SPIEGEL: In welchen Ländern waren Sie?
Carlsen: Wir sind mit dem Auto nach Österreich gefahren, Montenegro, Griechenland, Italien und Ungarn. Die Länder im Osten sind übrigens ärmer, als ich dachte. In Rom habe ich den Petersdom besichtigt und ein Fußballspiel im Olympiastadion gesehen. Wundervoll. Als wir in Moskau waren, ist meine Mutter mit meinen Schwestern ins Bolschoi-Theater gegangen, ich wollte nicht.
SPIEGEL: Wieso nicht?
Carlsen: Ich bitte Sie, Ballett! Ist doch langweilig. Ich habe mich ins Internetcafé gesetzt und im Netz Schach gespielt. Später waren wir noch in Dubai, dort habe ich die letzte Norm erfüllt, die nötig war, um Großmeister zu werden. Und in Libyen habe ich um die Weltmeisterschaft gespielt.
SPIEGEL: Sie waren lange Zeit der Jäger, jetzt sind Sie als Nummer eins der Gejagte. Merken Sie das?
Carlsen: Sicher. Der Druck ist größer geworden, alle wollen mich schlagen. Ich spüre auch eine wachsende Verantwortung, das Spiel gestalten zu müssen, weil meine Gegner das verweigern. Sie gehen vorsichtiger vor als noch vor einem Jahr.
SPIEGEL: Wie kommen Sie damit zurecht?
Carlsen: Bislang ohne Probleme. Ich schlafe noch immer gut und lang. Mir tun die Spieler leid, die nachts ständig wach liegen und über ihre Partien grübeln. Es gibt ja Kollegen, die werden bei einem langen Turnier regelrecht depressiv. Ich spiele gern Squash oder Tennis, um abzuschalten, ich gucke Fernsehserien auf DVD.
SPIEGEL: Wir haben gehört, Sie können die ersten drei Staffeln von "Dr. House" auswendig.
Carlsen: Drei kann nicht sein. Ich habe erst zwei gesehen.
SPIEGEL: Im Januar, während des Turniers in Wijk aan Zee, wohnten Sie drei Wochen in einem wie ausgestorben wirkenden Ort, in einem trostlosen Hotel. Sie sind 19 - haben Sie nicht das Gefühl, Ihre Jugend zu verpassen?
Carlsen: Nein.
SPIEGEL: Gehen Sie manchmal abends einen trinken?
Carlsen: Selten. Dann chatte ich doch lieber mit meinen Freunden im Internet oder spiele online Poker.
SPIEGEL: Um Geld?
Carlsen: Na klar. Um was sonst?
SPIEGEL: Gewinnen Sie?
Carlsen: Wenn ich ein Spiel ernst nehme, dann ja. Wenn nicht, kann ich schon mal verlieren. Aber das ist nicht so schlimm. Wichtig ist, dass ich ein Leben jenseits des Schachs habe.
SPIEGEL: Warum?
Carlsen: Schach darf keine Obsession werden. Sonst besteht die Gefahr, dass man in eine Parallelwelt abrutscht, dass man den Bezug zur Realität verliert, sich verirrt im unendlichen Kosmos des Spiels.
Man wird verrückt. Ich achte darauf, dass ich zwischen zwei Turnieren genug Zeit habe, nach Hause zu fahren, um mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Ich wandere, fahre Ski, spiele Fußball im Verein.
SPIEGEL: Haben Sie einen Lieblingsclub?
Carlsen: Real Madrid, die Königlichen.
SPIEGEL: Viele Fußballer bringen sich vor einem Spiel mit Musik in Stimmung. Machen Sie das auch, bevor Sie sich ans Brett setzen?
Carlsen: O ja. Wenn ich vor einer Partie in düsterer Stimmung bin, höre ich düstere Musik.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Carlsen: Kennen Sie eh nicht, ein Lied von Lil Jon. Ein dummer Rap-Song, aber er tut mir gut, ich werde locker. Ich höre Musik im Internet, lade aber keine Lieder runter. Alles legal. Das mögen viele langweilig finden, ich finde es wichtig.
SPIEGEL: Sie arbeiten seit einem Jahr mit Garri Kasparow zusammen, dem vermutlich besten Spieler aller Zeiten. Wie sieht die Kooperation aus? Kasparow ist der Lehrer, Sie sind sein Schüler?
Carlsen: Nein. Was unsere Spielstärke betrifft, sind wir ja nicht weit auseinander. Es gibt viele Dinge, die ich besser kann als er. Und umgekehrt. Kasparow kann mehr Varianten berechnen, dafür ist meine Intuition besser. Ich weiß direkt, wie eine Situation zu bewerten und welcher Plan nötig ist. Da bin ich ihm überlegen.
SPIEGEL: Was kann er Ihnen beibringen?
Carlsen: Er hat jede Menge unverbrauchte Ideen für Eröffnungen. Und es ist von unschätzbarem Wert, dass er gegen die meisten meiner Gegner noch selbst gespielt hat. Er spürt, in welcher Stimmung sie sind, wie sie eine Partie beginnen werden. Das kann ich nicht.
SPIEGEL: Wie lange wollen Sie mit ihm arbeiten?
Carlsen: Unsere Kooperation hat jetzt das nächste Stadium erreicht. Ein großes Ziel von uns war es, dass ich die Nummer eins werde. Das haben wir deutlich früher geschafft als geplant. Nun haben wir beschlossen, dass ich künftig für alle beruflichen Entscheidungen vor und während eines Turniers selbst verantwortlich bin, ohne ständige Führung von Garri.
SPIEGEL: Sie trennen sich wieder?
Carlsen: Nein. Wir bleiben in Kontakt, ich habe noch immer die Möglichkeit, mich regelmäßig mit ihm zu beraten. Ich werde auch mit ihm trainieren. Ich betone: Die letzten zwölf Monate waren von unschätzbarem Wert für mich, und ich werde weiter auf Garris Rat hören.
SPIEGEL: Viswanathan Anand, der amtierende Weltmeister, befürchtet, dass Sie die Szene auf Jahre dominieren werden. Er meint, es sei an der Zeit, dass Sie ein Mädchen kennenlernen. Wie sieht es aus?
Carlsen: Ich bekomme die eine oder andere Fanpost von jungen Frauen.
SPIEGEL: Beantworten Sie die?
Carlsen: Kommt drauf an.
SPIEGEL: Worauf?
Carlsen: Das ist privat und vertraulich.
SPIEGEL: Herr Carlsen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten Maik Großekathöfer und Detlef Hacke
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