalten, gemeinsam geweint, zu einem Zeitpunkt, an dem die Seele unter Schock stand und noch nicht zum Trauern bereit war. Es gibt Theorien, die besagen, dass diese Trauerrituale kurz nach dem Schock gerade wichtig seien, um das Erlebte zu verarbeiten. Wilms hingegen vertritt die Auffassung, dass sich die Schüler dadurch nur zusätzlich mit den Erlebnissen der anderen belasten und noch tiefer in ihr Trauma fallen.
Wilms hat die Erfahrungen der Psychologen nach dem Massaker in Erfurt wissenschaftlich ausgewertet, ein Konzept, das man in Winnenden hätte nutzen können. Stattdessen habe es ein ähnliches Anfangschaos wie damals gegeben, sagt sie. Wieder habe man Horden von Helfern auf die Schüler losgelassen. "Wenn man nach so einem Schock gleich von Fremden angequatscht wird, hat das etwas Bedrohliches." Ein Trauma nach dem Trauma nennt Wilms das: "Danach wollen viele überhaupt keine Therapie mehr, obwohl sie sie dringend nötig hätten."
Auch Marie wollte nicht zum Psychologen. Ständig war sie von Helfern angesprochen worden: "Das war abschreckend, die haben mich bedrängt", sagt sie. Sie habe diese Fragerei gehasst, dieses "Wie geht es dir?", "Was fühlst du?" "Das nervte", sagt sie, "ich wollte nicht ständig über meine Gefühle reden."
"Ich kann den Leuten gut vorspielen, dass es mir gutgeht", sagt Marie. In Wirklichkeit aber sei es so, dass sie seit dem Amoklauf nicht mehr allein sein könne. "Wenn Mama weggeht, dann habe ich Schiss." Sie gerät oft in Panik, wenn sie im Haus Geräusche hört: "Dann gehe ich runter, mache alle Lichter an und rufe jemanden an." Einmal dachte sie, jemand würde ihr vor dem Haus auflauern.
Und auch in den Nächten geht der Amoklauf nicht weg. Immer wieder träumt sie denselben Traum, von einem Mann, der in der S-Bahn auf sie zukommt und eine Waffe im Ärmel hat. Er zieht die Waffe, dann wacht sie auf. Letzte Nacht hatte sie einen anderen Traum. Sie sei in der Berufsschule gewesen, dort, wo sie seit ein paar Monaten ihre Ausbildung zur Bankkauffrau macht. Dann, plötzlich, habe sie jemanden schießen gehört.
Schuld ist für viele Überlebende ein quälendes Thema
Vor vier Monaten hat sie nun doch mit der Therapie begonnen, hauptsächlich, sagt sie, weil ihre Mutter sich Sorgen machte. Gerade spreche sie mit der Psychologin darüber, dass sie sich mit der Schwester vom Täter treffen wolle. Warum? "Na, um ihr mein Beileid auszudrücken. Ich glaube, sie denkt, dass jetzt alle sauer auf sie sind. Aber für mich ist der Hauptschuldige der Vater." Marie sagt, sie wolle bei der Verhandlung dabei sein, wenn es um die Frage gehe, ob der Vater von Tim K. verantwortlich für die Tat sei, weil er dem Sohn Zugang zu großkalibrigen Waffen gewährte. "Wahrscheinlich kommt der eh nicht ins Gefängnis."
Ihr Blick ist verändert, es ist der einzige Moment, in dem ihre Stimme bitter klingt: "Ich weiß, dass man so etwas nicht denken soll, aber manchmal wünsche ich mir, der Tim hätte einfach seinen Vater erschossen."
Schuld ist für viele Überlebende ein quälendes Thema: Ist es der Vater, der die Waffen im Haus lässt, oder ist es die Gesellschaft, die zu kalt ist, um das Wegrutschen einzelner Mitmenschen zu erkennen?
