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Ausgabe 11/2010
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19.03.2010
 

SPIEGEL-Gespräch

"Ich bin chaotisch und faul"

Schach-Genie Carlsen: "Als junger Spieler hat man viel Energie"
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AFP

Der norwegische Schachspieler Magnus Carlsen, 19, über seinen Aufstieg zur Nummer eins der Weltrangliste, die Zusammenarbeit mit Garri Kasparow, Fanpost junger Frauen und seine Vorliebe für düstere Rap-Musik

SPIEGEL: Herr Carlsen, was haben Sie eigentlich für einen Intelligenzquotienten?

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Carlsen: Keine Ahnung. Ich will ihn auch gar nicht wissen. Es könnte sonst eine böse Überraschung geben.

SPIEGEL: Wieso? Sie sind 19 Jahre alt und führen die Weltrangliste im Schach an. Sie müssen doch wahnsinnig klug sein.

Carlsen: Und genau das wäre schrecklich. Natürlich ist es wichtig, dass sich ein Schachspieler gut konzentrieren kann, es kann aber auch eine Last sein, wenn man zu intelligent ist. Es kann dich behindern. Ich bin überzeugt davon, dass der Engländer John Nunn nie Weltmeister wurde, weil er zu schlau dafür ist.

SPIEGEL: Wie das?

Carlsen: Nunn hat mit 15 angefangen, in Oxford Mathematik zu studieren, er war der jüngste Student seit 500 Jahren und hat mit 23 in algebraischer Topologie promoviert. Er hat so furchtbar viel im Kopf. Einfach zu viel. Sein enormes Auffassungsvermögen und sein ständiger Wissensdurst haben ihn vom Schach abgelenkt.

SPIEGEL: Bei Ihnen ist das anders?

Carlsen: Richtig. Ich bin ein völlig normaler Kerl. Mein Vater ist wesentlich intelligenter als ich.

SPIEGEL: Ah ja. Wie viele Züge im Voraus können Sie berechnen?

Carlsen: Das hängt von der Spielsituation ab. Manchmal 15 bis 20. Der Trick ist aber, die Stellung am Ende der Kalkulation richtig zu bewerten.

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SPIEGEL: Sie sind im Alter von 13 Jahren, vier Monaten und 27 Tagen Großmeister geworden, und noch nie gab es eine jüngere Nummer eins als Sie. Woran liegt das, wenn nicht an Ihrer Intelligenz?

Carlsen: Ich sage ja nicht, dass ich total dumm bin. Mein Erfolg hat allerdings hauptsächlich damit zu tun, dass ich die Möglichkeit hatte, schneller mehr zu lernen. Es ist leichter geworden, an Informationen zu gelangen. Die Spieler aus der Sowjetunion hatten früher einen enor-men Vorteil, ihnen stand in Moskau ein riesiges Archiv zur Verfügung, da waren unzählige Partien sorgfältig auf Karteikarten notiert. Heute kann sich jeder diese Daten für 150 Euro auf DVD kaufen, auf einer Scheibe sind 4,5 Millionen Partien gespeichert. Es gibt auch mehr Bücher als früher. Und dann habe ich natürlich eher angefangen, mit dem Computer zu arbeiten als Wladimir Kramnik oder Viswanathan Anand.

SPIEGEL: Wann genau war das?

Carlsen: Mit elf oder zwölf. Ich habe mich am Rechner auf Turniere vorbereitet und im Internet gespielt. Heute fangen die Kinder noch früher an, einen Computer zu benutzen, sie lernen bereits die Regeln am Schirm. So gesehen bin ich schon wieder altmodisch. Der technische Fortschritt führt zu immer jüngeren Spitzenspielern, überall auf der Erde.

SPIEGEL: Es ist im modernen Schach ein Vorteil, jung zu sein?

Carlsen: Als junger Spieler hat man viel Energie, viel Kraft, man ist sehr motiviert. Aber junge Spieler können oft Stellungen nicht so gut verteidigen, sie kommen nicht so gut damit zurecht, wenn sich das Schicksal gegen sie wendet. Erfahrung ist eben zentral. Mit das Bedeutendste im Schach ist die Mustererkennung - die Fähigkeit, auf dem Brett typische Motive und Bilder zu erkennen, Stellungsmerkmale und ihre Konsequenzen. Das kann man bis zu einem gewissen Grad im Training lernen, es geht aber nichts über Spielroutine. Ich habe immer darauf geachtet. Ich bin erst 19, habe aber bestimmt schon tausend Partien im klassischen Stil hinter mir.

SPIEGEL: Wann haben Sie mit Schach angefangen?

Carlsen: Ich muss fünfeinhalb, sechs Jahre alt gewesen sein. Mein Vater hat meiner ältesten Schwester Ellen und mir die Regeln beigebracht. Im Gegensatz zu Ellen hat es mich aber nicht besonders interessiert, ich war schlecht und habe schnell wieder aufgehört. Erst mit acht habe ich mich wieder mit Schach beschäftigt.

SPIEGEL: Wie denn?

Carlsen: Ich habe mir ein Brett genommen und Partien rekapituliert, die mein Vater mir damals gezeigt hatte. Warum wurde dieser und jener Zug gemacht? Ich habe mir die Geheimnisse des Spiels selbst erschlossen. Es war faszinierend. Nach einigen Monaten habe ich dann begonnen, Fachbücher zu lesen.

