Von Tilman Jens
Hier ein empathischer Strich übers Haupthaar, dort ein aufmunternder Halbsatz. So stand er, Abend für Abend kurz vor halb sieben, auf dem geschotterten Platz vor dem Speisesaal, hielt ein wenig Hof und wartete, wie's nun einmal Hirtensache ist, auf die ihm anvertrauten Schäflein: ein Mann Ende dreißig, leger, eher schlaksig. Deutschlands gütigster Lehrer. Ein Pädagoge von Ansehen. Ein Lern-Animator vor allem, der während einer Pädagogik-Doppelstunde gern eine kleine Pause einlegte, um einen Kopfstand zu vollführen - und seine Schüler aufforderte, es ihm gleichzutun. Das löse den Geist.
Wie war ich froh (und, bei allem, wie bin ich bis heute dankbar!), dass mir dieser Gerold Ummo Becker, der "große Gummo", wie wir ihn nannten, 1972 den Eintritt in die Oso ermöglichte. Oso, das war ein Kürzel, von denen es im Internatsjargon so viele gab, stand für Odenwaldschule Ober-Hambach.
Die Aufnahmeprüfung werde ich niemals vergessen. Ich kam, nicht versetzt, von einer über beide Knie verstaubten, sich humanistisch gebenden Anstalt am Neckarufer, deren humaner Charakter vornehmlich darin bestand, dass Armin, der verheiratete Griechischpauker, seiner Latein unterrichtenden Kollegin Heidi ein wenig nähergekommen war als gemeinhin üblich. Ansonsten traten Professor Unrats Erben nicht eben skrupulös in ihre Wesenheit und beliebten ihre unterdrückte Neigung zur Prosa mit Einträgen ins Klassenbuch unter Beweis zu stellen: "Jens ist aufsässig und renitent!" Zu viel mehr hat es nicht gelangt.
Und nun saß ich in einem betörend unaufgeräumten Raum. Hier wurde kein Arrest abgebrummt, niemand eingesperrt, hier wurden Utopien gesponnen, Freiräume geschaffen. Woran es denn hapere, fragte mich ein heiter-entspannter Gerold Becker in seinem handgestrickten Pullunder, als ich ihm von meiner Fünf in Mathematik erzählte.
"Resultiert das Malheur nun daraus, dass du - wie ich - die Dinge nicht so recht verstehst, die da im Unterricht verhandelt werden. Oder machst du Flüchtigkeitsfehler?" Im ersten Fall empfehle er den verdienten Schulmeister Vogel, von dem das Gerücht gehe, er könne selbst einem Stein die Grundzüge der Mathematik vermitteln. Sonst aber sei ich ein Mann für Peter Breuer: "Der ist genial - und verrechnet sich immer." Lehrer sind fehlbar, und Schule kann auch Freude machen - das war die Lektion, die da einem 17-Jährigen mit Selbstironie und Souveränität vorgetragen wurde. Ich hätte, nach acht Jahren der Qual, der Erniedrigung am Tübinger Uhland-Gymnasium, die Welt umarmen können.
Knapp 38 Jahre später sehe ich Gerold Becker wieder. Auf einem Schwarzweißfoto aus dem Archiv, das weiche Gesicht mit einem Ganovenbalken unkenntlich gemacht. Er schaut aus wie ein zur Fahndung ausgeschriebenes Monster, vor einer Tafel im Werkstättenhaus sitzend, die - wir Osoten waren eben schon in den Siebzigern unserer Zeit voraus - ein frühes Modell der Solarstromgewinnung illustrierte.
Gerold Becker hat sich, folgt man erdrückend übereinstimmenden Berichten, während seiner Zeit als Schulleiter - das heißt: von 1972 bis 1985, weit länger als ein Jahrzehnt! - an einer ganzen Kohorte ihm schutzbefohlener Schüler vergangen. Er scheint der Dreh- und Angelpunkt eines widerwärtigen Missbrauchsskandals, den ich in diesem Ausmaß nicht einmal unter klerikalen Kinderschändern vermutet hätte.
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