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Ausgabe 12/2010
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USA Dämonen im Kopf

Joe Dywer: Dämonen im Kopf
Fotos
AP / Warren Zinn, The Army Times

3. Teil: "Er ist nie zurückgekommen"

Dwyer wird ehrenhaft aus der Armee entlassen. Ein gutes Jahr später, am 10. Juli 2007, wird in Fort Bliss das "Restoration and Resilience Center" eingeweiht.

Fortunato hat ein kleines Büro links vom Eingang der Tagesklinik. Er hat kurzgeschorene Haare und trägt Khaki-Hosen, seine Bürostühle und Bücherregale sind praktisch. Auf Äußerlichkeiten kommt es ihm nicht an. Fortunato ist Benediktiner-mönch, aber er war auch als Soldat in Vietnam. Als er von dort zurückkam, lag er "jedes Mal im Dreck", wenn ein Auto eine knallende Fehlzündung hatte. Wenn ein Soldat im Gespräch darauf beharrt, es gehe ihm prima, antwortet Fortunato: "Du glaubst wirklich, das geht schon irgendwie weg? Geh zur Brücke hier am Gaywick Boulevard, da sind die obdachlosen Jungs in meinem Alter. Scheint nicht weggegangen zu sein."

Ein Kriegstrauma erzeugt meist drei typische Verhaltensweisen: Soldaten vermeiden Situationen, die ihnen Angst machen. Wie Joe Dwyer, der nicht mehr ins Kino geht.

"Nach einer Weile ist das zentrale Nervensystem wie frittiert"

Immer wieder müssen sie sich erinnern: In ihrem Kopf laufen Filme in der Endlosschleife. Filme mit toten Kameraden, Filme, in denen sie selbst jemanden töten.

Und sie stehen ständig unter Strom. Im Kampf müssen alle Sinne des Soldaten geschärft sein. Im Krieg kann man nur so überleben. Im Frieden geht man so kaputt. "Nach einer Weile", sagt Fortunato, "ist das zentrale Nervensystem wie frittiert."

Die erste Antwort der Medizin darauf sind Beruhigungstabletten. In der Gesprächstherapie sollen die Soldaten dann von den Filmen im Kopf erzählen, um ihnen ihre Wucht zu nehmen. Es hilft, so etwas mit anderen zusammen zu machen, die Ähnliches erlebt haben. Aber oft hilft es nicht genug.

Fortunato hat deshalb für sein Programm neun Stellen in der Psyche von Soldaten identifiziert, an denen er eingreift. Zuerst versucht er, die Nervosität zu bekämpfen, die ständige Anspannung. Der Kopf mache den Körper verrückt, sagt Fortunato. Also soll sich wenigstens der Körper entspannen. Dazu gibt es Akupunktur, es gibt Massagen und Bio-Feedback, es gibt Reiki, eine japanische Methode - "das Abgefahrenste, was wir hier machen". Reiki ist ein bisschen wie Handauflegen, sagt Fortunato. Seine Vorgesetzten zeigten ihm anfangs den Vogel.

Zweimal die Woche spielen die Soldaten Wasserball. "Es hilft, sie wieder zu sozialen Wesen zu machen. Wie sollen Pillen das tun?", fragt Fortunato. Auch seine Patienten nehmen Psychoarzneien. Aber nur halb so viele, wie Ärzte ihnen sonst verabreichen.

Jeden Donnerstag müssen die Soldaten raus. Für jemanden, der in Falludscha im Häuserkampf war, ist der furchteinflößendste Ort Amerikas das örtliche Einkaufszentrum. "Die Soldaten nennen Wal-Mart das Reich des Bösen", sagt Fortunato - viele Menschen, unübersichtlich, schwer kontrollierbar. Also marschiert der Therapeut mit seiner Truppe immer wieder dorthin. Wenn die Panik kommt, müssen seine Patienten mit Atemtechniken versuchen, die Angst in den Griff zu bekommen.

