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Ausgabe 14/2010
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03.04.2010
 

Terrorismus

Die dritte Generation

Von Yassin Musharbash, Marcel Rosenbach und Holger Stark

Terrorismus: Extremisten aus Deutschland
Fotos

2. Teil: "Ruhig sein während des Kampfes"

Schon Anfang 2009 erwähnte das junge Paar erstmals, dass es seinen Glauben lieber ungestört von Ablenkungen leben wolle, dort wo das noch möglich sei, im Jemen etwa, in Somalia oder in Pakistan, fernab der großen Städte. Im vergangenen Herbst begannen Jan und Alexandra, heimlich ihre Habseligkeiten über Ebay zu versteigern. Gut ein Jahr hatte die Radikalisierung gedauert. "Es ist schockierend, wie schnell einem das eigene Kind entgleiten kann", sagt Jans Mutter, die jetzt Kontakt zu anderen betroffenen Familien sucht: "Sonst kann kaum jemand unsere Situation nachempfinden."

Auswerter vermuten, dass Jan in einem Video einer relativ neuen Gruppe zu sehen ist, die sich "Deutsche Taliban Mudschahidin" nennt. Sie ist bislang durch lautstarke Propaganda aufgefallen, etwa im vorigen Herbst, als sie per Video drohte, der Krieg werde in deutsche Städte getragen. Illustriert war die Botschaft mit Bildern vom Brandenburger Tor und dem Hamburger Hauptbahnhof. Hinter der Propaganda steckt offenbar ein Mann, der zu so etwas wie einem Mediendienstleister für einen Teil der deutschen Kolonie geworden ist: Ahmet M., 32.

Im Internet tritt Ahmet als "Saladin" auf und wirft unter dem Label "Elif Medya" alle paar Wochen frische Propagandastreifen auf den Markt, die neue Freiwillige nach Afghanistan locken sollen. Die verquasten Mitteilungen des deutschen Islamisten Eric Breininger aus dem Umfeld der Sauerlandgruppe tragen dieses Signet ebenso wie die Verlautbarungen der "Deutschen Taliban".

Saladins Spezialisierung auf Rekruten aus Deutschland lässt sich mit seiner Biografie erklären. Er ist in Salzgitter geboren und lebte zuletzt im Saarland. Früh geriet er mit deutschen Gesetzen in Konflikt. Als 15-Jähriger wurde er erstmals beim Klauen erwischt; weil er später mit Haschisch und Kokain handelte, wurde er zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und im April 2000 in die Türkei abgeschoben.

Die deutschen Ermittler halten Ahmet M. alias Saladin für einen der wichtigsten Werber in der deutschsprachigen Szene. Noch vor wenigen Wochen versuchte er persönlich, einen Ausreisewilligen aus Deutschland an den Hindukusch zu lotsen, doch die deutsche Polizei fing den Berliner unterwegs ab.

Ahmet M. selbst prahlt damit, er habe in den vergangenen Jahren als Sprecher der "Islamischen Dschihad Union" gedient, "jetzt ist es, dass ich für die Taliban arbeite". Der Deutschtürke gilt als Bindeglied zwischen dem Nachwuchs und der Front. Er sammelte im Fastenmonat Ramadan Spenden in deutschen Onlineforen, um "Grundnahrungsmittel für die Witwen und Waisen" und die Verwundeten auf den Dschihad-Schlachtfeldern in Afghanistan zu kaufen.

Die Videos aus dem Kampfgebiet mögen skurril erscheinen, aber sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Sie locken Männer wie Michael W. aus Hamburg, der sich im März 2009 auf den Weg machte. Gemeinsam mit einem Freund flog der in Kasachstan geborene Spätaussiedler mit Qatar Airways von Wien nach Doha. Als die beiden am Morgen in Wien eincheckten, stellten die österreichischen Beamten viele Fragen, wohin die beiden wollten und was sie in Pakistan vorhätten?

Urlaub machen, sagte der eine.

Mit Teppichen handeln, der andere.

Bei Michael W. fanden die Polizisten zwei Zettel, sie klangen weder nach Urlaub noch nach Teppichhandel.

