AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2010
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Musik Lenaismus

Lena-Meyer Landrut: Das Pop-Wunder
Fotos
DPA

2. Teil: Grenzen des Erfolgsmodells Lena Meyer-Landrut

Lena kam mit ihrem selbstgemachten englischen Akzent, den Lenaismen, all diesen lustigen Formulierungen, mit denen sie sich in die Herzen der Zuschauer quatschte, mit der Emphase, mit der sie sich in ihre Songs warf. Und mit einer Mutter, die sie auf dem Boden hält.

Als sie ihren ersten großen Triumph feierte, erzählt Lena, als sie unter die letzten zehn bei "Unser Star für Oslo" kam, sei sie vor Freude beinahe übergeschnappt. "Dann kam meine Mutter und sagte: 'Du denkst aber auch an die Schule, oder?' Erst dachte ich: Wie ätzend, warum sagt die jetzt so was? Kann die nicht sagen: Hast du toll gemacht. Aber das war genau richtig. So bin ich nämlich wieder klar und frisch geworden." Die ehrgeizige Mutter einmal andersherum, als die, die ihre Tochter bremst.

Es ist auch das Frühjahr der 18-jährigen Töchter aus gutem Hause. Erst Helene Hegemann und der Überraschungserfolg ihres Romans "Axolotl Roadkill", nun Lena Meyer-Landrut, unser Star für Oslo, die beiden verbindet mehr als nur Alter und Geschlecht. Auch Hegemanns Erfolg basierte auf dem Glauben an ihre Authentizität - als sich herausstellte, dass einige Passagen ihres Buchs abgeschrieben waren, war die Enttäuschung groß.

Beide haben eine für ihr Alter erstaunliche Sicherheit im Umgang mit den Medien. Manchmal wirken sie, als würden sie den Bildschirm benutzen wie andere Menschen einen Spiegel. Das stimmt zwar nicht, Lena sagt, sie habe sich noch keine einzige Aufzeichnung eines ihrer Auftritte angeschaut. Aber das ist wahrscheinlich das Geheimnis: sich mitten im medialen Wirbelsturm gerade nicht beirren zu lassen.

Und noch etwas lässt sich am Erfolg der Diplomatenenkelin Lena und der Theaterprofessorentochter Helene ablesen: Deutschland, ein Land, in dem die soziale Durchlässigkeit geringer ist als in vielen anderen Industriestaaten der westlichen Welt, sehnt sich vielleicht nach der Souveränität des Bürgertums. Eine Weile lang war das anders. Ob es die Berliner Gangsta-Rapper der vergangenen Jahre waren oder all die One-Hit-Wonder aus den "Big Brother"-Containern - ihre Attraktivität war ihr Ellbogendrama, ihr Weg aus der Gosse nach oben.

"Das Wichtigste ist, dass ich mit mir zufrieden bin"

Die Schnellkarriere von Lena Meyer-Landrut erzählt etwas anderes. Dass das Leben nicht immer nur blutiger Ernst ist, sondern auch Spiel. Jeder kann berühmt werden, es ist keine Arbeit, man muss sich dafür nicht verbiegen. Man kann eine Castingshow gewinnen und trotzdem nebenbei Abitur machen, weil es noch andere Dinge im Leben gibt. Das ist Lenas Message, dafür wird sie geliebt. "Ich möchte keine Choreografien und Charaktereigenschaften einüben, das ist mir zu anstrengend", sagt sie. "Das Wichtigste ist, dass ich mit mir zufrieden bin."

Lenas Auftritt bei "Wetten, dass ...?" ist auch ein Experiment: Wie macht sie sich jenseits der Castingshow? Kann sie auch die große Bühne bespielen, die größte des Unterhaltungsgeschäfts? Wie wirkt sie, wenn sie aus der "Unser Star für Oslo"-Erzählung und der dazugehörigen Wettbewerbssituation herausgelöst ist und keine Konkurrenten neben sich hat?

