SPIEGEL: Herr Kuranyi, fast die gesamte deutsche Fußballprominenz spricht sich für Ihre Rückkehr in die Nationalmannschaft aus, Bundestrainer Joachim Löw beriet sich darüber mit seinem Stab. Bis Monatsende will er eine Entscheidung bekanntgeben. Sind Sie aufgeregt?
SPIEGEL: Im Oktober 2008 haben Sie zur Halbzeit des WM-Qualifikationsspiels gegen Russland, für das Sie nicht aufgestellt waren, das Stadion und die Mannschaft verlassen; Löw wollte Sie daraufhin nie wieder nominieren. Seit wann haben Sie insgeheim mit Ihrer Begnadigung zur WM in Südafrika gerechnet?
Kuranyi: Ich habe immer gehofft, eine zweite Chance zu bekommen. Und ich habe gewusst, dass ich sehr hart dafür arbeiten muss. Dass wir mit Schalke 04 diese Saison recht erfolgreich spielen, hilft natürlich.
SPIEGEL: Löw deutete an, er wolle vor einem Entscheid noch einmal das Gespräch mit Ihnen suchen. Haben Sie sich schon darauf vorbereitet?
Kuranyi: Ich kann mich nicht vorbereiten, wenn ich nicht weiß, ob es stattfindet. Aber ich würde mich sehr freuen.
SPIEGEL: Das Gespräch ist aber womöglich genauso wichtig wie Ihre Leistung. Dass Sie derzeit viele Tore schießen, sieht jeder. Der Bundestrainer muss aber auch herausfinden, ob Sie diszipliniert und teamfähig genug sind, um das WM-Projekt nicht zu gefährden.
Kuranyi: Alle, die mich kennen, wissen, dass ich ein Teamplayer bin. Und alle, die mich auch als Menschen kennen, wissen, dass ich ein guter Junge bin. Da wird es also keine Probleme geben.
SPIEGEL: Müssen Sie nicht Reue zeigen?
Kuranyi: Das habe ich. Ich habe damals einen Fehler gemacht, aber daraus habe ich gelernt. Man wird erwachsen und entwickelt sich weiter.
SPIEGEL: Worin genau lag Ihrer Meinung nach der Fehler? Haben Sie gegen einen Kodex verstoßen, wonach die Autorität des Trainers, der die Mannschaft aufstellt, unter allen Umständen zu achten ist?
Kuranyi: Das müssen andere beurteilen, wie schlimm der Fehler war. Ob es als Aktion gegen den Trainer zu sehen ist, gegen die Mannschaft oder den gesamten DFB. Ich weiß nur: Fehler macht jeder Mensch. Damals kam einfach vieles zusammen, und dann habe ich eine spontane Entscheidung getroffen, die nicht richtig war.
SPIEGEL: Sie erfuhren mittags vor dem Russland-Spiel, dass Sie nicht einmal auf der Bank, sondern auf der Tribüne sitzen müssen.
Kuranyi: Das ist schwer für einen Spieler. Es ist mir in der ganzen Karriere noch nie passiert, dass ich auf die Tribüne musste. Und das in Dortmund. Ich musste als Spieler von Schalke in Dortmund auf die Tribüne. Verstehen Sie?
SPIEGEL: Eine schlimme Demütigung vor den Fans des Erzrivalen?
Kuranyi: Da kommen blöde Kommentare, schon auf dem Weg zum Sitzplatz. Man darf sich nicht provozieren lassen. Dann habe ich mich entschieden, lieber zu gehen, bevor ich vielleicht noch was Schlimmeres mache.
SPIEGEL: Sie wollten einer Situation ausweichen, in der Sie sich womöglich gegen die Fans hätten wehren wollen?
Kuranyi: So in der Art. Die Aktion war nicht in Ordnung, klar. Das ist schwer zu erklären. Wenn sich ein Dortmunder Spieler bei uns in Gelsenkirchen mitten unter die Schalke-Fans setzen wollte, gäbe es vielleicht auch ein Problem.
SPIEGEL: Löw sagt, Sie hätten mittags im Düsseldorfer Hotel schon gefragt, ob Sie das Spiel nicht zu Hause anschauen dürften. Er wertet das strafverschärfend, weil es zeige, dass Sie nicht im Affekt handelten.
Kuranyi: Aber geplant war es auch nicht. Ich wusste vorher: Die Situation im Stadion wollte ich nicht haben, ich habe mich nicht wohl gefühlt damit. Als es dann wirklich so kam, bin ich ein bisschen explodiert. Da bin ich halt gegangen und nach Hause gefahren.
