Von Maik Grossekathöfer
Er ist 1981 aus Sunyani, einer Stadt im Westen Ghanas, über Ungarn nach Deutschland gekommen. Er wollte Betriebswirtschaft studieren, aber daraus wurde nichts. Zu viel Papierkram. Er hat sich als Kellner und Discjockey durchgeschlagen, später italienische Mode verkauft und gelegentlich als Model gejobbt.
Er hat seinen Söhnen viel erzählt über das Leben in Afrika. Seine Eltern waren Farmer, die Kakao und Kaffee angebaut haben. Sein jüngster Bruder hat für die ghanaische Nationalelf gespielt. Er selbst hat es nur zu den Reinickendorfer Füchsen geschafft, in die Regionalliga.
Zweimal im Jahr fährt Vater Boateng nach Ghana. Zurzeit lässt er in der Hauptstadt Accra ein Haus bauen, es ist fast fertig. Seine Kinder sollen darin wohnen, wenn sie ihn begleiten wollen. Das Afrikanische an Jérôme und Kevin-Prince, sagt er, sei ihre Geschmeidigkeit. Ihre Lockerheit. "Beide können super tanzen."
Und was ist deutsch an ihnen?
Er überlegt kurz. "Jérôme ist pünktlich und zuverlässig. Über Kevin kann man so was ein bisschen schwieriger sagen."
Es war ihm immer wichtig, dass seine Kinder so viel Zeit miteinander verbringen wie möglich. Er hat mit den beiden trainiert, als sie noch klein waren. Mal durften sie den Ball nur mit dem linken Fuß spielen, mal nur mit dem rechten. Mal übten sie Freistöße, mal Kopfbälle. Seine Söhne rannten, tricksten, schossen auf Bolzplätzen, die aussahen wie Käfige, eingezäunt von hohen Stahlgittern. Kevin schnippelte den Ball per Hacke von hinten über seinen Kopf und ließ ihn vorn auf seinem Fuß abtropfen. Er trug dabei Gummistiefel.
Jérôme ging zu Tennis Borussia Berlin, in seinem ersten Spiel schoss er fünf Tore. 2002 wechselte er zu Hertha, wo Kevin-Prince schon war. Es gibt Trainer, die halten sie für die größten Talente, die jemals für den Club gespielt haben.
Vergangenen Oktober debütierte Jérôme Boateng in der deutschen Nationalmannschaft, er stand beim entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Russland in der Startelf. Sein Vater saß in Jérômes Wohnung vorm Fernseher. "Mit Tränen in den Augen", sagt er. Kurz vor der Pause sah Jérôme wegen eines Fouls an der Strafraumgrenze die gelbe Karte. "Musste der Schiri nicht geben", sagt der Vater. In der 69. Minute zog Jérôme einem Russen die Beine weg, Gelb-Rot.
"Kevin-Prince hat Hilfe gebraucht"
"Er hat sich für Deutschland geopfert", sagt Prince Boateng. Es soll nicht eitel klingen, eher entschuldigend. "Er ist etwas zu spät losgelaufen, er konnte nur noch foulen, sonst wäre der Russe allein aufs Tor zugelaufen. Als er vom Feld ging, hat es mir das Herz zerrissen."
Zu Kevin-Prince habe er den Kontakt verloren, sagt er, als sein Sohn vor drei Jahren nach England ging. Kevin-Prince zog durch Nachtclubs und feierte Partys. Er kaufte sich an einem Tag drei Autos, einen Lamborghini, einen Hummer und einen Cadillac Oldtimer. Und er kleidete sich neu ein: 160 Paar Schuhe, 200 Kappen, 20 Lederjacken.
"Der Junge hat Hilfe gebraucht, aber er hat niemanden an sich rangelassen", sagt der Vater. Er hat versucht, ihn zu erreichen, hat angerufen, SMS geschickt. "Kevin hat nie geantwortet." Dann wirkt er für einen Moment abwesend, als ginge er in Gedanken alles noch mal durch.
