Von Tobias Rapp
Die Fernsehshow "Wetten, dass ...?" ist wie ein Raumschiff am Stadtrand von Salzburg gelandet und hat ihre Hundertschaften von Mitarbeitern und Technikern hinausgeschickt. Wachleute laufen herum, am Eingang zur Halle stehen die Zuschauer Schlange, hinter der Bühne herrscht höchste Unterhaltungsindustrie-Alarmstufe.
Lena Meyer-Landrut ist 18 Jahre alt, bis vor ein paar Wochen hat sie vor allem unter der Dusche gesungen. Nun wird sie Ende Mai in Oslo beim Eurovision Song Contest antreten. Mit drei Songs stieg sie diese Woche, nach dem Sieg beim nationalen Aussscheidungswettbewerb, auf den Plätzen eins, drei und vier in die deutschen Single-Charts. Seit 1959 gibt es in Deutschland wöchentliche Charts, aber das haben weder die Beatles noch Michael Jackson und auch nicht Roy Black geschafft. Ihre Vorstellung bei "Wetten, dass ...?" soll der letzte große Auftritt vor Oslo sein. Danach geht es zum Lernen, die Abiturprüfungen stehen an.
Sie hat eine Saite angeschlagen, die das Land in mächtige Schwingungen versetzt hat, und das hat nichts damit zu tun, dass der lange Zeit ziemlich dämliche Songwettbewerb hier wieder Bedeutung hat. Wahrscheinlich hat es eher damit zu tun, dass sich dieses Land in ein 18-jähriges Mädchen aus Hannover verliebt hat.
Das wenige, das über Lena Meyer-Landrut bekannt ist, lässt sich in ein paar Sätzen zusammenfassen. Ihr Großvater war Chef des Bundespräsidialamts unter Richard von Weizsäcker, deutscher Botschafter in Moskau. Über ihre Eltern weiß man kaum etwas, ihre Mutter erwähnt sie oft, ihren Vater nie. Sie ist Einzelkind, ihre Prüfungsfächer sind Biologie, Geschichte, Sport, eine durchschnittliche Schülerin mit durchschnittlich bürgerlichem Doppelnamen.
"Mein Leben ist doch total langweilig"
Sie spielt kein Instrument und kann keine Noten lesen. Sie ist weitsichtig, hat eine Tätowierung auf dem linken, inneren Oberarm und ist in Wirklichkeit noch schmaler als im Fernsehen. Vergangene Woche war sie im Kino und hat sich die Verfilmung von Stieg Larssons "Verdammnis" angeschaut, die sie "toll" fand. Wenn Reporter Freunde von Lena fragen, wie sie denn so sei, ist die Antwort häufig: "ein bisschen crazy".
Das ist es schon. Ein paar Sachen kann man sich dazudenken. Etwa, dass eine Mutter, deren einzige Tochter gerade kurz davor steht, ihre Schule erfolgreich abzuschließen, nicht nur jubelt, wenn es wenige Monate vor dem Abitur auf einmal heißt: Ich werde Kandidatin bei der Fernsehshow "Unser Star für Oslo", und ich will da auf jeden Fall hin. Und dass Lena, als sie ihren Freunden nicht sagte, dass sie sich beworben hat, bestimmt blöden Kommentaren ausweichen wollte. Das sagt sie wenigstens. Es lässt sich aber auch anders verstehen: Hier hat jemand genug Selbstbewusstsein, seine Entscheidungen zu treffen, ohne vorher groß Rücksprache zu halten.
Einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Charmes macht es aus, dass Lena manche Fragen über ihr Leben gar nicht beantwortet. "Es geht doch um die Musik", sagt sie dann. "Ich sitze hier, weil ich die Castingshow 'Unser Star für Oslo' gewonnen habe. Und damit haben Personen aus meiner Familie nichts zu tun. Außerdem ist mein Leben doch total langweilig."
Lena Meyer-Landrut ist ein eigenartiger Star. Sie hat zwar schon als Kind Ballettunterricht bekommen, wenn sie sich auf der Bühne bewegt, erinnert das aber eher an Joe Cocker als an Tanz. Ihre Stimme ist ausdrucksstark, das aber eher ungesteuert - einer der vielzitierten Lena-Momente in "Unser Star für Oslo" war ihre Antwort auf Stefan Raabs Bemerkung, ihre Atemtechnik sei "weit ab von allem": "Ich hab gar keine." Wie gelangt so jemand an die Spitze der Charts?
Der Erfolg von Lena Meyer-Landrut ist auch das Ergebnis einer konzertierten Aktion einiger Großer des deutschen Unterhaltungsgeschäfts. Vergangenes Jahr verabredeten sich die ARD und die Firma Brainpool, die Stefan Raabs "TV total" produziert, es für den Eurovision Song Contest 2010 einmal anders zu probieren; man einigte sich auf eine Castingshow, die einen Künstler hevorbringen sollte, der "authentisch" ist, wie man das in der Industrie nennt - nicht formatiert, jemanden, der seinen eigenen künstlerischen Vorstellungen folgt und sich darin nicht beirren lässt.
"Einen Star wie Lena kann man nicht machen, den kann man nur finden", sagt Universal-Chef Frank Briegmann, der mächtigste Musikmanager Deutschlands. "Man kann einen Rahmen abstecken, indem man sagt, wir wollen Künstler, die authentisch sind, die ihre eigenen Vorstellungen haben, die nicht in ein Korsett passen. Das kommuniziert man und hofft, dass diese Künstler dann auch kommen. Danach wollen wir sie begleiten."
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Oh weia! Das haben Sie doch hoffentlich nicht ernst gemeint? Davon sind die Lena-Fans, die hier die Oberhand haben, sicher not amused. Ich wagte es, einen Vergleich mit Rolling Stones als absurd zu kritisieren - eine [...] mehr...
Ist es, hat zumindest mein Physikprofessor immer wieder behauptet, stand auch so in jedem (mir bekannten) Lehrbuch und war eine Frage in meiner Vordiplomsprüfung.... Es freut mich, dass Ihnen dieser Vortrag gefallen hat, [...] mehr...
Stimmt, beste Beispiel hier Genesis. Nur mal so angemerkt. :) mehr...
Also das ist nun wirklich eine Beleidigung für Groenemeyer! So eine Frechheit! mehr...
...die gute Lena scheint ja auch nicht unerfolgreich zu werden, trotz dieses "Handicaps". ;-) Aber wie gesagt, alles Geschmackssache. mehr...
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© DER SPIEGEL 14/2010
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