SPIEGEL: Ist die Republik nicht der rechtliche Nachfolger des Osmanischen Reichs?
Erdogan: Die Türkei wurde zweifellos auf den Überresten des Osmanischen Reichs gegründet. Kein Volk kann seine Herkunft verleugnen; wer seine Herkunft verleugnet, versündigt sich. Wenn nach der historischen Aufarbeitung etwas Ernsthaftes ans Licht kommt, sind wir bereit, uns unserer Geschichte zu stellen. Aber es ist wichtig, dass auch die Armenier bereit sind, sich ihrer Geschichte zu stellen.
SPIEGEL: Welcher Geschichte sollen sich die Armenier in dieser Sache stellen?
Erdogan: Es handelte sich nicht um massenhaften Mord der einen an der anderen Seite, sondern um eine Schlacht. Dabei sind Türken gestorben ebenso wie Armenier, die treue Bürger des Osmanischen Reichs waren. Einige von ihnen wurden später aber vom Ausland gesteuert und erhoben sich zu einem Aufstand. Das muss man sehr genau untersuchen.
SPIEGEL: Warum haben Sie diese schwierige Debatte jetzt zusätzlich angeheizt und von einer möglichen Ausweisung aller illegal in der Türkei arbeitenden Armenier gesprochen?
Erdogan: Es stimmt mich traurig, dass Sie das so sehen. Ich habe davon gesprochen, was wir machen könnten. Wir haben jahrelang Armenier ohne Aufenthaltsgenehmigung geduldet. Dies müsse nicht immer so sein - mehr habe ich nicht gesagt. In aller Welt wird offen über das Problem illegaler Arbeiter diskutiert - wenn aber die Türkei eine solche Erklärung abgibt, fühlt man sich gestört. Warum?
SPIEGEL: Warum bestrafen Sie Armenier in der Türkei für Genozid-Resolutionen, die im Ausland verabschiedet werden - in den USA und zuletzt in Schweden?
Erdogan: Wer sagt denn, dass wir die Armenier dafür verantwortlich machen? Ich habe das nie behauptet. Vor einem Jahr haben wir einen Annäherungsprozess zwischen der Türkei und Armenien begonnen. Wir wollen unsere Beziehungen normalisieren. Und da fasst der Auswärtige Ausschuss im US-Kongress plötzlich auf Befehl der armenischen Diaspora einen Beschluss, der die Ereignisse von 1915 als Genozid bezeichnet. Das hilft niemandem. Wir wenden uns an die armenische Diaspora und jene Länder, die die Diaspora unterstützen: Es gibt in der Türkei Armenier, die Staatsbürger sind, und solche, die illegal in unserem Land leben. Bis heute haben wir die Frage der Ausweisung nicht in Betracht gezogen, aber wenn die Diaspora weiterhin Druck macht, könnten wir uns dazu imstande sehen.
SPIEGEL: Sie wehren sich gegen den Begriff Genozid, benutzen ihn selbst aber vielfach. Israel zum Beispiel werfen Sie einen Genozid im Gaza-Streifen vor. Sudans Staatspräsidenten Umar al-Baschir wiederum verteidigen Sie mit den Worten, ein Muslim könne gar keinen Genozid begehen. Sind Muslime etwa bessere Menschen als Juden oder Christen?
Erdogan: Sie reißen die Wörter völlig aus dem Zusammenhang. In diese Falle tappe ich nicht. Ich habe gesagt, dass man die Ereignisse in Gaza gewissermaßen als Genozid bezeichnen könnte: 1400 Menschen sind dort gestorben, viele durch Phosphormunition, mehr als 5000 Menschen wurden verletzt, 5000 Familien obdachlos.
SPIEGEL: Und im Fall des Sudan?
Erdogan: Da habe ich von einem Prinzip gesprochen. Ich bin Muslim. Aber ich habe meine Religion nie mit anderen Religionen verglichen. Ich habe gesagt, dass ein Muslim einen Völkermord, so wie ihn die Vereinten Nationen definieren, nicht begehen kann. Der Islam ist eine Religion des Friedens. Die Muslime glauben: Wer einen unschuldigen Menschen tötet, der handelt so, als hätte er die gesamte Menschheit getötet.
SPIEGEL: Zurzeit sitzt die Türkei als nicht-ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, außerdem ist sie als jenes Land im Gespräch, über das ein Austausch von in Iran angereichertem Uran erfolgen könnte. Werden Sie Sanktionen gegen Teheran unterstützen? Die IAEA, die Internationale Atomenergiebehörde, hat Zweifel an der friedlichen Natur des Atomprogramms.
Erdogan: Das ist falsch. Die IAEA hat so etwas nicht festgestellt.
SPIEGEL: In ihrem letzten Bericht heißt es ausdrücklich, dass Teheran nicht hinreichend kooperiert hat, um eine nicht friedliche Nutzung auszuschließen.
Erdogan: Das sehe ich anders. Iran hat angeboten, sein angereichertes Uran ins Ausland zu bringen, im Gegenzug haben die Iraner nuklearen Brennstoff verlangt. Die Frage ist nun, wo dieser Tausch stattfinden soll. Der ehemalige IAEA-Direktor Mohamed ElBaradei schlug die Türkei dafür vor. Dem haben die Amerikaner zuerst nicht zugestimmt, dann waren sie einverstanden. Nun warten wir auf eine Antwort Irans. Iran schien diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen, doch dann riss diese Verbindung ab.
SPIEGEL: Wenn sich Iran weigert, werden Sie dann Sanktionen unterstützen?
Erdogan: Wir müssen zuerst versuchen, eine diplomatische Lösung für das Problem zu finden. Schon mehrfach wurden Sanktionen gegen Iran beschlossen, aber was ist das Ergebnis? Gelangen jetzt etwa keine amerikanischen, keine deutschen Waren nach Iran? Auf indirektem Wege schon. Natürlich gibt es Mercedes in Iran. Es gibt Peugeot. Ich spreche gern offen. Ich hasse es, in der Politik Dinge zu verstecken. Was wir hier brauchen, ist: Diplomatie, Diplomatie, Diplomatie. Alles andere bedroht den globalen Frieden und bringt sonst gar nichts. Und haben diejenigen, die Druck ausüben, nicht selbst Atombomben? Die Türkei ist keine Atommacht, aber es gibt in dieser Region ein Land, das Atomwaffen besitzt.
SPIEGEL: Sie meinen Israel.
Erdogan: Iran hat zurzeit jedenfalls keine Atomwaffen. Wir sagen ganz klar: Wir möchten überhaupt keine Atomwaffen in unserer Region.
SPIEGEL: Haben Sie das Präsident Mahmud Ahmadinedschad genau so zu verstehen gegeben?
Erdogan: Selbstverständlich. Ich spreche mit ihm genauso offen, wie ich mit Ihnen rede. In dieser Region möchten wir keine Atomwaffen.
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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© DER SPIEGEL 13/2010
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