SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, Ihr Land bietet derzeit ein verwirrendes Bild. Es ist moderner und offener als vor Ihrem Amtsantritt, und es ist gleichzeitig frommer und islamischer. Wohin führen Sie die Türkei: nach Westen, nach Europa oder nach Osten?
SPIEGEL: Das Erste, was ein Besucher nach der Passkontrolle am Flughafen in Istanbul sieht, ist die riesige Alkoholabteilung eines Duty-free-Shops und ein Plakat, das für eine Ausstellung der freizügigen Arbeiten des späten Picasso wirbt. In der Mittelmeerstadt Alanya dagegen gibt es Hotels, an deren Stränden Männer und Frauen heute getrennt baden - was vor Jahren undenkbar war.
Erdogan: Was Sie bei Ihrer Ankunft am Flughafen gesehen haben, ist ein schöner Ausdruck von Freiheit. Was Sie aus Alanya erzählen, höre ich zum ersten Mal. Doch wenn es stimmt, dann ist auch das ein Beispiel von Freiheit. Der Besitzer eines solchen Hotels und seine Gäste nehmen ein Recht wahr, das wir respektieren müssen.
SPIEGEL: Diese Woche empfangen Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel, die nicht möchte, dass die Türkei auf absehbare Zeit der Europäischen Union beitritt. Was werden Sie ihr sagen?
Erdogan: Die Türkei hat 1959 ihren Antrag auf assoziierte Mitgliedschaft in der EWG gestellt. Das ist 51 Jahre her. Keinem anderen Land ist eine solche Prozedur zugemutet worden. Trotzdem waren wir geduldig. Heute aber sind wir kein Land mehr, das eine Mitgliedschaft in der EU nur anstrebt - wir verhandeln bereits um diese Vollmitgliedschaft. Wenn uns heute Vorschläge gemacht werden, die vom verabredeten Rahmen dieser Verhandlungen abweichen
SPIEGEL: Sie meinen die "privilegierte Partnerschaft", die Frau Merkel einer Vollmitgliedschaft der Türkei vorzieht.
Erdogan: dann ist das genauso abwegig, als wenn Sie mitten in einem Fußballspiel die Elfmeterregeln ändern würden.
SPIEGEL: Ihre Regierung versucht, die Türkei als eine neue Regionalmacht aufzubauen. Wozu brauchen Sie Europa überhaupt noch?
Erdogan: Es geht nicht darum, was wir brauchen, es geht um ein gegenseitiges Bedürfnis. Die Türkei ist keine Last für Europa, im Gegenteil: Sie nimmt der EU eine Last ab. Zusammen mit Spanien führen wir die Uno-Initiative "Allianz der Zivilisationen" gegen den Extremismus, davon profitiert Europa. Wir sind seit 1996 Mitglied der Zollunion, wir erfüllen die politischen Kriterien, die in Kopenhagen festgelegt wurden - ja, wir sind sogar näher daran, die ökonomischen Maastricht-Kriterien zu erfüllen als manche EU-Mitgliedstaaten. Ganz zu schweigen davon, dass wir Gründungsmitglied der OECD und seit 1952 in der Nato sind. Das macht uns zu einer Brücke zwischen dem Westen und 1,4 Milliarden Muslimen.
SPIEGEL: Die Türkei ist sehr selbstbewusst geworden - und Sie gelten als der einflussreichste Politiker, den das Land seit Atatürk hatte. Sehen Sie sich in der Rolle eines "Sultans", wie manche Anhänger aber auch Kritiker Sie bezeichnen?
Erdogan: Ich bin der Vorsitzende einer Volkspartei - und würde mich deshalb nie mit Atatürk vergleichen, jenem Mann, der die Republik gegründet hat. Ich habe keine Absicht, ein Padischah, ein Sultan, zu werden. Es reicht mir, wenn die Leute gut über mich sprechen.
SPIEGEL: Warum erkennt die moderne Türkei den Völkermord des Osmanischen Reichs an den Armeniern nicht an? Der Auswärtige Ausschuss des US-Repräsentantenhauses hat eine Resolution zu diesem Genozid gebilligt
Erdogan: Wenn ein Journalist das Wort Völkermord verwendet, dann sollte er vorher genau hinsehen. Von einem Völkermord an den Armeniern kann keine Rede sein, Völkermord ist ein juristischer Begriff. Ich habe 2005 dem damaligen Präsidenten Armeniens, Robert Kotscharjan, einen Brief geschrieben und ihm darin mitgeteilt, dass dies keine Angelegenheit für uns Politiker ist - sie muss von Historikern erforscht werden. In türkischen Archiven gibt es dazu Millionen Dokumente, mehr als eine Million davon wurden seither durchgesehen. Wenn es in Ihrem Land Archive gibt, schrieb ich Kotscharjan, dann machen Sie die zugänglich. Und wenn Historiker nicht ausreichen, dieses Thema zu klären, dann lasst uns Juristen daran beteiligen, Politikwissenschaftler, Archäologen.
SPIEGEL: Historikerkommissionen seien ein ideales Mittel, solch einen Streit endlos zu vertagen, sagen die Armenier. Und dass Politiker nicht von Völkermord sprechen sollen, sehen wir anders. Einer, der dieses Wort verwendet hat, ist der heutige amerikanische Präsident.
Erdogan: Wenn er dieses Wort benutzt hat, dann war das auch von ihm ein Fehler. Ein Wort wird nicht dadurch richtiger, dass es ein Präsident verwendet. Im Übrigen sind die USA in dieser Angelegenheit keine Partei. Amerika sitzt, wie die anderen Länder, in dieser Sache nur auf der Tribüne. Beteiligt sind nur wir und Armenien. Das ist unsere Geschichte. 1915 war die Türkische Republik noch nicht gegründet, es war die Zeit des Osmanischen Reichs, das damals mit Deutschland verbündet war.
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.. das ist in meinen Augen das größte Integrationshemmnis in D, gravierender als Burka, Minarette und Schweinefleischverbot. Selbst wer ankommen will, wird ständig als Ausländer behandelt. ist aber leider OT ... mehr...
Sehe ich ganz anders. Für den Beitritt der Türkei zur EU ist es völlig irrelevant, ob sie moralisch sich zu den Ereignissen bekennen. Es geht nur um politische und wirtschaftliche Beweggründe. Die Aufarbeitung der Geschichte [...] mehr...
Dann googlen Sie mal "türkisches Gymnasium". Natürlich gibt es türkische Gymnasien in Deutschland. mehr...
es geht nicht nur um das leugnen eines völkermordes, sondern auch um die aktive verfolgung andersgläubiger (z.B. der aramäer) und viele weitere vergehen an den grundrechten eines menschen, die dort leider nicht wie wünschenswert [...] mehr...
Sie wissen genau, dass es keine türkischen Gymnasien in Deutschland gibt. Also warum schreiben Sie so etwas? Jeder, der lesen kann, sieht was gemeint ist. Menschen wegen Schreibfehler niederzumachen ist kein guter Stil. mehr...
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© DER SPIEGEL 13/2010
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