ThemaInternetRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2010
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
19.01.2010
 

Internet

Im Innern des Weltwissens

Von Mathieu von Rohr

Wikipedia: Von Vielen und Wenigen
Fotos

Wikipedia ist die größte Enzyklopädie der Welt und ein gigantisches Projekt: Das Menschheitswissen zusammengetragen und korrigiert von allen, die es nutzen. Doch hinter den Kulissen dieser Utopie arbeitet eine kleine, eingeweihte Schar, und sie führt erbitterte Kämpfe um die Wahrheit.

Wladyslaw Sojka hatte ein Wort geändert, ein Wort in Wikipedia. Die Schlacht, die er damit auslöste, sollte zweieinhalb Monate dauern und eine auch für ihn selbst überraschende Gehässigkeit annehmen, obwohl er daran keineswegs unschuldig war.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser
Es begann damit, dass Sojka eines Nachts den ersten Satz im Wikipedia-Artikel über den Donauturm in Wien abänderte. Aus "Der Donauturm ist ein Aussichtsturm" machte er "Der Donauturm ist ein Fernseh- und Aussichtsturm".

Sojka, 34 Jahre alt, wohnhaft in Lörrach und Versicherungsberater, hatte sich diesen Schritt gut überlegt. Er sagt, es gebe wenige Menschen, die so viel über Fernsehtürme wüssten wie er selbst. Sie faszinieren ihn, seit er ein kleiner Junge war, er besitzt Bücher über Türme, Bildbände mit Türmen, Fotos von Türmen. Auf seiner Hochzeitsreise machten er und seine Frau einen Hubschrauberflug um den CN Tower in Toronto, seinen Lieblingsturm, in ihrem Schlafzimmer hängt davon ein Bild in Postergröße, das er selbst geschossen hat.

Wer, wenn nicht er, hatte also das Recht zu beurteilen, ob eine 252 Meter hohe Stahlbetonsäule in Wien als Fernsehturm zu bezeichnen ist?

Schon am nächsten Morgen sah er sich jäh gestoppt. Die österreichische Nutzerin "Elisabeth59" hatte seine Änderung rückgängig gemacht und notiert: "Donauturm ist definitiv kein Fernsehturm, wurde als Aussichtsturm konzipiert und gebaut."

Sojka ärgerte sich sehr, änderte den Artikel wieder und schrieb: "wenn man keine ahnung hat, einfach mal finger still halten, selbstverständlich ist der donauturm ein Fernsehturm."

Ein wahr gewordenes Utopia

So begann eine der absurdesten Auseinandersetzungen, die in Wikipedia je geführt wurden, sie füllt Seiten voller Beleidigungen und Belehrungen und erreichte eine Länge von mehr als 600.000 Zeichen, so viel wie ein Buch. Sehr bald ging es nicht mehr um den Donauturm. Es ging um die Wahrheit und darum, wer sie gepachtet hat.

Wer in Wikipedia die Wahrheit gepachtet hat, ist eine wichtige Frage. Wikipedia ist die größte Enzyklopädie der Welt, bald könnte sie die einzige verbliebene sein. Der gedruckte Brockhaus, Microsofts CD-Rom-Lexikon Encarta sind eingestellt, die Encyclopædia Britannica hat wirtschaftliche Probleme. Die Zeit der dicken Lexikonbände im Bücherregal ist vorbei, und auch die Zeit der Lexikonredaktionen, die auswählen, gewichten, einordnen. Diese Aufgabe ist an das Kollektiv der Internetnutzer übergegangen.

Wikipedia erscheint wie ein wahr gewordenes Utopia: Das Weltwissen zusammengetragen von allen, verwaltet, ergänzt und korrigiert von allen, weil Wissen keine Ware sein darf, sondern frei für alle sein muss. Mehr als eine Million Artikel stehen in der deutschen Ausgabe von Wikipedia, Tausende Nutzer greifen jede Sekunde darauf zu, jede Minute werden rund 20 Änderungen an den Artikeln vorgenommen. Es lässt sich in Echtzeit beobachten, wie Wissen produziert, wie um Wahrheit gerungen wird und wie weh das manchmal tut.

