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Ausgabe 16/2010
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19.01.2010
 

Internet

Im Innern des Weltwissens

Von Mathieu von Rohr

Wikipedia: Von Vielen und Wenigen
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5. Teil: So endete die Autorenkarriere von Wladyslaw Sojka

Sie redet von der "Frühzeit", wenn sie von den Anfängen spricht, es klingt nach besseren Tagen. Die Frühzeit, das war, als die deutsche Wikipedia noch praktisch leer war. Als der Artikel zur Nordsee aus einem Satz bestand, der lautete: "Die Nordsee ist ein Mehr." Es war eine Zeit, in der die Diskussionen nicht lange dauerten, weil kaum jemand da war, der hätte diskutieren können. Sie sagt: "Wir haben oft kurzerhand Regeln festgelegt. Es mutet seltsam an zu sehen, wie sich manche Leute heute die Köpfe einschlagen wegen Dingen, die man selber einmal einfach so hingeschrieben hat."

Es gibt viele Grundsatzdebatten heute, zum Beispiel über die Frage nach der Relevanz. Ende vergangenen Jahres stritten sich Inklusionisten, die möglichst jedes Thema für Wikipedia-würdig halten, mit Exklusionisten, die stark einschränken möchten, worüber geschrieben werden soll. Der Streit entzündete sich an einem Verein "Missbrauchsopfer gegen Internet-Sperren" (Mogis), dem ein eigener Eintrag verwehrt wurde, die Debatte schaffte es bis in die Medien.

Elisabeth Bauer hält diese Debatte für künstlich. Sie sagt, es müsse eher darum gehen: Wie viele Artikel können wir auf einem vernünftigen Niveau halten? Wie können wir sie gegen Vandalen und Pressestellen verteidigen? Für sie geht es nicht um Relevanz. Es geht darum, dass man einen unvollkommenen, zu kurzen Artikel eines Neulings nicht einfach weglöscht und ihn auch noch anschnauzt. Auch das sei eine Art Vandalismus, sagt sie. Ein Neuling, der so aggressiv begrüßt werde, schreibe nie mehr. Das Projekt sei aber auf neue freiwillige Mitarbeiter angewiesen.

Das ist es, was sie meint, wenn sie sagt, für die Leser, die Informationen suchten, funktioniere Wikipedia noch sehr gut, menschlich aber nicht mehr so. Die allermeisten Wikipedianer sind junge Männer, "man ist manchmal erstaunt, wie jung die sind", sagt sie. Und vielleicht liegt da auch eine Erklärung für manches. "Viele der Leute, die sich in Diskussionen wie die größten Ekel verhalten, sind privat erschreckend nett." Für einige ist Wikipedia mehr als ein Lexikon, mehr als ein Zeitvertreib, es wird zu einem zentralen Teil ihres Lebens, zu einer Sucht.

Eine politische und architektonische Grenzüberschreitung

Sie sagt, man solle sich mal die Debatte zum Donauturm anschauen, wie da wegen eines einzelnen Satzes monatelang diskutiert worden sei. "Oder vielleicht besser doch nicht. Sonst denken die Leute, das sind alles Irre."

Man kann den weiteren Fortgang der Diskussion um den Donauturm, die hier in ihrer Aggressivität und Endlosigkeit nur unzureichend wiedergegeben werden kann, damit zusammenfassen, dass Wladyslaw Sojka sich weigerte, weitere Argumente seiner Gegner zu würdigen, die eigenen in unzähligen Varianten wiederholte, und zum Beweis Buchtitel nannte, etwa: "Der deutsche Fernsehturm: Eine politische und architektonische Grenzüberschreitung". Seine Gegner taten es ihm gleich.

In der Zwischenzeit hatte sich die Schlacht auf andere Bereiche der Wikipedia ausgeweitet, auf die einst von Sojka erstellte "Liste der höchsten Fernsehtürme", wo der Donauturm bisher auf Platz 50 gestanden hatte und nun gegen eine Löschung verteidigt werden musste.

