Für die 44-jährige Oh Eun Sun hingegen sind alpinistische Prinzipien offensichtlich nur ideologischer Ballast. Sie setzt auf eine bombastische Logistik.
Nur so gelang es ihr, von Mitte Mai 2008 bis Anfang August 2009 acht der welthöchsten Gipfel zu bezwingen und sich damit den womöglich entscheidenden Vorsprung auf die Europäerinnen zu verschaffen. Für die Besteigung ihrer ersten fünf Achttausender hatte Oh zuvor noch zehn Jahre benötigt.
Oh nennt ihren Wettlauf in der Todeszone "Projekt 14". Ihre Expeditionen, bei denen sie von Weltklassekletterern aus ihrer Heimat und von zahlreichen Trägern unterstützt wird, ähneln militärischen Operationen. Zuweilen charterte sie auch Hubschrauber, um von Basislager zu Basislager zu fliegen und sich die mühsamen und zeitraubenden Anstiege in die entlegenen Regionen zu ersparen.
Bei derartigem Materialeinsatz ist es nicht verwunderlich, dass Oh in der Alpinistenszene auf heftige Kritik stößt. Am Gasherbrum I will ein französischer Kletterer beobachtet haben, dass Oh nur mit kleinem Rucksack unterwegs gewesen sei, während vier Träger "schwere Lasten" geschleppt hätten. Am Nanga Parbat wiederum, das behauptet ein italienischer Extrembergsteiger, habe Oh Sauerstoff aus der Flasche verwendet - eine extrem leistungssteigernde Hilfe, die unter Profikletterern verpönt ist.
Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit hat vor allem das Gipfelbild hervorgerufen, das Oh nach der angeblichen Besteigung des Kangchendzönga im vorigen Mai von sich machen ließ: Es zeigt einen vermummten Menschen vor einem milchigen Hintergrund.
Der Druck wird immer größer
Oh erschien eigens bei einer Pressekonferenz in Seoul, um sich gegen den Vorwurf der Täuschung zu verteidigen. Auf dem Gipfel sei das Wetter miserabel gewesen, behauptete sie unter Tränen, bereits nach einer Minute hätten sie und ihr Begleiter sich an den Abstieg machen müssen.
Aus der Welt schaffte Oh die Vorbehalte nicht, wie sie unlängst bei der Ankunft von Pasabans Annapurna-Expedition in Nepal erfuhr. Ein Mitglied der spanischen Crew äußerte erneut den Vorwurf, Oh habe sich am Kangchendzönga unredlich verhalten.
Der Druck wird immer größer. Klar ist, dass der Frau, die den Wettlauf für sich entscheidet, weltweit beträchtliche Vermarktungsmöglichkeiten offenstehen. Dabei können die drei besten Bergsteigerinnen schon heute prächtig von ihren Einnahmen leben. Gerlinde Kaltenbrunner etwa füllt mit ihren Vorträgen und Lesungen in Deutschland oder Österreich selbst große Hallen, Edurne Pasaban erhält in Spanien für einen Auftritt bis zu 20.000 Euro.
Kaltenbrunner, eine schlanke, zurückhaltende Frau mit dem Händedruck eines Eisenbiegers, sitzt im Wohnzimmer ihres Hauses in Kappelwindeck, einem Stadtteil von Bühl. Die Sonne scheint durch die große Fensterfront. Sie klettere nur für sich und nicht, um reich und bekannt zu werden, sagt sie, und dass sie jemals Vorhänge anbringen müsste, um ihre lichte Wohnung vor den Blicken Neugieriger zu schützen, mag sie sich nicht vorstellen. Auch dann nicht, wenn sie demnächst weltberühmt sein sollte.
Depressionen wegen des Medienrummels
In ihrer Heimat hat die Österreicherin indes schon Erfahrungen mit der Boulevardpresse gesammelt. Vor ihrer kirchlichen Hochzeit vor zweieinhalb Jahren etwa hatten Journalisten bei Angehörigen angerufen, um an Familienbilder und Details über ihr Privatleben zu kommen. Selbst bei dem Pfarrer, der die Trauung vornahm, hatten die Kollegen vorgefühlt.
Eine Idee davon, wie weit die Vereinnahmung durch die Öffentlichkeit gehen kann, hat auch Edurne Pasaban bereits bekommen. Nach ihren ersten spektakulären Expeditionen im Himalaja und im Karakorum hatten die spanischen Massenblätter sie ausführlich durchleuchtet.
Sogar die Bulletins der Krankenhausärzte über den Zustand ihrer Zehen, an denen sie beim Abstieg vom K2 Erfrierungen erlitten hatte, gehörten tagelang zu den Spitzenmeldungen in den Nachrichten. Plötzlich als Person des öffentlichen Lebens gehandelt und ins Rampenlicht gezerrt zu werden hatte bei Pasaban Depressionen ausgelöst. Sie tauchte unter, erst mit Hilfe einer Psychologin fand sie ihr Gleichgewicht wieder.
Mittlerweile scheint Pasaban für die Rolle der First Lady des Extremkletterns gerüstet - darauf lässt zumindest der Aufwand schließen, mit dem sie die verlorene Zeit auf ihre südkoreanische Rivalin Oh noch aufzuholen trachtet.
Um mit ihren Kletterpartnern so schnell wie möglich zur Nordflanke der Annapurna zu gelangen, griff die Spanierin beim Weg zum Basislager auch auf ein Verkehrsmittel zurück, das sie dazu bislang immer abgelehnt hatte - einen Hubschrauber.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fernweh | RSS |
| alles zum Thema Bergsteigen | RSS |
© DER SPIEGEL 16/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH