Von Tobias Rapp
Lena kam mit ihrem selbstgemachten englischen Akzent, den Lenaismen, all diesen lustigen Formulierungen, mit denen sie sich in die Herzen der Zuschauer quatschte, mit der Emphase, mit der sie sich in ihre Songs warf. Und mit einer Mutter, die sie auf dem Boden hält.
Als sie ihren ersten großen Triumph feierte, erzählt Lena, als sie unter die letzten zehn bei "Unser Star für Oslo" kam, sei sie vor Freude beinahe übergeschnappt. "Dann kam meine Mutter und sagte: 'Du denkst aber auch an die Schule, oder?' Erst dachte ich: Wie ätzend, warum sagt die jetzt so was? Kann die nicht sagen: Hast du toll gemacht. Aber das war genau richtig. So bin ich nämlich wieder klar und frisch geworden." Die ehrgeizige Mutter einmal andersherum, als die, die ihre Tochter bremst.
Es ist auch das Frühjahr der 18-jährigen Töchter aus gutem Hause. Erst Helene Hegemann und der Überraschungserfolg ihres Romans "Axolotl Roadkill", nun Lena Meyer-Landrut, unser Star für Oslo, die beiden verbindet mehr als nur Alter und Geschlecht. Auch Hegemanns Erfolg basierte auf dem Glauben an ihre Authentizität - als sich herausstellte, dass einige Passagen ihres Buchs abgeschrieben waren, war die Enttäuschung groß.
Beide haben eine für ihr Alter erstaunliche Sicherheit im Umgang mit den Medien. Manchmal wirken sie, als würden sie den Bildschirm benutzen wie andere Menschen einen Spiegel. Das stimmt zwar nicht, Lena sagt, sie habe sich noch keine einzige Aufzeichnung eines ihrer Auftritte angeschaut. Aber das ist wahrscheinlich das Geheimnis: sich mitten im medialen Wirbelsturm gerade nicht beirren zu lassen.
Und noch etwas lässt sich am Erfolg der Diplomatenenkelin Lena und der Theaterprofessorentochter Helene ablesen: Deutschland, ein Land, in dem die soziale Durchlässigkeit geringer ist als in vielen anderen Industriestaaten der westlichen Welt, sehnt sich vielleicht nach der Souveränität des Bürgertums. Eine Weile lang war das anders. Ob es die Berliner Gangsta-Rapper der vergangenen Jahre waren oder all die One-Hit-Wonder aus den "Big Brother"-Containern - ihre Attraktivität war ihr Ellbogendrama, ihr Weg aus der Gosse nach oben.
"Das Wichtigste ist, dass ich mit mir zufrieden bin"
Die Schnellkarriere von Lena Meyer-Landrut erzählt etwas anderes. Dass das Leben nicht immer nur blutiger Ernst ist, sondern auch Spiel. Jeder kann berühmt werden, es ist keine Arbeit, man muss sich dafür nicht verbiegen. Man kann eine Castingshow gewinnen und trotzdem nebenbei Abitur machen, weil es noch andere Dinge im Leben gibt. Das ist Lenas Message, dafür wird sie geliebt. "Ich möchte keine Choreografien und Charaktereigenschaften einüben, das ist mir zu anstrengend", sagt sie. "Das Wichtigste ist, dass ich mit mir zufrieden bin."
Lenas Auftritt bei "Wetten, dass ...?" ist auch ein Experiment: Wie macht sie sich jenseits der Castingshow? Kann sie auch die große Bühne bespielen, die größte des Unterhaltungsgeschäfts? Wie wirkt sie, wenn sie aus der "Unser Star für Oslo"-Erzählung und der dazugehörigen Wettbewerbssituation herausgelöst ist und keine Konkurrenten neben sich hat?
Neben den Weltstars, die Gottschalk an diesem Abend aufbietet, werden die Grenzen des Erfolgsmodells Lena Meyer-Landrut sichtbar. Neben Shakira, die wirklich tanzen kann, und Anna Netrebko, die wirklich singen kann, wirkt Lena dann doch wie die 18-jährige Gymnasiastin mit wenig Bühnenerfahrung. Und neben Beth Ditto, der Sängerin der Band Gossip, die es als lesbischer, übergewichtiger Punk zur Lagerfeld-Muse gebracht hat und die sich zur Begrüßung auf den Studiogast Hansi Hinterseer draufsetzt, wirkt Lena ziemlich brav. Sie ist zwar schlagfertig, ihr ist aber nicht alles egal. Ja, sie sagt "zum Kotzen", als Gottschalk sie fragt, wie sie die Netrebko findet. Das ist die Lena-Provokation. Mit einem raschen "Finde ich super, hör ich auch, ohne Spaß jetzt mal" rettet sie die Situation, die guterzogene Lena.
Im Pop geht es um Sehnsüchte
Es gibt aber auch Hoffnung. Als letzter Act tritt bei "Wetten, dass ...?" die Hardrockband Scorpions auf. Sie haben gerade ihr letztes Album eingespielt, beginnen jetzt ihre Welttournee, von der es heißt, es sei ihre letzte. Routiniert rocken sie ihren Song herunter, drei Musiker um die sechzig, kurz vor der Rente, etwas würdelos immer noch in engem schwarzem Leder. Sie haben sich noch eine Sängerin aus Finnland und zwei weitere Musiker dazugenommen.
Die Scorpions aber waren nicht immer die abgerockten Altstars, als die sie sich nun verabschieden. Vor über 40 Jahren waren auch sie einmal Jugendliche aus der Provinz, die sich auf den internationalen Pop einen Reim machen wollten, die sich dafür eine Sprache ausdachten und dann einfach losmachten. Ende der Sechziger war das, in einer anderen Phase der Pop-Globalisierung.
Lena Meyer-Landrut ist so weit nicht entfernt von den Scorpions. Hannover ist immer noch Hannover. Und Pop ist immer noch eine Kunstform, zu der sich berufen fühlt, wen es aus den Regionalmetropolen hinauszieht, auf zu neuen Ufern. Im Pop geht es um Sehnsüchte. Die großen Träume hat nicht, wer in New York, London oder Berlin in coolen Clubs herumsitzt. Sie entstehen in den Kinderzimmern von Hannover oder Dubrovnik.
Die meisten dieser Teenager belassen es dabei, sich das immer selbe Lied anzuhören, sich Poster ihrer Stars an die Wand zu hängen, bei YouTube nach Live-Aufnahmen zu suchen und dabei von einem aufregenderen Leben zu träumen. Viele fangen an, die Posen ihrer Stars vor dem Spiegel nachzumachen. Ein paar trauen sich damit sogar aus dem Zimmer. Nur ganz wenige schaffen es allerdings, dieser Freude am Pop einen Ausdruck zu geben, den nicht nur sie selbst erkennen, sondern auch viele andere. So wird aus dem eigenen Traum eine Realität und diese Realität der Traum von anderen.
Europa wächst zusammen, Träume ähneln sich, Hannover ist überall. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Liebe zu Lena Meyer-Landrut sich auf den deutschsprachigen Raum beschränken sollte.
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© DER SPIEGEL 14/2010
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