SPIEGEL: Wo kam die plötzliche Begeisterung her?

Carlsen: Ich weiß es nicht. Genauso wenig, wie ich Ihnen sagen kann, warum ich mit noch nicht mal zwei Jahren Puzzle aus 50 Teilen legen wollte. Warum wollte ich mit zweieinhalb alle gängigen Automarken wissen? Warum habe ich mit fünf Bücher über Geografie gelesen? Ich weiß nicht, warum ich alle Länder der Erde mit Hauptstadt und Einwohnerzahl auswendig gelernt habe. Wahrscheinlich war Schach bloß eine weitere Beschäftigung.

SPIEGEL: Es gab kein Schlüsselerlebnis?

Carlsen: Ich habe gesehen, wie Ellen, meine Schwester, gespielt hat. Ich denke, ich wollte sie gern besiegen.

SPIEGEL: Und?

Carlsen: Sie hat nach der Partie vier Jahre lang kein Brett angefasst.

SPIEGEL: Wann haben Sie angefangen, Turniere zu spielen?

Carlsen: Wenig später. Mein Vater sagte, wenn ich noch ein bisschen trainieren würde, könnte ich eventuell bei den norwegischen Meisterschaften der unter Elfjährigen mitspielen. Ich dachte: Oh, das macht vielleicht Spaß. Mein Resultat war ganz okay. Im nächsten Jahr habe ich das Turnier gewonnen.

SPIEGEL: Ihr Vater ist ein ambitionierter Clubspieler. Wann haben Sie ihn zum ersten Mal bezwungen?

Carlsen: Kurz vor meinem neunten Geburtstag. In einer Partie Blitzschach.

SPIEGEL: Sie haben später eine Sportschule besucht. Haben die Eishockeyspieler, Handballer und Radfahrer dort Sie oft gehänselt?

Carlsen: Guck mal da, der Schach-Freak? Das gab es nicht! Im Gegenteil. Vergangenen Sommer haben sie mich zum Schüler des Jahres gewählt.

SPIEGEL: Sind Sie ähnlich systematisch ausgebildet worden wie all die ehemaligen russischen Wunderkinder?

Carlsen: Nein. Ich bin kein disziplinierter Denker. Organisation liegt mir nicht, ich bin chaotisch und neige dazu, faul zu sein. Mein Trainer hat das erkannt und mich in der Regel das üben lassen, wozu ich gerade Lust hatte.

SPIEGEL: Sie sind ein schlampiges Genie?

Carlsen: Ein Genie bin ich nicht. Schlampig? Vielleicht. Es ist so: Wenn ich mich gut fühle, trainiere ich viel. Fühle ich mich schlecht, lasse ich es bleiben. Arbeiten nach Stundenplan macht mir keinen Spaß. Systematisches Lernen würde mich umbringen.

SPIEGEL: Wie haben Sie es dann im Mathe-Unterricht ausgehalten?

Carlsen: Als ich 13 war, haben meine Eltern mich für ein Jahr von der Schule beurlauben lassen. Sie sind mit meinen Schwestern und mir durch die Welt gereist, unterwegs haben sie uns unterrichtet. Das war traumhaft, viel effektiver, als in der Schule zu sitzen. Ich verstehe, dass es ein Problem für einen Lehrer ist, wenn er 30 Schüler betreuen muss. Aber das langsame Tempo war frustrierend für mich. Ich habe die Schule nicht vermisst.

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21.03.2010 von Ylex: Jeder nach seinem Geschmack

Wenn Sie die Frage so sensationslüstern finden, dann bitte – jeder nach seinem Geschmack. Natürlich ist Schach nur ein Brettspiel und keine Wissenschaft, obwohl man Schach sehr wohl wissenschaftlich betreiben kann. Soweit ich [...] mehr...

20.03.2010 von Zero Thrust: re

Dem schließ' ich mich gern an. Wer ein Brettspiel (etwas anderes ist und bleibt auch Schach nicht) für komplizierter hält, als eine komplette Wissenschaft, die möglicherweise noch der Inbegriff einer Wissenschaft ist, in jedem [...] mehr...

20.03.2010 von Ylex: Der Patzer spricht

Der Artikel krankt an gar nichts. Wo Sie da Sensationsgier ausmachen, ist mir rätselhaft. Außerdem sind Ihre langatmigen Betrachtungen zum IQ angewendet auf Schachspieler müßig – gute Schachspieler sind auf jeden Fall [...] mehr...

20.03.2010 von collini: Carlsen nicht Schachweltmeister

Lieber SPIEGEL, Magnus Carlsen ist NICHT Schachweltmeister - wie in der Fotostrecke mehrmals fälschlich behauptet. Er ist die Nummer 1 der FIDE-Weltrangliste. Weltmeister ist nach wie vor Visvanathan Anand aus Indien. Was [...] mehr...

20.03.2010 von deinspiegel: .

ich würde sagen: auf dem teppich geblieben der typ. und man sieht hier mal wieder was einem zum genie macht: die eltern. aber ich denke er weiß das und ist dankbar. muss toll sein soviel wissen aufsaugen zu können. mehr...

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