Das Wunder von Wikipedia ist, wie aus Gezänk Wissen entsteht. "Wikipedia ist keine technische Innovation, sondern eine soziale", schrieb einst Wikipedia-Gründer Jimbo Wales.

Die Wikipedia ist kein Projekt vieler, sondern ein Projekt weniger

Vom Streit um den Donauturm haben die allermeisten der Millionen Wikipedia-Nutzer nie etwas mitbekommen. Sie nutzen die Online-Enzyklopädie, um schnell etwas nachzuschlagen, sie wissen wohl auch, dass nicht alles in Wikipedia stimmen muss. Vom Leben hinter den Artikeln aber ahnen sie wenig, vom Blut, vom Schweiß, von den Tränen, die nur wenige Klicks entfernt vergossen werden, in den Hinterzimmern des Projekts.

Die Wikipedia ist kein Projekt vieler, sondern ein Projekt weniger. Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass alle Nutzer gemeinsam und demokratisch zu ihr beitragen, dass sie ein Produkt von "Schwarm-Intelligenz" sei. Die deutsche Wikipedia hat mehrere hunderttausend angemeldete Nutzer. Aber nach einer Untersuchung des Frankfurter Soziologen Christian Stegbauer bearbeitet mehr als die Hälfte derer, die sich neu anmelden, kein einziges Mal einen Artikel. Ein halbes Prozent aller aktiv gewordenen Nutzer ist für fast zwei Drittel der Editierungen verantwortlich - ein Kreis von nicht einmal 2000 Personen.

Wikipedia könnte nicht funktionieren ohne diesen harten Kern, die Wikipedianer. Es ist eine Community, die in den Hinterzimmern des Projekts lebt, in den Diskussionsseiten. Nur ein Zehntel bis ein Hunderstel der neuen Teilnehmer verirrt sich je dorthin.

Wenige hundert Nutzer bilden den innersten Kreis, viele von ihnen kennen einander persönlich. Nicht nur aus den Diskussionsforen, nicht nur durch ihre Benutzerseiten, auf denen sie sich ausführlich vorstellen; viele nehmen an den Wikipedia-Stammtischen teil, die es im ganzen Land gibt.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 167 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
28.04.2010 von Nicola54: Fehler

Der Mann heißt natürlich MENOWIN. Und der letzte Satz ist auch leicht verkorkst... sorry mehr...

28.04.2010 von Nicola54: Merowin Fröhlich

Ich habe mich angesichs der diktatorisch durchgeführten Löschung des Artikels zu Merowin Fröhlich zum "Autorenstreik" entschlossen. Es geht mir nicht um diese Person, sondern einzig und allein um ein bestehendes [...] mehr...

27.04.2010 von Thomas von und zu B.: Richtig!

Und eine Diskussion findet, trotz Nachfrage, nicht statt. Na danke! Ne, auf sowas kann ich voll verzichten. mehr...

26.04.2010 von owler: Die Kirche im Dorf lassen

Natürlich gibt es sowas in Wikipedia, nicht nur für den Donau-(wasauchimmer)-turm. Die Zahl der als "Unbelehrbaren" ist angesichts der mittlerweile über 1 Millionen Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia (die haben [...] mehr...

25.04.2010 von pulegon: Lesen und Verstehen

Halb zitiert und nur halb verstanden? Den Bedarf scheinen sie schon zu haben, wenn sie noch auf meine Beiträge eingehen... Aber ums ihnen mal zu erklären... ich beschränke mich darauf die entsprechende Fachliteratur auf [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Web
alles zum Thema Internet

© DER SPIEGEL 16/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem aktuellen SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 16/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Psychologie: Ein US-Forscher durchleuchtet die Hirne von Serienmördern
  • - Extrembergsteigen: Drei Frauen, ein Ziel - der spektakuläre Wettlauf um die Besteigung aller Achttausender
  • - Fußball: Interview mit dem Schalker Stürmer Kevin Kuranyi über seine mögliche Rückkehr ins Nationalteam







TOP



TOP