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Ausgabe 13/2010
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SPIEGEL-Gespräch "Von Völkermord kann keine Rede sein"

Ministerpräsident Erdogan: "Wir versuchen, das Land auf den Stand der zeitgenössischen Zivilisation zu bringen"Zur Großansicht
Agata Skowronek

Ministerpräsident Erdogan: "Wir versuchen, das Land auf den Stand der zeitgenössischen Zivilisation zu bringen"

2. Teil: "Es handelte sich um eine Schlacht"

SPIEGEL: Ist die Republik nicht der rechtliche Nachfolger des Osmanischen Reichs?

Erdogan: Die Türkei wurde zweifellos auf den Überresten des Osmanischen Reichs gegründet. Kein Volk kann seine Herkunft verleugnen; wer seine Herkunft verleugnet, versündigt sich. Wenn nach der historischen Aufarbeitung etwas Ernsthaftes ans Licht kommt, sind wir bereit, uns unserer Geschichte zu stellen. Aber es ist wichtig, dass auch die Armenier bereit sind, sich ihrer Geschichte zu stellen.

SPIEGEL: Welcher Geschichte sollen sich die Armenier in dieser Sache stellen?

Erdogan: Es handelte sich nicht um massenhaften Mord der einen an der anderen Seite, sondern um eine Schlacht. Dabei sind Türken gestorben ebenso wie Armenier, die treue Bürger des Osmanischen Reichs waren. Einige von ihnen wurden später aber vom Ausland gesteuert und erhoben sich zu einem Aufstand. Das muss man sehr genau untersuchen.

SPIEGEL: Warum haben Sie diese schwierige Debatte jetzt zusätzlich angeheizt und von einer möglichen Ausweisung aller illegal in der Türkei arbeitenden Armenier gesprochen?

Erdogan: Es stimmt mich traurig, dass Sie das so sehen. Ich habe davon gesprochen, was wir machen könnten. Wir haben jahrelang Armenier ohne Aufenthaltsgenehmigung geduldet. Dies müsse nicht immer so sein - mehr habe ich nicht gesagt. In aller Welt wird offen über das Problem illegaler Arbeiter diskutiert - wenn aber die Türkei eine solche Erklärung abgibt, fühlt man sich gestört. Warum?

SPIEGEL: Warum bestrafen Sie Armenier in der Türkei für Genozid-Resolutionen, die im Ausland verabschiedet werden - in den USA und zuletzt in Schweden?

Erdogan: Wer sagt denn, dass wir die Armenier dafür verantwortlich machen? Ich habe das nie behauptet. Vor einem Jahr haben wir einen Annäherungsprozess zwischen der Türkei und Armenien begonnen. Wir wollen unsere Beziehungen normalisieren. Und da fasst der Auswärtige Ausschuss im US-Kongress plötzlich auf Befehl der armenischen Diaspora einen Beschluss, der die Ereignisse von 1915 als Genozid bezeichnet. Das hilft niemandem. Wir wenden uns an die armenische Diaspora und jene Länder, die die Diaspora unterstützen: Es gibt in der Türkei Armenier, die Staatsbürger sind, und solche, die illegal in unserem Land leben. Bis heute haben wir die Frage der Ausweisung nicht in Betracht gezogen, aber wenn die Diaspora weiterhin Druck macht, könnten wir uns dazu imstande sehen.

SPIEGEL: Sie wehren sich gegen den Begriff Genozid, benutzen ihn selbst aber vielfach. Israel zum Beispiel werfen Sie einen Genozid im Gaza-Streifen vor. Sudans Staatspräsidenten Umar al-Baschir wiederum verteidigen Sie mit den Worten, ein Muslim könne gar keinen Genozid begehen. Sind Muslime etwa bessere Menschen als Juden oder Christen?

Erdogan: Sie reißen die Wörter völlig aus dem Zusammenhang. In diese Falle tappe ich nicht. Ich habe gesagt, dass man die Ereignisse in Gaza gewissermaßen als Genozid bezeichnen könnte: 1400 Menschen sind dort gestorben, viele durch Phosphormunition, mehr als 5000 Menschen wurden verletzt, 5000 Familien obdachlos.

