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Ausgabe 12/2010
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25.03.2010
 

USA

Dämonen im Kopf

Von Cordula Meyer

Joe Dywer: Dämonen im Kopf
Fotos
AP / Warren Zinn, The Army Times

Im Irak-Krieg rettet der US-Obergefreite Joe Dwyer einen Jungen. Das Foto macht ihn zum Nationalhelden. Fünf Jahre später tötet er sich mit Chemikalien. 2009 starben mehr US-Soldaten durch Suizid als auf dem Schlachtfeld im Irak.

Am Nachmittag eines Sommertages wird die Polizei von Pinehurst im US-Bundesstaat North Carolina zu einem weißen Farmhaus gerufen. Pinehurst ist eine idyllische Kleinstadt mit Wäldern, Plantagen-Architektur und acht Golfplätzen. Es gibt viele Rentner, die Polizei hat meist nicht viel zu tun. Aber zu dieser Adresse sind die Beamten in den vergangenen Monaten immer wieder gekommen. Der Eigentümer, ein junger Mann, hatte sich in seinem Haus verschanzt, mit seinen Pistolen und seinem Gewehr.

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Diesmal brechen die Polizisten die Tür auf. Der Mann liegt auf dem Boden und ringt nach Luft. Er ist besudelt mit Kot und Urin. Um ihn herum liegen Dutzende leere Sprühdosen, Marke "Dust-Off". Mit dem Spray kann man Computer reinigen. Man kann sich auch damit betäuben. Nur irgendwann schädigt die Chemikalie das Herz und die Lunge. "Hilf mir, ich kann nicht atmen", fleht der Mann einen der Polizisten an.

Eine Taxifahrerin hatte die Beamten gerufen. Sie fuhr den Mann seit Monaten jeden Tag zu Geschäften in der Umgebung, wo er sich die Sprühdosen kaufte. Sein eigenes Auto hatte er zu Schrott gefahren, als er einem Gegenstand am Straßenrand auswich. Er hielt ihn für eine irakische Bombe.

Der Mann hieß Joseph Dwyer, er war ein Hüne mit rotbraunem Haar.

Er stirbt an diesem Junitag 2008, gerade 31 Jahre alt, auf dem Weg ins Krankenhaus. Ein paar Tage später wird er beerdigt, mit militärischen Ehren. Am Ende fällt ein Offizier vor Dwyers Ehefrau Matina auf die Knie. Er überreicht ihr die gefaltete Flagge von Joes Sarg - eine Ehrenbezeugung der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika.

Denn Joe Dwyer, allein und kläglich umgekommen, war ein Held der USA. Es gibt ein Foto von ihm, auf dem er einen kleinen irakischen Jungen in Sicherheit bringt, gleich nach einem Feuergefecht. Zeitungen in ganz Amerika druckten im März 2003 die Aufnahme auf ihrer Titelseite. "Es war das Bild des Krieges, das jeder sehen wollte", sagt Warren Zinn, der Fotograf. Denn so wollte Amerika sich selbst sehen: mutig, mitfühlend, helfend und mit besten Absichten im Nahen Osten. Vielleicht hat Joe Dwyer den Irak-Krieg nicht überlebt, weil er wirklich so war, wie Amerika gern sein wollte.

Matina, Joes Witwe, trägt ihre braunen Haare kurz, um den Hals baumelt ein filigranes Silberkreuz. "Joseph hat nicht Selbstmord begangen", sagt sie. "Er ist an seinen Kampfwunden im Kopf gestorben." Sie sitzt in einem Restaurant in Pinehurst, stochert in ihrem Hühnersalat und sagt Sätze, um die sie lange ringt. "Es gibt mir Frieden, dass er nicht mehr jeden Tag mit seinen entsetzlichen Erinnerungen kämpfen muss", zum Beispiel, oder: "Ich kann nur deshalb ertragen, dass er tot ist, weil das vielleicht seine Art war, anderen zu helfen."

Denn ein Psychologe der US-Armee begann, nachdem er Dwyer traf, neue Therapien zu entwickeln, um verstörten Kriegsheimkehrern zu helfen.

300.000 US-Veteranen leiden an Posttraumatischer Belastungsstörung

Joe Dwyer litt an Posttraumatischer Belastungsstörung, PTBS. Immer mehr Soldaten kehren mit dieser Krankheit heim nach Amerika, aber auch nach England und Deutschland. Etwa jeder fünfte US-Uniformierte, der den Krieg am Hindukusch oder am Euphrat überlebt, quält sich mit traumatischen Neurosen. Schätzungsweise 300.000 US-Veteranen leiden an PTBS, viele trauen sich nicht zum Arzt, aus Angst, für verrückt erklärt zu werden. Nur die Hälfte derer, die ihre Scham überwinden, werden bisher wenigstens "minimal ausreichend" behandelt, so das Ergebnis einer Studie der US-Denkfabrik Rand Corporation.

