Von Yassin Musharbash, Marcel Rosenbach und Holger Stark
Der Tag, an dem die Eltern ihren Sohn Jan* verlieren, ist ein Sonntag im September. Eine besonders innige Umarmung sei es gewesen, erinnert sich der Vater. Lang und intensiv. Er habe gespürt, dass dies kein normaler Abschied werden würde. Dass es um mehr gehe als die angebliche Urlaubsreise zum ersten Hochzeitstag, von der Jan, 24, und seine Ehefrau Alexandra* ihm erzählt hatten.
Die zwei Ehepaare fahren nach Budapest, steigen dort in ein Flugzeug nach Istanbul. Aus einem Hotel ruft Jan noch einmal seine Eltern an.
Seither gibt es nur noch ein paar E-Mails. Es sind liebevolle Botschaften an Vater und Mutter, aber auch solche, die den Eltern Angst machen. Er lebe jetzt unter Brüdern und brauche nicht viel Geld, schreibt Jan. Nein, man könne ihn nicht besuchen, das sei zu gefährlich. Und nein, er könne sich eine Rückkehr nach Berlin nicht mehr vorstellen, ein Leben umgeben von den Kuffar, von den Ungläubigen.
Im Dezember schreibt er dann, er wisse nicht, ob er den nächsten Sommer noch erlebe. Seitdem schauen die Eltern jeden Morgen in ihr Postfach. Jeden Morgen dasselbe: nichts. Sie halten die Ungewissheit kaum noch aus.
Jan und Alexandra, davon gehen die deutschen Sicherheitsbehörden aus, leben jetzt im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Es ist eine Welt, in der al-Qaida und die Taliban stark sind und der Staat schwach ist, wo Konflikte nach den Regeln der Scharia und der Stammesführer gelöst werden, mutmaßlich das vorerst letzte Refugium für Osama Bin Laden.
In der unwegsamen Bergregion ist eine Kolonie von Deutschen entstanden, die alle Wurzeln gekappt und am Hindukusch eine neue Heimat gefunden haben. Das Bundeskriminalamt (BKA) führt eine Liste von Verdächtigen, die sich in den vergangenen Jahren Richtung Afghanistan abgesetzt oder das versucht haben. Fast hundert Namen stehen auf dieser Liste, es ist ein Verzeichnis der dritten Generation nach den Todespiloten vom 11. September und der Sauerlandgruppe. Wie ihre Vorgänger schwärmen sie vom Heiligen Krieg und dem Märtyrertod. Die Sicherheitsbehörden bewegt nun die Frage, wer aus dieser Generation der nächste Mohammed Atta, der nächste Fritz Gelowicz sein wird. Oder wer dem ehemaligen Bosch-Mitarbeiter Cüneyt Ciftci aus dem beschaulichen Ansbach nacheifert, der sich im März 2008 in Afghanistan als Selbstmordattentäter in die Luft sprengte und vier Menschen tötete.
Auf der Liste stehen Jan und Alexandra aus Berlin, steht Michael W. aus Hamburg, der im vorigen Frühjahr wegwollte, aber in Pakistan festgenommen und zurückgeschickt wurde, steht der 19-jährige Berliner Omar H., der mit seiner Freundin Ende Januar verschwand. Sie treibt der Traum von einem Leben, das sie für die reine muslimische Lehre halten. Sie wollen die Welt des Westens gegen einen archaischen Alltag in kargen Hütten tauschen, in dem es mal Strom gibt und mal nicht und in dem über allem der Koran steht.
Die ersten beiden Generationen bestanden aus zornigen jungen Männern, die in den Kampf ziehen wollten, und dabei ihre Frauen zurückließen. Die dritte Generation ist anders: jünger, ethnisch buntgemischt, oft sind es Männer und Frauen, die Deutschland gemeinsam nach oder sogar kurz vor der Geburt ihrer Kinder verlassen, auf dem Weg vom Wedding nach Waziristan.
Was Behörden wie den Verfassungsschutz und das BKA besonders besorgt, ist die Geschwindigkeit, mit der die jungen Männer und Frauen bereit sind, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen - meist ohne Rückfahrkarte. Manchmal, wie im Fall von Jan und seiner Frau, dauert es nur wenige Monate, bis sie unerreichbar werden. Zuerst für Argumente, dann ganz real, im Wortsinn.
Die Eltern von Jan, die vor mehr als 20 Jahren aus Osteuropa nach Berlin kamen, bemerkten im Mai 2008 die erste Veränderung, als der einzige Sohn plötzlich kein Schweinefleisch mehr anrührte. Der Mutter hatte er vorher erzählt, er habe sich eine Koranausgabe gekauft.
Die Eltern machten sich keine Sorgen, denn Jan hatte ja sein Abitur gemacht und wollte Berufssoldat werden. Und er hatte Alexandra, seine zwei Jahre jüngere Freundin, sie wollten heiraten. Es sah nach einem Leben aus dem Bilderbuch aus, friedlich, fröhlich, unspektakulär.
Die Hochzeit war im September 2008, ein schönes Fest, mitten im Ramadan. Gegessen wurde erst nach Sonnenuntergang, aber es gab Musik, und die Braut heiratete ganz in Weiß, sie hatte sich das gewünscht. Im November heirateten die beiden dann noch einmal, muslimisch, und von da an ging es sehr schnell. Schon im März 2009 bekamen die Eltern ihre Schwiegertochter nur noch voll verschleiert zu Gesicht. Nun gab es immer häufiger Meinungsverschiedenheiten.
Jan versuchte, seinen Vater zum Islam zu bekehren. Der ging mit in die Moschee, um zu sehen, mit wem sein Sohn sich traf. Selbst die betagte Großmutter, eine tiefgläubige Katholikin, wollte der Sohn überzeugen zu konvertieren.
Seinen ursprünglichen Berufswunsch, Berufssoldat, möglichst im Auslandseinsatz, ließ Jan sausen. Womöglich, erklärte er den Eltern, müsse er sonst gegen Glaubensbrüder kämpfen. Auch die Berufsschule brach er ab.
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