Neben den Weltstars, die Gottschalk an diesem Abend aufbietet, werden die Grenzen des Erfolgsmodells Lena Meyer-Landrut sichtbar. Neben Shakira, die wirklich tanzen kann, und Anna Netrebko, die wirklich singen kann, wirkt Lena dann doch wie die 18-jährige Gymnasiastin mit wenig Bühnenerfahrung. Und neben Beth Ditto, der Sängerin der Band Gossip, die es als lesbischer, übergewichtiger Punk zur Lagerfeld-Muse gebracht hat und die sich zur Begrüßung auf den Studiogast Hansi Hinterseer draufsetzt, wirkt Lena ziemlich brav. Sie ist zwar schlagfertig, ihr ist aber nicht alles egal. Ja, sie sagt "zum Kotzen", als Gottschalk sie fragt, wie sie die Netrebko findet. Das ist die Lena-Provokation. Mit einem raschen "Finde ich super, hör ich auch, ohne Spaß jetzt mal" rettet sie die Situation, die guterzogene Lena.

Im Pop geht es um Sehnsüchte

Es gibt aber auch Hoffnung. Als letzter Act tritt bei "Wetten, dass ...?" die Hardrockband Scorpions auf. Sie haben gerade ihr letztes Album eingespielt, beginnen jetzt ihre Welttournee, von der es heißt, es sei ihre letzte. Routiniert rocken sie ihren Song herunter, drei Musiker um die sechzig, kurz vor der Rente, etwas würdelos immer noch in engem schwarzem Leder. Sie haben sich noch eine Sängerin aus Finnland und zwei weitere Musiker dazugenommen.

Die Scorpions aber waren nicht immer die abgerockten Altstars, als die sie sich nun verabschieden. Vor über 40 Jahren waren auch sie einmal Jugendliche aus der Provinz, die sich auf den internationalen Pop einen Reim machen wollten, die sich dafür eine Sprache ausdachten und dann einfach losmachten. Ende der Sechziger war das, in einer anderen Phase der Pop-Globalisierung.

Lena Meyer-Landrut ist so weit nicht entfernt von den Scorpions. Hannover ist immer noch Hannover. Und Pop ist immer noch eine Kunstform, zu der sich berufen fühlt, wen es aus den Regionalmetropolen hinauszieht, auf zu neuen Ufern. Im Pop geht es um Sehnsüchte. Die großen Träume hat nicht, wer in New York, London oder Berlin in coolen Clubs herumsitzt. Sie entstehen in den Kinderzimmern von Hannover oder Dubrovnik.

Die meisten dieser Teenager belassen es dabei, sich das immer selbe Lied anzuhören, sich Poster ihrer Stars an die Wand zu hängen, bei YouTube nach Live-Aufnahmen zu suchen und dabei von einem aufregenderen Leben zu träumen. Viele fangen an, die Posen ihrer Stars vor dem Spiegel nachzumachen. Ein paar trauen sich damit sogar aus dem Zimmer. Nur ganz wenige schaffen es allerdings, dieser Freude am Pop einen Ausdruck zu geben, den nicht nur sie selbst erkennen, sondern auch viele andere. So wird aus dem eigenen Traum eine Realität und diese Realität der Traum von anderen.