Im Jahr 2009 starben mehr US-Soldaten durch Suizid (334) als auf dem Schlachtfeld im Irak (149). Schon 2008 stellten Militärärzte fest, dass jeden Monat 1000 Veteranen versuchen, sich das Leben zu nehmen. Weit über 100 Ex-Kämpfer aus dem Irak und aus Afghanistan sind durchgedreht und haben Menschen getötet; ein Drittel der Opfer waren Freundinnen, Ehefrauen oder andere Familienmitglieder.

Die ersten Zeichen dieser Epidemie bemerkt John Fortunato vor fünf Jahren. Der Psychologe der US-Armee arbeitet auf der Basis Fort Bliss in El Paso, Texas. Die jungen Irak-Heimkehrer, die damals vor seinem kleinen Praxiszimmer warten, sprechen von Schuld, Panik, Wut und Gedanken, die sie Tag und Nacht verfolgen.

Er verschreibt Pillen, ebenso wie die anderen Armee-Psychologen. Wenn er Zeit hat, redet er auch mit den Soldaten. Meist aber schreibt Fortunato am Ende nur Gutachten. Er entlässt die Soldaten aus der Armee, untauglich für den Krieg, aber auch untauglich fürs Leben.

Als Fortunato 2006 ein solches Gutachten für seinen Patienten Joe Dwyer schreiben muss, geht ihm das nah. "Dwyer war ein feiner Kerl mit viel Humor", sagt Fortunato. Sein langsamer Verfall bewegt den Psychologen, selbst ein Behandlungszentrum aufzubauen, um aus den Kriegswracks wieder Menschen zu machen. 2007 werden die Baracken feierlich eingeweiht, Offiziere halten Reden, ein General durchschneidet das Band.

"Warum schickt ihr nicht mich?"

Joe Dwyer ist 24 Jahre alt, als er sich zur Armee meldet. Er wird in El Paso stationiert und sitzt mit vier Kameraden in einem fensterlosen Zimmer, Sanitätsdienst. Die vier - Joe Dwyer, Dionne Knapp, Angela Minor und ihr Chef Jose Salazar - mögen sich. "Wir haben über das gesprochen, was uns berührt, das tiefgehende Zeug", sagt Dionne Knapp, eine junge, ernste Frau mit Locken und einer kleinen Zahnlücke. "Joe war der kleine Bruder, den ich nie hatte." Die anderen Soldaten nennen sie die "vier Musketiere".

Dann bekommt eine von ihnen, es ist Dionne, ihren Marschbefehl in den Irak. Sie sagt zu Joe, sie könne ihre beiden Kinder nicht alleinlassen. Sie würde eher desertieren, als in den Krieg zu gehen. Am nächsten Tag meldet sich Joe bei seinem Vorgesetzten. "Warum schickt ihr nicht mich?"

Im Februar 2003 bringt Matina ihren Mann zum Bus. Er erzählt ihr, dass er in ein Krankenhaus in Kuwait abkommandiert werde. Das stimmt nicht.

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insgesamt 42 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.04.2010 von Astir01: Bequemlichkeit

Das kann ich nicht gelten lassen. Es gibt immer eine Alternative. Vielen scheint der Dienst in den Streitkräften nur der Weg des geringsten Widerstands. Es ist ja auch so bequem. Verantwortung wird einem in vielerlei Hinsicht [...] mehr...

01.04.2010 von mac4ever: Trauma

Unsinn, die Symptome einer PTBS, wie sie auch überfallene Kassiererinnen, Taxifahrer oder Sachleute erleiden, haben mit "schlechtem Gewissen" ja auch nichts zu tun. Und die kriegen das traumatisierende Erlebnis auch [...] mehr...

31.03.2010 von Miguel: an astir01

sie haben sicher nicht völlig unrecht, allerdings lassen sie außer acht, das es auch eine menge menschen gibt, die nicht aus blödheit, sondern schlicht aus mangel an alternativen oder gar verzweiflung, den dienst an der waffe [...] mehr...

30.03.2010 von Astir01: Freiwillig

Der Satz "Soldaten sind Mörder" stammt von Kurt Tucholsky. Er stellt ihn in eine Reihe mit Cyprian v. Kathago (~ 200 n. Chr.) und Voltaire. Die Armeen dieser Erde sind und waren nie dafür berühmt, dass aus ihren [...] mehr...

28.03.2010 von L0u: ..

zuerstmal möchte ich hinzugeben, dass ich nicht wirklich glaube, dass in der us-armee NUR sozial niedrig gestellte sowie mörder usw. zu finden sind, ich glaub das ist ziemlich sicher! wie dabei natürlich die genauen prozentzahlen [...] mehr...

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