Es war Henriette Fiebig, die den großen Schlusspunkt in diesem Streit setzte, einen sieben Megabyte großen Reader mit Fachartikeln, den sie allen Streithähnen zur Verfügung stellte und der die Aussichtsturmhaftigkeit des Donauturms in ungekannter Klarheit zu belegen schien. Sie hatte dafür zwei Wochen lang täglich in der Berliner Staatsbibliothek recherchiert. Nur Wladyslaw Sojka forderte immer noch Beweise dafür, dass es sich beim Donauturm um keinen Fernsehturm handle. Aber er hatte längst verloren.

An guten Tagen sei Wikipedia besser als jede Soap

Es zeige sich, schrieb Sojka in seiner bitteren Schlussrede, dass "nicht die Argumente und die Fachliteratur die Inhalte eines Artikels bestimmen, sondern die Gruppenbildung und persönliche Animositäten". Er schrieb: "Ich bin hier raus."

Wladyslaw Sojka sagt heute, es wäre wohl strategisch klüger gewesen, deutlich weniger zu schreiben. Er sagt das in Lörrach, in seinem Arbeitszimmer, vor seinem Computer, an dem er so viele Stunden in der Wikipedia verbracht hat.

Wikipedia gefällt ihm nicht mehr, er fühlt sich schlecht behandelt. Er sagt, es sei ein Unding, dass Leute bei allem mitreden könnten, auch bei Themen, von denen sie keine Ahnung hätten, also auch bei Fernsehtürmen.

Er hat die Wikipedia nach dem Streit verlassen, inzwischen hat die Wikipedia-Community ihn ausgeschlossen. Sie wies ihm nach, dass er sogenannte Sockenpuppen benutzt hatte, verschiedene Benutzeridentitäten, um seine Position in Diskussionen zu stärken. Es ist ein Vergehen, das schon prominente Opfer forderte in Wikipedia.

So endete die Autorenkarriere von Wladyslaw Sojka. Aber nur vorläufig. Er ist weiterhin dabei, unter einem neuen Benutzernamen.

Henriette Fiebig sagt, dieser Editierkrieg um den Donauturm zeige, wie ernst die Wikipedianer es nähmen mit dem belegten Wissen. Zwar wolle sie manchmal nichts mehr wissen von dem ganzen Zeug, von den Rechthabereien. "Und dann will ich trotzdem erfahren, wie es weitergeht."

An guten Tagen sei Wikipedia besser als jede Soap.

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Die neuesten Beiträge:
28.04.2010 von Nicola54: Fehler

Der Mann heißt natürlich MENOWIN. Und der letzte Satz ist auch leicht verkorkst... sorry mehr...

28.04.2010 von Nicola54: Merowin Fröhlich

Ich habe mich angesichs der diktatorisch durchgeführten Löschung des Artikels zu Merowin Fröhlich zum "Autorenstreik" entschlossen. Es geht mir nicht um diese Person, sondern einzig und allein um ein bestehendes [...] mehr...

27.04.2010 von Thomas von und zu B.: Richtig!

Und eine Diskussion findet, trotz Nachfrage, nicht statt. Na danke! Ne, auf sowas kann ich voll verzichten. mehr...

26.04.2010 von owler: Die Kirche im Dorf lassen

Natürlich gibt es sowas in Wikipedia, nicht nur für den Donau-(wasauchimmer)-turm. Die Zahl der als "Unbelehrbaren" ist angesichts der mittlerweile über 1 Millionen Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia (die haben [...] mehr...

25.04.2010 von pulegon: Lesen und Verstehen

Halb zitiert und nur halb verstanden? Den Bedarf scheinen sie schon zu haben, wenn sie noch auf meine Beiträge eingehen... Aber ums ihnen mal zu erklären... ich beschränke mich darauf die entsprechende Fachliteratur auf [...] mehr...

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