SPIEGEL: Und im Fall des Sudan?

Erdogan: Da habe ich von einem Prinzip gesprochen. Ich bin Muslim. Aber ich habe meine Religion nie mit anderen Religionen verglichen. Ich habe gesagt, dass ein Muslim einen Völkermord, so wie ihn die Vereinten Nationen definieren, nicht begehen kann. Der Islam ist eine Religion des Friedens. Die Muslime glauben: Wer einen unschuldigen Menschen tötet, der handelt so, als hätte er die gesamte Menschheit getötet.

SPIEGEL: Zurzeit sitzt die Türkei als nicht-ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, außerdem ist sie als jenes Land im Gespräch, über das ein Austausch von in Iran angereichertem Uran erfolgen könnte. Werden Sie Sanktionen gegen Teheran unterstützen? Die IAEA, die Internationale Atomenergiebehörde, hat Zweifel an der friedlichen Natur des Atomprogramms.

Erdogan: Das ist falsch. Die IAEA hat so etwas nicht festgestellt.

SPIEGEL: In ihrem letzten Bericht heißt es ausdrücklich, dass Teheran nicht hinreichend kooperiert hat, um eine nicht friedliche Nutzung auszuschließen.

Erdogan: Das sehe ich anders. Iran hat angeboten, sein angereichertes Uran ins Ausland zu bringen, im Gegenzug haben die Iraner nuklearen Brennstoff verlangt. Die Frage ist nun, wo dieser Tausch stattfinden soll. Der ehemalige IAEA-Direktor Mohamed ElBaradei schlug die Türkei dafür vor. Dem haben die Amerikaner zuerst nicht zugestimmt, dann waren sie einverstanden. Nun warten wir auf eine Antwort Irans. Iran schien diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen, doch dann riss diese Verbindung ab.

SPIEGEL: Wenn sich Iran weigert, werden Sie dann Sanktionen unterstützen?

Erdogan: Wir müssen zuerst versuchen, eine diplomatische Lösung für das Problem zu finden. Schon mehrfach wurden Sanktionen gegen Iran beschlossen, aber was ist das Ergebnis? Gelangen jetzt etwa keine amerikanischen, keine deutschen Waren nach Iran? Auf indirektem Wege schon. Natürlich gibt es Mercedes in Iran. Es gibt Peugeot. Ich spreche gern offen. Ich hasse es, in der Politik Dinge zu verstecken. Was wir hier brauchen, ist: Diplomatie, Diplomatie, Diplomatie. Alles andere bedroht den globalen Frieden und bringt sonst gar nichts. Und haben diejenigen, die Druck ausüben, nicht selbst Atombomben? Die Türkei ist keine Atommacht, aber es gibt in dieser Region ein Land, das Atomwaffen besitzt.

SPIEGEL: Sie meinen Israel.

Erdogan: Iran hat zurzeit jedenfalls keine Atomwaffen. Wir sagen ganz klar: Wir möchten überhaupt keine Atomwaffen in unserer Region.

SPIEGEL: Haben Sie das Präsident Mahmud Ahmadinedschad genau so zu verstehen gegeben?

Erdogan: Selbstverständlich. Ich spreche mit ihm genauso offen, wie ich mit Ihnen rede. In dieser Region möchten wir keine Atomwaffen.

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Daniel Steinvorth und Bernhard Zand.

