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Ausgabe 13/2010
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29.03.2010
 

Essay

Wir Kohl-Kinder

Von Markus Feldenkirchen

Kohl bei einer Wahlveranstaltung 1990 in Erfurt: Selbst die Sowjetunion hatte deutlich mehr Fluktuation an ihrer SpitzeZur Großansicht
DPA

Kohl bei einer Wahlveranstaltung 1990 in Erfurt: Selbst die Sowjetunion hatte deutlich mehr Fluktuation an ihrer Spitze

Wie es war, unter dem ewigen Kanzler aufzuwachsen

Heute verstehe ich nicht mehr ganz, warum ich damals so zornig auf ihn war. Vermutlich hatte es viel mit dem Anfang zu tun.

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Mein erstes Rendezvous mit der Politik fiel auf den 6. März 1983, ich war sieben. Die Erinnerung an diesen Tag ist eine meiner ersten an das Leben. Meine Eltern waren bei Nachbarn eingeladen, sie wollten in großer Runde "Wahl gucken", das machte man damals noch so. Es gab Käsewürfel, Kartoffelchips und Kölsch vom Fass. Meine Eltern und ihre Freunde wirkten nervös an diesem Tag. Ich wusste nicht genau, worum es ging, aber ich ahnte, dass etwas Großes auf dem Spiel stand.

Noch heute hallen die entsetzten Schreie in meinem Ohr, als der schwarze Balken für CDU und CSU auf dem Bildschirm in die Höhe schoss. Die Stimmung war im Eimer.

Mein Vater weinte seinem geliebten Helmut Schmidt nach, meine Mutter versuchte sich mit dem ersten Einzug der Grünen in den Bundestag zu trösten. Irgendwann waren alle betrunken. Zu später Stunde stimmte unsere Nachbarin die "Internationale" an, aber das half dann auch nichts mehr. Kohl war Kanzler.

Es war meine erste Begegnung mit der Politik und ein trostloser Abend. Ich saß auf dem Fußboden, aß Kartoffelchips und wusste nicht, dass diese Wahl mein Leben prägen würde. Ich hatte einen Mann kennengelernt, der fortan nicht mehr weichen wollte. Er trug eine Brille aus dickem Metall und blinzelte leicht wütend in die Kameras, obwohl er sich doch freuen sollte. Sympathisch war er mir jedenfalls nicht.


Ich bin ein Kohl-Kind wie Millionen andere Deutsche. Ich habe mir das nicht ausgesucht, aber ich kann es nicht leugnen. Kohl ist der Übervater meiner Generation, er wurde Kanzler, als ich eine erste Vorstellung von Politik bekam, und er blieb es, bis meine Jugend verblüht war. Er hat mich durch alle Stationen meiner jungen Jahre begleitet, Grundschule, erster Pickel, erster Kuss, Gymnasium, erste Freundin, Liebe in Zeiten der Kohl-Ära. Mein Leben änderte sich schneller, als ich begreifen konnte, aber Kohl blieb. 16 lange Jahre in einer Phase, von der es heißt, sie sei die schönste im Leben.

Andere sind im Krieg groß geworden, in der Zeit des Wirtschaftswunders oder der Studentenproteste. Sie haben Erfahrungen gemacht, die sie für immer geprägt haben, ihre Sicht auf die Politik, ihre Sicht auf das Leben. Ich aber bin mit Helmut Kohl groß geworden. Die Frage ist, was dieser Umstand aus meiner Generation gemacht hat. Wie die Jugend mit Helmut Kohl uns und unser Denken geprägt hat.

Er hatte es auch nie leicht in meiner Familie. Bei uns hieß er "Birne", was nicht nur als Verweis auf die Form seines Kopfes gedacht war, sondern auch auf dessen Inhalt. Ich erinnere mich noch gut an das höhnische Lachen, als herauskam, dass seine Neujahrsansprache mit der des Vorjahres vertauscht worden war, ohne dass es groß aufgefallen ist. "Birne" sorgte jedenfalls häufig für heitere Stimmung. Wie aber sollte ich Respekt entwickeln für einen Menschen, über den so oft und so laut gelacht wurde?

Auch ästhetisch waren die Kohl-Jahre problematisch. Ich hätte damals gern einen Kanzler gehabt, auf den ich stolz sein konnte, einen, der cool und lässig war, einen Mann, der Humor besaß oder wenigstens einen schicken Anzug. Die anderen hatten eine Eiserne Lady oder einen Hollywood-Schauspieler an der Spitze ihres Landes. Wir hatten den Mann mit der Strickjacke.

Mit jedem Jahr, das er blieb, geriet das Bleiben selbst zum größten Ärgernis. Ich war neidisch auf die Italiener, die mindestens einmal im Jahr ihren Chef austauschten, so kam es mir jedenfalls vor. Wenn es einen natürlichen Drang der Jugend gibt, dann ist es der Drang nach Abwechslung, und so stellte ich mir Italien als glückliches Land vor. Was die Abwechslung anging, sind wir Kohl-Kinder nicht anders aufgewachsen als die Kinder auf Kuba oder in Nordkorea. Selbst die Sowjetunion hatte deutlich mehr Fluktuation an ihrer Spitze.

Kurz vor dem Fall der Mauer hatte es eine kurze Hoffnung auf Erlösung gegeben. Der Kanzler sei am Ende, glaubte mein Vater zu wissen. Kurz darauf sah ich Kohl auf einem Podest in Berlin stehen, wo er gemeinsam mit anderen Männern versuchte, die Nationalhymne zu singen. Es klang furchtbar schief, die Menschen auf dem Platz pfiffen aus vollen Wangen, aber Kohl ließ sich nicht beirren. Im schwarzen Mantel stand er da und sang entschlossen durch. Man hätte schon damals wissen können, dass er sich die Einheit nicht mehr nehmen lassen würde.


Ich hörte ihn fortan täglich vom Vaterland reden. Mit glühenden Worten beschwor er das Glück von der einen Nation, aber es berührte mich nicht. Wie die meisten Kohl-Kinder war ich ohne emotionale Bindung zu meinem Land aufgewachsen, ohne die Liebe der Trümmer-Generation, auch ohne den Zorn der 68er. Kohls Rührseligkeit kam mir merkwürdig fremd vor. Für uns, seine Gegner, war der Fall der Mauer ohnehin ärgerlich, zumindest sein Zeitpunkt. Das durfte man zwar nicht laut sagen, aber es fühlte sich so an. Die Mauer hatte ihm schließlich geholfen, länger im Amt zu bleiben. So sah ich es jedenfalls. Als ich dann, mit 17, für ein halbes Jahr eine amerikanische Highschool besuchte, wurde ich von meinen Mitschülern auf zwei meiner Landsleute angesprochen: Auf Adolf Hitler und auf Helmut Kohl, es waren die einzigen Deutschen, die sie kannten. Hitler faszinierte sie am meisten, aber Kohl kam gleich danach. Sie nannten ihn den "Riesen, der die Mauer einriss". Ich versuchte ihnen zu erklären, dass man es so nicht sehen dürfe, wies darauf hin, dass ganz andere für die Wiedervereinigung gesorgt hatten, George Bush und Michail Gorbatschow zum Beispiel, die Menschen aus Ostdeutschland, und dass auch eine Portion Glück im Spiel gewesen war. Aber das schien meine Mitschüler nicht zu beirren. Sie nannten ihn weiter den Riesen, der die Mauer einriss, und ich begriff zum ersten Mal, was historische Größe ausmacht: nicht die Nörgelei der Mitbürger, sondern die Sicht aus der Ferne.

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08.04.2010 von yogtze:

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