Dass Kevin-Prince für Ghana spielen wird, hat der Vater aus der Zeitung erfahren. Er wäre froh gewesen, sein Sohn hätte es ihm selbst erzählt. Erst seit Dezember haben sie wieder mehr miteinander zu tun, seine Schwiegertochter hatte vermittelt. Vater und Sohn sprachen sich aus, von abends um neun bis morgens um vier. Prince Boateng sagt, wenn Deutschland bei der WM auf Ghana trifft, "schlage ich mich auf keine Seite. Die bessere Mannschaft soll gewinnen".
Der eine passt zu Deutschland, der andere nicht
Was hält er davon, dass Kevin-Prince für sein Vaterland antreten will? "Ich akzeptiere das. Ich stehe voll hinter ihm. Der DFB hat ihm das Gefühl gegeben, er werde nicht mehr gebraucht."
Er spricht von den Ereignissen im Mai vorigen Jahres. Vor der U21-Europameisterschaft in Schweden fuhr die Mannschaft ins Trainingslager an den Tegernsee, ein Spieler musste noch aussortiert werden. Der Mannschaftsrat sollte entscheiden. Einer, der dabei war, aber seinen Namen nicht nennen will, sagt: "Es hat Kevin erwischt, weil er mehrfach zu spät zu Besprechungen gekommen ist. Der Gedanke war: Wer so unzuverlässig ist, gefährdet das ganze Projekt. Wenn man den Titel gewinnen will, darf keiner ausscheren. Er war außerdem verletzt."
Als Kevin-Prince es erfuhr, brach er in Tränen aus. Sein Halbbruder versuchte ihn zu trösten. Deutschland gewann das Turnier. Jérôme spielte überragend.
Matthias Sammer, der Sportdirektor des DFB, drückt es so aus: "Bei Kevin-Prince sind Undiszipliniertheiten und Egoismen erkennbar. Jérôme ist von seiner sportlichen und mentalen Konstitution der Stärkere." Der eine passt zu Deutschland, soll das wohl heißen, der andere nicht.
Der Manager von Kevin-Prince sitzt in Southampton im Hotel, neben dem Sessel steht seine Aktentasche. Er sagt, Kevin-Prince werde auch so seinen Weg gehen. "Der Kevin ist ein guter Sänger. Vielleicht nimmt er bald eine Platte auf."
Eine offene Rechnung mit Deutschland
Man würde Kevin-Prince gern fragen, warum er für Ghana spielen wird, möchte mit ihm über Identität sprechen. Doch umsonst gibt es nichts. "Was können Sie Herrn Boateng denn bieten?", fragt der Manager.
Auf keinen Fall Geld.
Der Manager überlegt. Dann erklärt er, man solle eine Vereinbarung unterzeichnen: Der komplette Text müsse von ihm gelesen und freigegeben werden, bevor er veröffentlicht wird. "Ich muss Herrn Boateng schützen."
Es gibt kein Interview.
Kevin-Prince Boateng hat sich wohl auch für Ghanas Nationalteam entschieden, weil er mit Deutschland eine Rechnung offen hat, selbst wenn er das bestreitet. Jérôme Boateng spielt für Deutschland, weil es ihm logisch erscheint. Bei ihm entschied der Verstand.
Jérôme guckt beim Italiener in Hamburg aus dem Fenster, es regnet immer noch. Was würde er am 23. Juni tun, wenn sein Halbbruder mit dem Ball am Fuß aufs Tor zuliefe, und er wäre der letzte Mann, der ihn daran hindern könnte?
Jérôme denkt kurz nach. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. "Ich würde erst mal versuchen, ihm den Ball wegzunehmen. Ganz fair." Aber wenn es sein muss, sagt er, grätscht er ihn um.
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© DER SPIEGEL 15/2010
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