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insgesamt 164 Beiträge
cha cha 29.03.2010
Letztlich ist es egal, ob man diesen Mord an hunderttausenden oder Millionen von Armeniern nun als Genozid einstuft oder als irgend eine andere Art von unmenschlichem Gemetzel und Gemeuchel. Die türkische Regierung könnte viel [...]
Zitat von sysopDer türkische Premier Recep Tayyip Erdogan, 56, über Ankaras Verhältnis zur EU, die Debatte um den Genozid an den Armeniern und seine Vermittlerrolle im Streit über Irans Atompolitik http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,686135,00.html
Letztlich ist es egal, ob man diesen Mord an hunderttausenden oder Millionen von Armeniern nun als Genozid einstuft oder als irgend eine andere Art von unmenschlichem Gemetzel und Gemeuchel. Die türkische Regierung könnte viel Sympathie gewinnen, wenn sie sich, anstatt immer wieder von ihrer historischen Schuld abzulenken und sich vermeintlich unberechtigter Angriffe zu erwehren, endlich mal der Opfer gedenken würde. Dabei kann die Türkei die historische Einordnung des Massenmords ja gerne offen halten. Und wenn die Türkei dann mal erwägen sollte, ihre bisherige Politik zu revidieren, dann möchte ich ganz bescheiden auch an die anderen Massenmorde und Verfolgungen hinweisen: die an den Griechen, den Kurden und Arabern, oder auch an religiösen "Minderheiten" wie den Aleviten. Das Staatsverständnis des Kemalismus beruht auf aggressivem Nationalismus und der Vision eines ethnisch reinen Staatsvolks, das es in der Türkei aber nie gegeben hat. Mit andreen Worten: der Kemalismus ist im Kern eine faschistische Ideologie.
Hilfskraft 29.03.2010
so rotzig sich Egomane Erdogan uns gegenüber benimmt, so ungebührlich wird er sich gegenüber ALLEN EU-Mitgliedern verhalten. Nur ER, nur Seine Meinung zählt!ER alleine bestimmt, was Völkermord ist. ER alleine bestimmt, wie [...]
Zitat von sysopDer türkische Premier Recep Tayyip Erdogan, 56, über Ankaras Verhältnis zur EU, die Debatte um den Genozid an den Armeniern und seine Vermittlerrolle im Streit über Irans Atompolitik http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,686135,00.html
so rotzig sich Egomane Erdogan uns gegenüber benimmt, so ungebührlich wird er sich gegenüber ALLEN EU-Mitgliedern verhalten. Nur ER, nur Seine Meinung zählt!ER alleine bestimmt, was Völkermord ist. ER alleine bestimmt, wie Integration zu funktionieren hat.Dazu reicher Lohn aus EU-Kassen! Man wird ihm wohl in einer, ihm verständlichen Sprache erklären müssen, daß Hetzer, wie ER unerwünscht sind.Wir setzen uns nicht freiwillig wieder Läuse in den Pelz. Das hatten wir alles schon mal vor knapp 80 Jahren. H.
Theodred81 29.03.2010
Warfum soll die Türken etwas anerkennen was so nicht stimmt? Die Konsequenzen wären dann Forderungen seitens der Armenier. Warum soll die Türkei so etwas zulassen? Das wäre mehr als unklug. Ob nun der Westen sich von der Lobby [...]
Zitat von cha chaLetztlich ist es egal, ob man diesen Mord an hunderttausenden oder Millionen von Armeniern nun als Genozid einstuft oder als irgend eine andere Art von unmenschlichem Gemetzel und Gemeuchel. Die türkische Regierung könnte viel Sympathie .....
Warfum soll die Türken etwas anerkennen was so nicht stimmt? Die Konsequenzen wären dann Forderungen seitens der Armenier. Warum soll die Türkei so etwas zulassen? Das wäre mehr als unklug. Ob nun der Westen sich von der Lobby der Armenier kaufen lässt oder nicht, ist total irrelevant.
Meckermann 29.03.2010
Na da hat der Spiegel Erdogan aber hübsch demaskiert. Er muss sich seiner Sache ja schon sehr sicher sein, um so ein Interview zu geben: offener poltert nur noch Ahmadinedschad...
Na da hat der Spiegel Erdogan aber hübsch demaskiert. Er muss sich seiner Sache ja schon sehr sicher sein, um so ein Interview zu geben: offener poltert nur noch Ahmadinedschad...
Theodred81 29.03.2010
Sie wissen aber schon was für Leute in der jetzigen EU sitzen oder?
Zitat von Hilfskraftso rotzig sich Egomane Erdogan uns gegenüber benimmt, so ungebührlich wird er sich gegenüber ALLEN EU-Mitgliedern verhalten. Nur ER, nur .....
Sie wissen aber schon was für Leute in der jetzigen EU sitzen oder?
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