Etwa 60 Prozent von ihnen sind nach seiner Behandlung gesund genug, um an die Front zurückkehren zu können. Normalerweise gelten 30 Prozent schon als Erfolg. Jeder Soldat, der wegen PTBS ausscheidet, rechnet Fortunato vor, kostet die Armee 350.000 Dollar. Fortunatos Programm kostet pro Patient gut 28.000 Dollar. Er sagt: "Mir sind die Zahlen egal, mir geht es um die Soldaten. Aber so habe ich es verkauft."

Inzwischen hatte Fortunato Besuch von so ziemlich jedem, der im US-Militär Rang und Namen hat: Verteidigungsminister Robert Gates war da, dazu Admiral Michael Mullen, der höchste Offizier Amerikas. Auch Senatoren und Kongressabgeordnete kamen, europäische Spitzenmilitärs.

"Jemand wird sterben"

Das Problem wird drängender, je länger der Krieg im Irak dauert, je gewalttätiger die Kämpfe in Afghanistan werden. Und es scheint, als sei Fortunato am weitesten vorangekommen.

Matina Dwyer sagt, ihr Mann habe sich oft gewünscht, dass er im Krieg ein Bein verloren hätte. Und nicht die Seele. Sie sagt, dass "Dr. Fortunato uns Dinge erklärt hat, von denen wir nichts wussten". Wie wichtig es ist zu reden, zum Beispiel.

Joe Dwyer bekommt nach seiner Entlassung als vollständig Behinderter eine Rente von 2700 Dollar. Er zieht mit Matina zurück nach North Carolina zu seinen Eltern, in deren wunderschöne Backsteinvilla mit Bootssteg direkt an einem See. Aber Joe wird den Irak nicht los, auch hier nicht. Er angelt jetzt, 16 Stunden am Tag. Er fährt ziellos mit seiner Har-ley herum. Er freut sich über seine neugeborene Tochter. Aber das Baby schreit, sobald der Vater nur in seine Nähe kommt.

Es wird schlimmer, als Dwyer das Ranchhaus in Pinehurst kauft. Rosenbüsche blühen davor, es riecht nach Kiefern. Aber Joe schließt die Rollläden und spielt Krieg am Computer. Er kauft sich ein AR-15-Gewehr. Als Matina es ihm wegnehmen will, droht er. "Jemand wird sterben." Im August 2007 kommt er noch einmal für ein gutes halbes Jahr in ein Veteranenkrankenhaus. Nach fünf Tagen zu Hause schnüffelt er schon wieder. Matina nimmt ihre Tochter Meagan und zieht aus.

Drei Monate später stirbt Joe Dwyer.

Kurz danach kommt Fortunato nach North Carolina. Er trifft sich mit Matina und mit Dwyers Eltern. Er überreicht ihnen Joes Erkennungsmarke. Er erzählt der Familie von seinem neuen Behandlungszentrum und davon, dass er Joes Foto groß an eine Säule im Eingang gehängt hat. "Es war schön, das zu hören", sagt Matina. Aber auch schwer: "Warum konnte Joseph das alles nicht haben?"

Dionne Knapp, Joes Kameradin, denkt viel daran, dass sie jetzt vielleicht an ihren Erinnerungen zugrunde gehen würde, wäre nicht Joe an ihrer Stelle in den Krieg gezogen. Warren Zinn, der Fotograf, hat später noch einmal Ali, den kleinen Jungen auf dem Foto, im Irak besucht. Ali hat überlebt, aber er kann kaum gehen. Und Maureen Dwyer, Joes Mutter, denkt an das Foto von Joe auf den Titelseiten der Zeitungen. Sie denkt an ihre Vorahnung, er werde nie zurückkommen.

"Und er ist nie zurückgekommen."

