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Ausgabe 11/2010
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15.03.2010
 

Geologie

Tropfen aus der Eiszeit

Von Samiha Shafy

Dattelpalme: Den Anbau von Pflanzen wie etwa Weizen haben viele saudi-arabische Landwirte inzwischen aufgegeben. Bis 2016 soll die Weizenproduktion im ganzen Land eingestellt werden. Dagegen sei die dürreresistente Dattelpalme eine "geduldige Pflanze. Sie passt am besten in unser Klima"Zur Großansicht
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Dattelpalme: Den Anbau von Pflanzen wie etwa Weizen haben viele saudi-arabische Landwirte inzwischen aufgegeben. Bis 2016 soll die Weizenproduktion im ganzen Land eingestellt werden. Dagegen sei die dürreresistente Dattelpalme eine "geduldige Pflanze. Sie passt am besten in unser Klima"

Wie in vielen Trockenregionen wird in Saudi-Arabien das Wasser knapp. Deutsche Forscher untersuchen deshalb im Auftrag der Regierung die fossilen Grundwasservorräte auf der Arabischen Halbinsel. So wird das Königreich zum Experimentierfeld für die Wüsten der Welt.

Der deutsche Geologe Randolf Rausch, 59, will seinen Besuchern die Wüste zeigen. Flink schreitet er über den schmalen Kamm der Sanddüne, die Füße nach außen gedreht wie ein Balletttänzer. Der Wind verweht seine Spuren sofort und zupft an seinem grünen Jägerhut.

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Die Gäste aus Darmstadt stapfen hinterher, sie schnaufen, ansonsten ist es still. Die Luft in der Wüste Ad-Dahna wird zu dieser Jahreszeit nur um die 32 Grad Celsius warm, 20 Grad kühler als im Sommer. Die Luft ist trocken, klar und geruchlos. An der höchsten Stelle bleibt Rausch stehen und blickt über die endlose, kupfern schimmernde Dünenlandschaft. "Des hier", sagt er in feierlichem Schwäbisch, "isch der Traum eines jeden Geologen."

Im Auftrag des saudischen Königs sollen der Geologe, der seit sechs Jahren für die GTZ International Services in Riad arbeitet, und seine Besucher von der TU Darmstadt in der Wüste nach Wasser suchen. Mit bis zu 2000 Meter tiefen Bohrungen, Pumpversuchen, aufwendigen Messtechniken und Computermodellen versuchen sie herauszufinden, wie viel fossiles Grundwasser noch in den Gesteinsschichten der Arabischen Halbinsel gespeichert ist.

An dem Großprojekt ist auch das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig beteiligt: "Mit den Supercomputern am UFZ", sagt Rausch, "können wir die Strömungen des Grundwassers von der letzten Eiszeit bis heute simulieren."

Hier sind existentielle Fragen zu klären

Seine beiden Gäste, Christoph Schüth, 47, und Andreas Kallioras, 34, haben sich gut auf ihren Einsatz vorbereitet: Die Messgeräte und Sonden, mit denen sie die Feuchtigkeit des Bodens, die Bewegungen und das Alter des Wassers bestimmen können, hatten sie zuvor auf einem stillgelegten Flugplatz in der Nähe von Darmstadt getestet.

"Eine Aufgabe wie diese gibt es sonst nirgendwo auf der Welt", schwärmt Rausch, ein kleiner Mann mit Glatze, gebogener Nase und stets leicht hochgezogenen Brauen. Er grinst und guckt zu Schüth herüber, der schon zum nächsten Sandhügel spaziert: "In Deutschland zum Beispiel kümmert man sich als Geologe um so kleine Sachen wie Altlastensanierungen und Deponien und so was."

In Saudi-Arabien sind drängende, existentielle Fragen zu klären: Wie viel Wasser ist noch übrig in den unterirdischen Hohlräumen? Und wie lässt sich das kostbare Gut nutzen, so dass es noch möglichst lange ausreicht, um die wachsende Bevölkerung zu versorgen?

So wie die Saudi-Araber derzeit ihr Wasser verschwenden, kann es nicht mehr lange gutgehen: Rausch und seine Kollegen haben beispielsweise errechnet, dass die Vorräte in der Gegend um Riad, die Hauptstadt mit ihren viereinhalb Millionen Einwohnern, schon in 30 Jahren erschöpft sein werden.

Experimentierfeld für die Trockengebiete der Welt

"Am Anfang hatte ich schon ethische Bedenken, mich ausgerechnet in diesem Land zu engagieren", sagt Schüth. Die größten Erdölvorkommen der Welt haben das Königreich zu einem der wohlhabendsten Länder gemacht. Die heiligen Stätten Mekka und Medina machen es zum Zentrum der islamischen Welt. Nirgendwo wird der Islam strenger ausgelegt als hier. Frauen bewegen sich in Saudi-Arabien entweder von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt oder hinter Mauern. Zur Gebetszeit, fünfmal täglich, steht das Leben still; Kinos, Theater und Konzerte sind verfemt, Touristen dürfen nur unter strengen Auflagen ins Land; und wer Gott oder den Propheten beleidigt, muss damit rechnen, öffentlich hingerichtet zu werden. Es ist ein Land, das sich bisher wenig darum zu kümmern brauchte, was der Rest der Welt von ihm hielt.

Doch nun ist ausgerechnet dieser rigide Staat auf fremde Hilfe angewiesen, weil ihm die wichtigste aller Ressourcen ausgeht. So wird Saudi-Arabien zu einem Experimentierfeld für die Trockengebiete der Welt, die rund 40 Prozent der Landoberfläche ausmachen.

Als er zum ersten Mal in das Land gekommen sei, erzählt Schüth, sei er positiv überrascht gewesen von der Offenheit der Menschen. Ein saudi-arabischer Forscherkollege wolle ihn demnächst sogar mit Familie in Deutschland besuchen. Dabei sei es bisher undenkbar gewesen, dass ein Saudi-Araber einem anderen Mann seine Frau vorstelle. Der gesellschaftliche Wandel sei zaghaft, sagt Schüth, aber spürbar. Und schließlich gehe es bei dem Forschungsprojekt ja um eine gute Sache: "Die Leute haben ein Wasserproblem, sie wollen es lösen; und die Techniken, die wir hier entwickeln, können auch anderen Ländern nützen."

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