Auch Anna aus Emsdetten hat oft darüber nachgedacht, wer schuld sein könnte, dass Bastian B. an einem Montag im November 2006 die Geschwister-Scholl-Schule stürmte. Schuld daran, dass er Rauchbomben zündete und wahllos auf Schüler und Lehrer schoss. Anna war damals 15, sie stand auf dem Schulhof, große Pause, und mit einem Mal war überall gelber Rauch, so erzählt sie es. Schreiende Kinder kamen auf sie zugerannt, ein angeschossener Fünftklässler und dann dieser Junge in seinem langen, schwarzen Ledermantel, Gasmaske im Gesicht, Waffen in den Händen. "Wer macht denn so was?", fragt sie, "die Eltern müssen doch was bei ihrem Sohn gemerkt haben." Der habe doch sein ganzes Zimmer schwarz bemalt. Der habe nur noch schwarze Kleider getragen, merkwürdige Musik gehört und mit niemandem mehr geredet. "Da müssen die Eltern doch mal ihr Kind kontrollieren oder zumindest fragen, was es für Probleme hat."
Pascal Mauf, der Augenzeuge aus Erfurt, sagt: "Ich fühle mich schuldig, klar." Er habe Robert ja gekannt, er sei sein Mitschüler gewesen. Aber ihm sei nie etwas aufgefallen. Auch von dessen Neigung zu Waffen habe er nichts gewusst. Er habe in der Therapie oft versucht, einen Brief an Robert zu schreiben. Aber wie soll man das anfangen? ",Lieber Robert' fällt aus", sagt er, ",Hallo Robert' irgendwie auch." Er sagt: "Ich kann ihn nicht hassen, ich würde gern."
"Ich will keine beste Freundin mehr, alles kann so schnell vorbei sein"
In der Traumatherapie heißt es, dass ein Trauma bewältigt sei, wenn man es schaffe, das Erlebte ins eigene Leben zu integrieren. Wenn man Trauer empfinden könne, aber keine Angst mehr habe. Wenn man wisse: Der Amoklauf liegt in der Vergangenheit, und jetzt ist eine andere Zeit.
Manche studierten nach dem Amoklauf Psychologie, weil sie lernen wollten, wie man Traumatisierten hilft. Andere wollten zur Polizei. Pascal ging nach seiner Zivildienstzeit an der Schule weg aus Erfurt, zum Studieren, erst nach Leipzig, dann nach Jena, die Distanz tat ihm gut. Er studiert auf Lehramt, ausgerechnet. Vielleicht möchte er Schüler auffangen, die so sind wie Robert Steinhäuser oder Tim K. "Ich will zuhören", sagt er, "einen sensibleren Umgang miteinander."
Pascal leert seine Kaffeetasse, "doch", sagt er, "eigentlich geht es mir heute ganz gut". Er komme seit einiger Zeit auch ohne Therapie zurecht. Er habe Strategien entwickelt, die ihm helfen, wenn die Erinnerung zu mächtig wird, die Wiese zum Beispiel, sein sicherer Ort. Er achte mehr auf kleine, schöne Dinge im Leben, sagt er, er schreibt, fotografiert. Er überlegt einen Moment, sagt: "Und ich plane nicht mehr langfristig." Der Glaube an die Zukunft ist etwas, das Robert Steinhäuser am 26. April ausgelöscht hat. "Wie kann ich wissen, dass es mich nicht noch einmal voll erwischt?"
Marie sagt, sie habe vor allem Angst davor, ihre Freundin zu vergessen. "Es erlischt schon", sagt sie, "kleine Sachen, die fallen mir schon jetzt nicht mehr ein." Deshalb rede sie viel über die Erinnerungen mit ihr, über die gemeinsamen Urlaube, die Schule, die Shoppingtouren nach Stuttgart. Deshalb besuche sie auch häufig Steffis Mutter.
Es wird dunkel in Winnenden, dieser schwäbischen Kleinstadt, Marie packt ihr Büchlein ein, mit den Fotos von ihrer Freundin, sie wird nach Stuttgart fahren, allein. Wird in die S-Bahn steigen, so wie sie es früher mit Steffi machte, wird durch die Fußgängerzone streifen, sich Kleider ansehen. Sie könnte das Mädchen mitnehmen, das sie zum Gespräch mitgebracht hat, eine Freundin.
Aber Marie sagt, es sei jetzt besser für sie, allein zu gehen: "Ich will keine beste Freundin mehr, alles kann so schnell vorbei sein, und ich weiß nicht, ob ich das noch mal verkrafte", sie macht sich auf den Weg, ein 17-jähriges Mädchen.
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