SPIEGEL: Es sah zunächst wie ein Rücktritt aus. Oder wie hatten Sie sich eine Rückkehr vorgestellt?
Kuranyi: Es gab nur den Moment. Ich dachte, ich geh mal. Ich dachte nicht, dass es so eskalieren würde.
SPIEGEL: Eskalieren? Sie haben den Teamfrieden gestört, und Löw hat ein Exempel statuiert. Glauben Sie, er hat nicht damit gerechnet, dass Sie noch einmal so gut werden würden?
Kuranyi: Das kann nur er selbst beantworten, was er gedacht hat. Ich kann nicht sagen, wie jemand denkt.
SPIEGEL: Wäre es ein Zeichen von Stärke, wenn er jetzt nachgibt und Sie amnestiert?
Kuranyi: Ich denke schon. Aber es ist schwierig für ihn zu entscheiden. Ich versuche jedenfalls, so gut zu spielen, dass er denkt, dass ich der Mannschaft helfen könnte.
SPIEGEL: Sie haben viele Rückschläge erlebt, Sie sind von den Schalke-Fans ausgepfiffen worden, haben 2006 die WM verpasst. Haben Sie sich mal gefragt, warum einer, der so viel einstecken konnte, dieses eine Mal so die Nerven verlor?
Kuranyi: Vielleicht ist es wie bei einem Luftballon, in den immer mehr Luft hineingeblasen wird. Irgendwann platzt er.
SPIEGEL: Als Sie 2006 kurz vor der WM aus dem Kader fielen, soll sich David Odonkor, der überraschend ins Team rutschte, bei Ihnen entschuldigt haben.
Kuranyi: Das stimmt nicht. Es war Mike Hanke, der mich anrief und sagte, dass es ihm leidtut für mich.
SPIEGEL: Würden Sie sich bei einem Konkurrenten, der zu Ihren Gunsten zu Hause bleiben müsste, entschuldigen?
Kuranyi: Im Fußball gibt es immer Konkurrenzkampf, das gehört zum Geschäft. Jedem muss klar sein, dass es gut oder auch schlecht laufen kann.
SPIEGEL: Der Unterlegene in diesem Fall, der Stuttgarter Cacau zum Beispiel, könnte sich als Opfer des öffentlichen Drucks fühlen.
Kuranyi: Und woher kommt der öffentliche Druck? Durch meine Leistung.
SPIEGEL: Wie sind Sie eigentlich diese Saison so gut geworden? Täuscht der Eindruck, oder hat sich die Präzision bei Ihren Pässen und Kopfbällen verbessert?
Kuranyi: Wir arbeiten sehr hart bei Schalke und versuchen auch immer, unsere Stärken noch weiter zu trainieren.
SPIEGEL: Sind Sie fitter als früher?
Kuranyi: Ich denke, ja. Wenn man fit ist, ist man konzentrierter. Das macht vielleicht den Unterschied aus.
SPIEGEL: Es heißt, Jürgen Klinsmann habe 2006 auch deshalb auf Sie verzichtet, weil sein damaliger Assistent Löw Sie vor einem Bundesligaspiel beobachtet habe: Da hätten Sie Ihre Muskulatur nicht ordentlich aufgewärmt. Arbeiten Sie heute gewissenhafter, professioneller?
Kuranyi: Wenn man älter wird, weiß man besser, was dem eigenen Körper guttut. Als junger Spieler macht man sich da nicht so viele Gedanken.
SPIEGEL: Sie sind in Rio de Janeiro geboren, als Kind eines nach Brasilien ausgewanderten, in Frankreich geborenen Schwaben mit ungarischen Wurzeln - und einer panamaischen Mutter. Sie sind dann in Brasilien und Panama aufgewachsen. Warum bedeutet es Ihnen so viel, für Deutschland zu spielen?
Kuranyi: Mein Vater hat ja sehr lange hier gelebt, er wollte, dass ich Deutsch lerne, und hat mich hierhergeschickt, als ich 15 war. Hier bin ich Fußballprofi geworden, und mit meiner Art habe ich mich hier gleich wohl gefühlt. Ich habe mich schnell als Deutscher gefühlt. Und es macht einen stolz, wenn man für ein Land, das man liebt, alles geben darf.
SPIEGEL: Sie haben zwei Kinder im Alter von zwei und vier Jahren …
Kuranyi: … die dürfen Fehler machen.
SPIEGEL: Und dann?
Kuranyi: Wenn ich ihnen verziehen und eine zweite Chance gegeben habe, waren sie anschließend immer lieb zu Papa.
Das Interview führte Jörg Kramer
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© DER SPIEGEL 16/2010
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