Von Markus Feldenkirchen
Heute verstehe ich nicht mehr ganz, warum ich damals so zornig auf ihn war. Vermutlich hatte es viel mit dem Anfang zu tun.
Noch heute hallen die entsetzten Schreie in meinem Ohr, als der schwarze Balken für CDU und CSU auf dem Bildschirm in die Höhe schoss. Die Stimmung war im Eimer.
Mein Vater weinte seinem geliebten Helmut Schmidt nach, meine Mutter versuchte sich mit dem ersten Einzug der Grünen in den Bundestag zu trösten. Irgendwann waren alle betrunken. Zu später Stunde stimmte unsere Nachbarin die "Internationale" an, aber das half dann auch nichts mehr. Kohl war Kanzler.
Es war meine erste Begegnung mit der Politik und ein trostloser Abend. Ich saß auf dem Fußboden, aß Kartoffelchips und wusste nicht, dass diese Wahl mein Leben prägen würde. Ich hatte einen Mann kennengelernt, der fortan nicht mehr weichen wollte. Er trug eine Brille aus dickem Metall und blinzelte leicht wütend in die Kameras, obwohl er sich doch freuen sollte. Sympathisch war er mir jedenfalls nicht.
Andere sind im Krieg groß geworden, in der Zeit des Wirtschaftswunders oder der Studentenproteste. Sie haben Erfahrungen gemacht, die sie für immer geprägt haben, ihre Sicht auf die Politik, ihre Sicht auf das Leben. Ich aber bin mit Helmut Kohl groß geworden. Die Frage ist, was dieser Umstand aus meiner Generation gemacht hat. Wie die Jugend mit Helmut Kohl uns und unser Denken geprägt hat.
Er hatte es auch nie leicht in meiner Familie. Bei uns hieß er "Birne", was nicht nur als Verweis auf die Form seines Kopfes gedacht war, sondern auch auf dessen Inhalt. Ich erinnere mich noch gut an das höhnische Lachen, als herauskam, dass seine Neujahrsansprache mit der des Vorjahres vertauscht worden war, ohne dass es groß aufgefallen ist. "Birne" sorgte jedenfalls häufig für heitere Stimmung. Wie aber sollte ich Respekt entwickeln für einen Menschen, über den so oft und so laut gelacht wurde?
Auch ästhetisch waren die Kohl-Jahre problematisch. Ich hätte damals gern einen Kanzler gehabt, auf den ich stolz sein konnte, einen, der cool und lässig war, einen Mann, der Humor besaß oder wenigstens einen schicken Anzug. Die anderen hatten eine Eiserne Lady oder einen Hollywood-Schauspieler an der Spitze ihres Landes. Wir hatten den Mann mit der Strickjacke.
Mit jedem Jahr, das er blieb, geriet das Bleiben selbst zum größten Ärgernis. Ich war neidisch auf die Italiener, die mindestens einmal im Jahr ihren Chef austauschten, so kam es mir jedenfalls vor. Wenn es einen natürlichen Drang der Jugend gibt, dann ist es der Drang nach Abwechslung, und so stellte ich mir Italien als glückliches Land vor. Was die Abwechslung anging, sind wir Kohl-Kinder nicht anders aufgewachsen als die Kinder auf Kuba oder in Nordkorea. Selbst die Sowjetunion hatte deutlich mehr Fluktuation an ihrer Spitze.
Kurz vor dem Fall der Mauer hatte es eine kurze Hoffnung auf Erlösung gegeben. Der Kanzler sei am Ende, glaubte mein Vater zu wissen. Kurz darauf sah ich Kohl auf einem Podest in Berlin stehen, wo er gemeinsam mit anderen Männern versuchte, die Nationalhymne zu singen. Es klang furchtbar schief, die Menschen auf dem Platz pfiffen aus vollen Wangen, aber Kohl ließ sich nicht beirren. Im schwarzen Mantel stand er da und sang entschlossen durch. Man hätte schon damals wissen können, dass er sich die Einheit nicht mehr nehmen lassen würde.
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© DER SPIEGEL 13/2010
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