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insgesamt 42 Beiträge
Ursprung 25.03.2010
Der Artikel ist eindringlich, offenbar auch recherchiert und stellt berechtigte Fragen allein schon durch die textliche Darstellung. Man wuenscht sich mehr dergleichen auf spon. Wie ist es mit Antwortversuchen? Hier ist [...]
Der Artikel ist eindringlich, offenbar auch recherchiert und stellt berechtigte Fragen allein schon durch die textliche Darstellung. Man wuenscht sich mehr dergleichen auf spon. Wie ist es mit Antwortversuchen? Hier ist einer: nach glaubhaften Berichten von Persoenlichkeitsforschern soll es rund 30 % Menschen in der Bevoelkerung geben, die genmaessig eher "Kampfmaschinen" seien. Einige Privatbeobachtungen in Kindergaerten, Schule, Fussballstadien (Spieler und Publikum) stuetzen subjektiv diesen Eindruck. Diesen "besonderen" Menschen, wenn sie nicht straffaellig werden, gelingt es nur mit Geschicklichkeit und lebenslanger erfolgreicher Unterdrueckung ihrer Intentionen, glimpflich durchs Leben zu kommen. Doch sie koennen sich so gar nicht echt selbst verwirklichen. Wenn dem so waere, gaebe es hier einen Ansatz: Methoden entwickeln, diese Leute herauszufiltern und Ihnen eine Spezialausbildung mit entsprechenden Berufsmoeglichkeiten eroeffen, auch die militaerische. Sie waeren die effizienteren Kaempfer, mustmasslich mit besserer Selbstdisziplin, weil profimaessig gelernt und nicht aufoktroiert, weniger anfaellig fuer eigene seelische Traumata oder leichter und erfolgreicher behandelbar. Damit letztlich auch finanziell effizienter fuer das Unternehmen Krieg. Die anderen 70 % sorgen dann fuer ein funktionierenderes Gemeinwohl zu Hause, um sich die "Kaempfer" und deren Ausbildung und Kontrolle lockerer leisten zu koennen. Auch die Gefaengnisse koennten leerer werden duch solche Konzepte.
fantomas99 25.03.2010
Soll man etwa auch noch Mitleid mit diesen Mördern und primitiven Vergewaltigern haben? Die sollen möglichst alle zum Teufel....wer braucht die schon?
Soll man etwa auch noch Mitleid mit diesen Mördern und primitiven Vergewaltigern haben? Die sollen möglichst alle zum Teufel....wer braucht die schon?
Lehrer 25.03.2010
Tja, wenn die Welt so einfach wär...
Zitat von fantomas99Soll man etwa auch noch Mitleid mit diesen Mördern und primitiven Vergewaltigern haben? Die sollen möglichst alle zum Teufel....wer braucht die schon?
Tja, wenn die Welt so einfach wär...
bürgerschreck 25.03.2010
Was eine primitive Verallgemeinerung. In den USA ist die Armee oft die einzige Möglichkeit für so etwas wie einen sozialen Aufstieg. Es ist doch immer das gleiche alte Lied: Kriege werden von alten Männern angezettelt und von [...]
Zitat von fantomas99Soll man etwa auch noch Mitleid mit diesen Mördern und primitiven Vergewaltigern haben? Die sollen möglichst alle zum Teufel....wer braucht die schon?
Was eine primitive Verallgemeinerung. In den USA ist die Armee oft die einzige Möglichkeit für so etwas wie einen sozialen Aufstieg. Es ist doch immer das gleiche alte Lied: Kriege werden von alten Männern angezettelt und von den jungen Männern der niedrigen Stände oder der unteren sozialen Schichten ausgetragen. Jeder der mal einen Menschen mit schwerem Trauma kennengelernt hat, weiß was diese Menschen durchmachen. Ihre Bemerkung ist unangemessen und geradezu hirnlos. Menschen wie Joe Dwyer sind das Kanonenfutter für die Washingtoner Eliten. Wem sollte man die Schuld geben?
jungzdar 25.03.2010
sehr intelligenter beitrag. ein mensch wird durch seine umwelt geprägt und sie scheinen mir da viel wert drauf zu legen das ihre umwelt funktioniert. perverse und gewalttätige gibt es und man muss ihnen helfen. [...]
Zitat von fantomas99Soll man etwa auch noch Mitleid mit diesen Mördern und primitiven Vergewaltigern haben? Die sollen möglichst alle zum Teufel....wer braucht die schon?
sehr intelligenter beitrag. ein mensch wird durch seine umwelt geprägt und sie scheinen mir da viel wert drauf zu legen das ihre umwelt funktioniert. perverse und gewalttätige gibt es und man muss ihnen helfen. wegschauen, beleidigen verachten. man könnte sie auch alle sofort umbringen. dann hätte man keine kosten. ./ironie off
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