Von Markus Feldenkirchen
Nun war Kohl, vormals "Birne", also zum "Kanzler der Einheit" gereift; das war wesentlich besser, als nach Obst benannt zu werden. Und für mich rückte der Moment näher, an dem ich endlich mitmischen durfte im großen Spiel der Politik. Dann, so hoffte ich, würde sicher alles anders. Als ich endlich volljährig war und das erste Mal die Gelegenheit hatte, Kohl persönlich abzuwählen, hieß sein Gegenkandidat Rudolf Scharping. Das Schicksal meinte es nicht gut mit uns. Es blieben die Grünen und ein gewisser Klaus Kinkel von der FDP. Kinkel hatte allerdings gesagt, man solle FDP wählen, damit Kohl Kanzler bleibe. Ich gab meine Stimme ab, und nichts wurde anders. Kohl blieb im Amt. Seine Kanzlerschaft war inzwischen zu einer der wenigen Konstanten meines Lebens geworden, wie Zähneputzen oder der Lauf der Jahreszeiten.
Ich begann ein Studium in der Stadt, in der er regierte, und genoss die neue Freiheit. Je freier ich mich fühlte, desto mehr ärgerte mich seine gnadenlose Bodenständigkeit. Die Zeit der Jugend ist die Zeit des Träumens, es wuchern die Ideale und der Wunsch nach einer besseren Welt. Wir wollten fliegen, aber Kohl holte uns immer wieder auf den Boden zurück. In diesem Punkt war er penetrant. Er hat es sicher gut gemeint. Er wollte uns, seinen Kindern, das Gefühl schenken, dass im Grunde alles in Ordnung ist. Für eine Gesellschaft aber ist nichts hemmender als eine gesättigte Jugend, ohne den Glauben, dass es besser gehen könnte.
Es ist vermutlich kein Zufall, dass wir Kohl-Kinder als langweiligste Generation seit dem Ende der Biedermeierzeit gelten. Er hat eine recht unpolitische Generation hinterlassen. Wir mögen halbwegs informiert sein, das gehört sich so, wir sind ja wohlerzogen, aber es fehlt das politische Feuer, der Eifer, für oder gegen etwas zu kämpfen. Während unserer Jugend mit Helmut Kohl fehlte uns gleich zweierlei, um dieses Feuer zu entfachen: Der Glaube, dass politisches Engagement etwas bringen könnte. Und die Wut auf die Zustände. Keine Generation wuchs verwöhnter auf als wir, und Kohl vermittelte uns den Eindruck, dass alles so bleiben könne, wie es war.
So wandten wir uns von der Politik ab und unseren Lebensläufen zu. Wir konzentrierten uns auf das eigene Fortkommen, Trainee-Programm statt Parteiprogramm, den Rest besorgte Kohl. Unsere Träume und Visionen waren mit der Zeit auf einen schlichten Satz geschrumpft: Kohl muss weg. Aber auch der hatte inzwischen seinen Sehnsuchtskern verloren.
Das Paradoxe an Kohl ist, dass er Deutschland zwar vereint hat, danach aber so tat, als lebe die Bonner Republik einfach fort, mit all ihrer Gemütlichkeit, mit Norbert Blüm und staatlichem Brillenzuschuss. Er regierte das Land mit den Eigenschaften seines Lieblingstextils, der Strickjacke. Sie ist nicht wirklich modern, hält aber warm. Solange er Kanzler war, hat Kohl das neue Zeitalter, die Globalisierung, erfolgreich ignoriert. Er hat sich mit seinem wuchtigen Leib in den kühlen Wind der Moderne gestellt, auf dass es warm blieb in unserer kleinen Republik, einer Welt ohne Internet und ohne Chinesen. Er hat die gute alte Zeit um ein paar Jahre verlängert, aber er hat uns nicht schützen können vor den Unsicherheiten der neuen Zeit.
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Jetzt, da Helmut Kohl seinen 80. Geburtstag feiert, frage ich mich also, warum ich diesem Kanzler einst mit solcher Abneigung begegnet bin. Den besten Grund, ihm böse zu sein, hat er ja erst später geliefert, als er schon nicht mehr Kanz-ler war und sein System der schwarzen Kassen ausgehoben wurde, wie man einst die Tunnelsysteme der Römer freilegte. Bis heute weigert er sich, seine Spender zu nennen.
Vermutlich ahnte ich die ganze Zeit, was an ihm mir das größte Unbehagen bereitete, ohne es belegen zu können.
In meiner Wahrnehmung waren der Staat und Helmut Kohl immer eins gewesen, ich kannte es ja nicht anders. Das Problematische ist, dass es Kohl genauso ging wie mir. Mit den Jahren hatte er sich Deutschland zu eigen gemacht. Er hielt sich bald selbst für den Staat, er glaubte, über dem Gesetz zu schweben.
Trotzdem ist meine Sicht auf ihn milder geworden. Meist verstehen sich die Söhne erst spät mit ihren Vätern, nicht wenn sie noch jung sind und ungestüm. Vermutlich haben mich auch die letzten Jahre nicht kaltgelassen. Es tat mir weh, den kranken Mann im Fernsehen oder in der Zeitung zu sehen, es hat etwas Beklemmendes, wenn die Kolosse der Kindheit zu Pflegefällen schrumpfen. Es könnte auch daran liegen, dass ich die Italiener lange nicht mehr um ihre vielen Staatschefs beneide und mir auch keinen Hollywood-Star mehr als Kanzler wünsche. Vermutlich aber mischt sich in mein Bild von Helmut Kohl inzwischen die stille Sehnsucht nach jener Sicherheit und Behaglichkeit, die sich mit seinem Namen verbindet. Nach jener Zeit, als die Welt noch übersichtlich war und die Rente sicher.
Um es anders zu sagen: Es war nicht alles schlecht.
Herzlichen Glückwunsch, alter Riese, der die Mauer einriss!
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© DER SPIEGEL 13/2010
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