Von Matthias Schulz
Die "hässlichste Sitte" in Babylon, meinte der Historiker Herodot (um 490 bis 425 vor Christus), sei die massenhafte Kuppelei im Ischtar-Tempel. Einmal im Leben müssten alle Frauen des Landes dort niedersitzen und sich - gegen Geld - "einem Fremden preisgeben".
Ähnlich schändlich trieben es angeblich die Perser am Schwarzen Meer. Dort würden "jungfräuliche Töchter" - kaum zwölf Jahre alt - der Kultprostitution geweiht, behauptete Strabon: "Sie behandeln ihre Liebhaber so freundlich, dass sie sie sogar bewirten."
Zuhauf liegen derlei Berichte aus dem klassischen Altertum vor: Von Sizilien bis Theben sollen Völkerschaften perversen religiösen Bräuchen gefrönt haben.
Auch die Juden: Rund ein Dutzend Stellen im Alten Testament kreisen um "Kedeschen". Der Name steht für weibliches und männliches Kultpersonal. Die Bibel nennt sie "Weihebuhlen" und "Lustknaben". Im 5. Buch Mose wird Strichjungen verboten, ihr "Hundegeld" dem Haus des Jahwe zu stiften.
Forscher des 20. Jahrhunderts griffen die - oft dunklen - Hinweise begierig auf. Bald galt es als Tatsache, dass die Priester im Morgenland Zwangsdeflorationen durchführten; es habe "Mitgift-Prostitution" gegeben und eine "geschlechtliche Vereinigung am Kultort".
Tempelsex, so hieß es im "Lexikon für Theologie und Kirche", sei die "sittliche und gesundheitliche Pestbeule am Leibe der Völker" gewesen.
Aber stimmt das? Immer mehr Wissenschaftler stoßen sich an den Erotikfabeln der Altvordern.
Denn neuentdeckte Keilschriften zeigen ein entschärftes Bild. Immer klarer wird: Die Forscher früherer Jahrzehnte haben das Thema aufgebauscht. Für den Ritus der Zwangsentjungferung zum Beispiel findet sich in Wahrheit nicht ein einziger Beleg.
Eine Fraktion von Gender-Forscherinnen sieht nun alles noch radikaler. Sie streitet die heilige Prostitution in Gänze ab. Die Sache sei erstunken und erlogen.
Erst hätten einige griechische Schriftsteller fremden Völkern ehrabschneidende Schmuddelbräuche angedichtet, um deren sittliche "Verwerflichkeit" herauszustellen, heißt es in einem neuen Buch zum Thema(*1). Aus diesem Schlamm sei dann in der Moderne ein "Forschungsmythos" entstanden.
Die US-Altorientalistin Julia Assante, Wortführerin der Bewegung, ist sicher: Heilige Huren gibt es nur in der "Männerphantasie".
Gemäßigten Gelehrten geht diese Deutung jedoch auch wieder zu weit. Zwar zweifeln sie ebenfalls an manchen der schwülstigen Lehrmeinungen der Vergangenheit. An der Existenz des Phänomens aber halten sie fest. Demnach gab es einst
Eine erbitterte Debatte wogt da. Feministisch gesinnte Assyriologinnen kabbeln sich mit Lehrstuhlinhabern alten Schlages. Während die einen stets "Alles gelogen!" rufen, versuchen die anderen, unter Verweis auf die sumerische Grammatik, ihre vermeintlich "patriarchalische Sichtweise" zu verteidigen.
Immerhin: Einigkeit besteht über den normalen Straßenstrich im Altertum. Grell geschminkt und mit gelbem Schal standen Athens Dirnen am Fuß der Akropolis. Spezielle "Flötenmädchen" boten den Freiern zuerst Musik auf dem Aulos an, ehe sie keck zur Tat schritten.
Roms Billighuren kosteten vier Asse (was der Kaufkraft von kaum zehn Euro entspricht). Das Callgirl Messalina hurte sich bis zur Kaiserin hoch.
Auf anderen Social Networks posten:
Ob beabsichtigt oder nicht hat der Tempelsex zur Auffrischung des Genpools beigetragen, wie uebrigens auch der seit Urzeiten praktisierte Frauenraub. Ob beweisbar oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Das Frauenrechtlerinnen [...] mehr...
Bisher scheint bei dieser obskuren Diskussion und Berichterstattung noch niemand einen Gedanken daran verschwendet zu haben, dass Sexualitaet vornehmlich bei der Funktionserfuellung einer fortlaufenden Evolution zumindest in [...] mehr...
Hallo ! Nun, unsere Kirchen ( egal ob protestantisch oder katholisch ) beklagen sich doch über Priestermangel UND schwindende Besucherzahlen....stellt euch mal vor es gäb dann da weibliche und männliche Servicekräfte ( könnt [...] mehr...
Wer es nicht wissen sollte: Dass nur Männer Priester werden konnten und Frauen für diesen Job außen vor waren, hat seinen Hintergrund auch darin, daß die frühchristliche Kirche keine Tempelprostitution haben wollte. Daß Jesus und [...] mehr...
Prostitution is global und ein uraltes Geschäft. Daraus folgten bisher immer Verbote oder Regulierungsversuche durch die Machthaber. Die Liberale Haltung wie wir sie zur Zeit in Deutschland praktizieren ist dagegen ziemlich neu [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
| alles zum Thema Archäologie | RSS |
© DER SPIEGEL 12/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH