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Ausgabe 15/2010
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12.04.2010
 

Essay

Die Kunst des Weglassens

Von Ferdinand von Schirach

iPad: Die Kunst des Weglassens
Fotos
REUTERS

Warum das iPad die Zukunft des Lesens ist

"Und wie der Rauschgiftsüchtige, der keinen Schritt tut, ohne ein ausreichendes Quantum der tödlichen Substanz mitzunehmen, wage auch ich mich niemals weit fort, ohne mich mit einem erheblichen Vorrat an Lesestoff einzudecken." So schrieb es Somerset Maugham in seiner Geschichte von Olive Hardy, und er fuhr fort: "Aber wenn ich eine große Reise vorhabe, nimmt das Problem erschreckende Dimensionen an. Seit jener Zeit habe ich es mir zum Prinzip gemacht, mit dem größten im Handel erhältlichen Wäschesack zu reisen und ihn bis zum Rand mit Büchern für jede Gelegenheit und jede Stimmung zu füllen. Er ist zentnerschwer, und selbst starke Träger stöhnen unter seinem Gewicht. Zollbeamte blicken ihn misstrauisch an, weichen aber konsterniert zurück, wenn ich ihnen mein Wort gebe, dass er nichts als Bücher enthalte. Ein solcher Sack hat bloß den Nachteil, dass das Werk, das man haben möchte, gewöhnlich ganz unten liegt und unmöglich zu erreichen ist, ohne dass der gesamte Inhalt auf dem Boden ausgeleert wird. Doch gäbe es diesen Umstand nicht, hätte ich vielleicht niemals die eigentümliche Geschichte von Olive Hardy erfahren."

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Maughams Geschichte handelt von einem merkwürdigen Geschwisterinzest, ich habe sie fast vergessen. Aber an den Büchersack erinnere ich mich. Es geht mir heute noch so. Selbst wenn ich nur übers Wochenende verreise, nehme ich immer zu viele Bücher mit - ich weiß nie, was ich in zwei Tagen lesen will.

Ich bin in einer analogen Welt aufgewachsen. Als Kinder wohnten wir auf dem Land. Manchmal stand meine Großmutter auf den Stufen des Hauses, wenn der Briefträger die Einfahrt herunterkam. Er rief dann mit der Post in der Hand: "Es ist nichts Wichtiges dabei." Anstelle von E-Mails gab es noch das Telex. Und als das erste Funktelefon im Wagen meines Urgroßvaters installiert wurde, ein Telefon für das sogenannte A-Netz, musste er dauernd durchgeben, wo er gerade war, wenn ihn jemand anrufen wollte. Es war alles kompliziert und lustig. Telefonieren war fürchterlich teuer, und vor dem Wort "Auslandsgespräch" hatten alle großen Respekt. Als ich acht war, war ich mit meinem Vater einmal in einem Hotel in Hamburg. Dort war im Badezimmer ein Telefon in die Wand eingelassen. Ich durfte meine Mutter anrufen und dachte, einen größeren Luxus könne es nie geben: aus der Badewanne telefonieren.

Wenn ich ein paar Jahre später ein Mädchen zu Hause abgeholt habe, musste ich klingeln und stand vor ihrem Haus. Sie sagte durch den scheppernden Lautsprecher der Gegensprechanlage, dass sie gleich herunterkomme. Es war schrecklich kalt, sie ließ mich ein paar Minuten vor der Tür warten. Das machte sie immer. Dann kam sie die Treppen runter, ich konnte ihre Absätze auf den alten Stufen hören, sie öffnete die Tür und küsste mich. Ihr Gesicht war warm. Wir haben uns Briefe geschrieben, sie hatte eine weiche Handschrift, sie schrieb immer sehr ordentlich - ganz anders als ich. Das war im Winter 1984, ich war damals 20 Jahre alt.

Briefe von Hand wurden immer seltener

In den folgenden 25 Jahren ist das alles langsam abhandengekommen. Irgendwann begannen die ersten Mandanten E-Mails zu schreiben. Briefe von Hand wurden immer seltener, ältere Herrschaften schrieben wenigstens noch die Anrede mit breitem Füller. Plötzlich hatten wir alle PalmPilots, man konnte auf ihnen mit lächerlich winzigen Stiften Termine und Telefonnummern eintragen. Ich kaufte den ersten Newton von Apple. Er war ungefähr so groß wie ein Ziegelstein und mindestens genauso schwer. Man sollte ihn in das Jackett stecken, aber kein Mensch hatte solche riesigen Taschen. Er hatte aber auch Vorteile. Wenn die Begleitung zu spät ins Kino kam, konnte man mit dem eingeschalteten Newton winken: Er leuchtete grün, so wie ich mir als Kind die Farbe der Bildschirme in Kapitän Nemos "Nautilus" vorgestellt hatte, und wies den Weg zum Sitzplatz. Wenn man jetzt ein Mädchen abholte, rief man aus dem warmen Wagen mit dem Handy an und musste nicht mehr in der Kälte stehen. Später kamen die Blackberrys, die Welt wurde noch schneller.

Und jetzt habe ich das iPad. Falls Sie die letzten acht Wochen keine Zeitung gelesen und keinen Fernseher angeschaltet haben: Das iPad ist das neue Gerät des Soft- und Hardware-Herstellers Apple. Es besteht nur aus einem schwarzen Glasbildschirm, es ist etwa sechs Zentimeter kürzer und zwei Zentimeter schmaler als eine DIN-A4-Seite. Es ist dünn, sehr dünn. Es wiegt ungefähr 700 Gramm. Und, um es gleich zu sagen: Es ist die Zukunft. Punkt. Es gibt darüber gar keine Diskussion.

Erinnern Sie sich an den ersten "Harry Potter"-Film? Dort gab es in einer Szene eine Zeitung mit bewegten Bildern. Genau das ist das iPad. Wenn Sie zum Beispiel die "App" - so nennt Apple die kleinen Programme - vom britischen Fernsehsender BBC auf das iPad laden, können Sie Texte lesen und kleine Videos ansehen. Natürlich können Sie das auch auf dem Laptop machen, aber es ist etwas völlig anderes auf dem iPad. Eigentlich ist es nur ein Trick. Ein alter Trick, der immer noch funktioniert. Lessing sagte, Zeichnen sei die Kunst des Weglassens. Ludwig Mies van der Rohe erklärte: "Less is more." Und das Vorbild von Jonathan Ive, dem Designdirektor von Apple, ist Dieter Rams, der legendäre Gestalter der Produkte von Braun (natürlich bevor sie anfingen, diese fürchterlich hässlichen Rasierer von heute zu fabrizieren). Rams sagte: "Von der Natur können wir lernen, dass Weglassen sinnvoll ist." Das iPad ist die Krönung in dieser Disziplin. Es ist so einfach, dass es ein dreijähriges Kind bedienen kann. Es erklärt sich selbst. Und es tut das so vollständig, dass es noch nicht einmal mit einer Betriebsanleitung ausgeliefert wird.

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Zum Autor

DDP
Ferdinand von Schirach, 45, lebt als Anwalt und Schriftsteller in Berlin. Im Piper-Verlag hat er im Jahr 2009 den Kurzgeschichtenband "Verbrechen" veröffentlicht.


Eckdaten des iPad 1
Name iPad (von Pad = Block)
Gewicht 1,5 Pfund (680 Gramm)
Bildschirm 9,7 Inch (ca. 25 Zentimeter) Durchmesser
Dicke etwa 1,3 Zentimeter
Batterielaufzeit zehn Stunden laut Apple
Standby-Zeit mehr als ein Monat laut Apple
Akku nicht austauschbar
Prozessor Apple-Eigenentwicklung A4, 1 Gigahertz
Speicher 16, 32 oder 64 Gigabyte
Audio Lautsprecher, Mikrofon, Headset
Quelle: Apple
Preis des iPad 1 in Deutschland
16 Giga-
byte
32 Giga-
byte
64 Giga-
byte
nur
W-Lan
379 Euro 479 Euro 579 Euro
W-Lan
und 3G*
499 Euro 599 Euro 699 Euro
*: 3G ist eine mobile schnelle Internet-Anbindung. Stand: 3.3. - Apple hat die Preise für das iPad nach Vorstellung des iPad2 gesenkt




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