Europa wächst zusammen, Träume ähneln sich, Hannover ist überall. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Liebe zu Lena Meyer-Landrut sich auf den deutschsprachigen Raum beschränken sollte.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 290 Beiträge
W. Robert 02.04.2010
Es würde mich ja interessieren, mit welchen Verkaufszahlen man heutzutage in die "Charts" kommt. Aus England wird berichtet, dass manche Blogger im Alleingang einen Nr 1 Hit verursachen können. Da wird die geballte [...]
Es würde mich ja interessieren, mit welchen Verkaufszahlen man heutzutage in die "Charts" kommt. Aus England wird berichtet, dass manche Blogger im Alleingang einen Nr 1 Hit verursachen können. Da wird die geballte Medienpower von ARD und Pro7 doch genügen, bei uns ähnliche Phänomene loszutreten. Ich habe mir jetzt tatsächlich einen Song der Dame angehört. Und hier nun mein Geheimtipp für Oslo: Germany 0 Points :) Nix, gar nix, noch weniger.
BigRedOne 02.04.2010
Ihre Skepsis in allen Ehren, aber es wäre schön, wenn sie zugeben werden, dass nur weil es ihnen nicht gefällt, das nicht heißen muss, dass großer Erfolg nur durch Betrug zu erreichen wäre. Das Lied hat sich in der ersten Woche [...]
Zitat von W. RobertEs würde mich ja interessieren, mit welchen Verkaufszahlen man heutzutage in die "Charts" kommt. Aus England wird berichtet, dass manche Blogger im Alleingang einen Nr 1 Hit verursachen können. Da wird die geballte Medienpower von ARD und Pro7 doch genügen, bei uns ähnliche Phänomene loszutreten. Ich habe mir jetzt tatsächlich einen Song der Dame angehört. Und hier nun mein Geheimtipp für Oslo: Germany 0 Points :) Nix, gar nix, noch weniger.
Ihre Skepsis in allen Ehren, aber es wäre schön, wenn sie zugeben werden, dass nur weil es ihnen nicht gefällt, das nicht heißen muss, dass großer Erfolg nur durch Betrug zu erreichen wäre. Das Lied hat sich in der ersten Woche 150.000 Mal verkauft, die meisten davon als Downloads am Wochenende direkt nach dem Finale der Sendung. Um ihre Frage zu beantworten, reicht es teilweise, dreistellig zu verkaufen, um in die TOP 100 einzusteigen. Für einen Nr. 1 Hit geht es schon in die Zehntausende. War früher natürlich anders. Die 150.000 wie bei Satellite in der ersten Woche sind inzwischen eher selten.
unente 02.04.2010
Das würde ich auch so sehen. Milli Vanilli haben nicht selbst gesungen und den "Verkaufszahlen" der Castingshow-Tussi liegen keine adäquaten Verkäufe zugrunde. Das alles ist nur ein aufgeblasener Werberummel, gestützt [...]
Zitat von W. Robert...Da wird die geballte Medienpower von ARD und Pro7 doch genügen, bei uns ähnliche Phänomene loszutreten...
Das würde ich auch so sehen. Milli Vanilli haben nicht selbst gesungen und den "Verkaufszahlen" der Castingshow-Tussi liegen keine adäquaten Verkäufe zugrunde. Das alles ist nur ein aufgeblasener Werberummel, gestützt durch GEZ-Gebühren und Werbegelder von "BRAINPOOL". Demnächst können von denen massenweise CD´s an "glückliche" Gewinner verschenkt werden. X-D
saul7 03.04.2010
Ich frage mich dauernd, was diese junge Sängerin als "bürgerliches Popwunder" auszeichnet??
Zitat von sysopNachdem die 18-jährige Abiturientin Lena Meyer-Landrut die Castingshow "Unser Star für Oslo" gewonnen hat, steht sie nun mit gleich drei Stücken in den deutschen Top Five. Das gab es noch nie. Die Geschichte eines bürgerlichen Pop-Wunders. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,687013,00.html
Ich frage mich dauernd, was diese junge Sängerin als "bürgerliches Popwunder" auszeichnet??
medienquadrat 06.04.2010
Keine Sorge, das Problem erledigt sich vonh selbst. Sie wäre nicht die erste auf der Welt, die öffentlich zerliebt wurde.
Zitat von saul7Ich frage mich dauernd, was diese junge Sängerin als "bürgerliches Popwunder" auszeichnet??
Keine Sorge, das Problem erledigt sich vonh selbst. Sie wäre nicht die erste auf der Welt, die öffentlich zerliebt wurde.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Musik
alles zum Thema Eurovision Song Contest

© DER SPIEGEL 14/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem aktuellen SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 14/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Banken: Kein Manager ist so mächtig wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann - und keiner so verhasst
  • - Energie: Die Kernkraftbranche will mit Mini-Reaktoren ihre Zukunft sichern
  • - Krisen: Der Alltag einer griechischen Familie spiegelt die Lage des bedrohten Landes
  • - Zeitgeschichte: Der Altnazi Martin Sandberger lebt unbehelligt in einem Stuttgarter Seniorenstift

Abo-Angebote: Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!







TOP



TOP