Der eine trug die Überschrift "Verhaltensregeln für den Dschihad" und war sehr praktisch gehalten. "Ruhig sein während des Kampfes. Nicht schreien", das war eine der Leitlinien. "Nicht mit dem Feuer strafen" und "keine Leichen schänden" lauteten zwei weitere. Das zweite Blatt war ein Empfehlungsschreiben eines "Ibrahim, dem Libanesen aus Hamburg", offenbar als Entree für ein Ausbildungslager. Die beiden Männer hatten außerdem originalverpackte Laptops und Mobiltelefone dabei. Die Österreicher ließen sie passieren, über Doha erreichten sie Karatschi in Pakistan. Dort wurden sie festgenommen, weil ihre Reisegründe offenkundig falsch waren. Später wurden sie nach Deutschland abgeschoben.

Michael W. ist heute 24 Jahre alt, er trägt meist lange, helle Gewänder, einen voluminösen rotblonden Bart und lächelt viel. Die Polizei führt ihn als "Gefährder", die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn, er gilt als einer der neuen Staatsfeinde. Wahrscheinlich hat ihn ein Mitschüler, mit dem er 2006 Abitur machte, an die Szene herangeführt.

In Hamburg gibt es eine Gruppe von jüngeren Gläubigen, die sich seit dem Sommer 2008 trifft und der W. zugerechnet wird. Der Vordenker der Gruppe schlüpfte durch die Grenzkontrollen, er sitzt jetzt in Waziristan, ein früherer Kiffer, der zu einem Mudschahid geworden ist. Die Zurückgebliebenen treffen sich freitags in der ehemaligen Quds-Moschee am Hamburger Steindamm - jenem Gebetshaus, das auch Mohammed Atta aufsuchte und das heute Taiba heißt. Michael W. sitzt dann ganz nah an dem niedrigen Holzpodest, auf dem der Vorbeter steht.

Möglicherweise muss W. den pakistanischen Grenzbehörden dankbar sein, sie haben ihm vielleicht das Leben gerettet. Die Botschaften, die derzeit aus dem Hindukusch in Hamburg, in Berlin und anderswo eintreffen, klingen nicht nach Paradies, sondern nach Krieg und Tod. Die Rede ist von einem Leben in Isolation, voller Entbehrungen und Leid.

Seit die pakistanische Armee im vergangenen Herbst eine Offensive startete und nach Waziristan vorrückte, müssen die islamistischen Gruppen um ihre Existenz fürchten. "Hier greifen die Kuffar uns an mit ihrer ganzen Kraft", heißt es in einem Bericht aus dem Kampfgebiet. Auch Deutsche seien unter den Schwerverletzten. Die daheim Wartenden bangen nun, dass ihre Kinder durch Kugeln der pakistanischen Armee oder US-Drohnenangriffe sterben.

Die Eltern von Jan fragen sich seit seiner Abreise, ob ihr Sohn wohl dazu fähig wäre, zu kämpfen. Einerseits, sagt der Vater, sei Jan nie gewalttätig gewesen. Er habe ihn einmal direkt danach gefragt, und der Sohn habe geantwortet: "Ich bin doch nicht verrückt." Andererseits, erinnert er sich, hätten sie einmal zusammen den martialischen Film "300" angeschaut. Und da habe Jan gesagt, wie toll es doch sei, wenn man etwas habe, für das es sich zu kämpfen lohne.

Und dann ist da noch dieses Testament. Omar H. hat es geschrieben, einer von Jans Bekannten aus dem Berliner Wedding. Er tauchte Ende Januar ab, zusammen mit seiner 16-jährigen Freundin Stefanie, die sich jetzt Amina nennt. Wahrscheinlich sind sie auf dem Weg in die deutsche Kolonie, zu den anderen aus Berlin.

"Ich will auf einem muslimischen Friedhof beerdigt werden. Es soll darauf geachtet werden, dass in meiner Nähe kein Ungläubiger (auch Juden und Christen) begraben ist", hat Omar in seinem Testament in runder, fehlerfreier Schulschrift verfügt. "Wenn ich sterbe, möchte ich von meiner Frau Amina mit ihr beliebigen Helfern nach islamischen Normen gewaschen, eingehüllt und beerdigt werden. Dies, außer Allah zeichnet mich durch seine Gnade mit dem Märtyrertod aus."


* Name von der Redaktion geändert.

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