DER SPIEGEL



ThemaKinoRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2010
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
19.01.2010
 

Kino

Tagelöhner des Ruhms

Von Dialika Krahe

Nollywood: Zweitgrößte Filmindustrie der Welt
Fotos
Guy Calaf / AG. FOCUS

Zwei Drittel der Bevölkerung leben von weniger als einem Dollar am Tag, und doch hat Nigeria die zweitgrößte Filmindustrie der Welt. Nollywood versorgt vor allem Afrika mit Action- und Liebesgeschichten.

Der Tag, an dem ihn Nollywood fast umgebracht hätte, beginnt für Dickson Iroegbu mit einer wichtigen Entscheidung: weitermachen wie bisher, weiter zusehen, wie sie ihre Trash-Filme drehen und sich gegenseitig das Geld zuscheffeln? Oder: einen Anzug anziehen, Nadelstreifen, und diesen Mafiosi sagen, dass es so nicht geht?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser
Es ist Mittwochmorgen, die Sonne schafft es nicht durch den versmogten Himmel von Lagos, die wichtigsten Männer von Nollywood, die Filmemacher, treffen sich unweit des National-Theaters zur Wahl ihres Präsidenten, als Dickson Iroegbu, 32, selbst Filmemacher, Gewinner des African Movie Academy Award, des afrikanischen Oscar, vorbeirauscht an den bewaffneten Polizeileuten, tief einatmet und mit lauter Stimme die Veranstaltung sprengt.

Vor ihm stehen die Damen und Herren mit ihren dicken Sonnenbrillen, ihren Anzügen, ihren Blackberries. Dickson Iroegbu, ein zierlicher Mann, hellbraune Haut, Brille, greift ihre Hände, schüttelt sie, sagt: "Let's make Nollywood happen", sagt, "wir brauchen hier keine Politik", ruft, "warum geht ihr nicht endlich zurück an die Arbeit? Schluss mit der Gier, Schluss mit den Machtspielen". Die Filmemacher schütteln den Kopf, verachten, ignorieren ihn, manche sagen, er solle verschwinden.

Als Iroegbu die Veranstaltung verlässt, hat jemand an seinem schwarzen SUV die Muttern vom linken Vorderrad geschraubt. Er verliert es in voller Fahrt. Kratzer am Wagen, Kratzer an der Stirn, es ist nur ein Zufall, dass ihm nichts Schlimmeres passiert. Neulich sei er vermöbelt worden, sagt Iroegbu. Und dann: "Willkommen im wunderbaren Nollywood."

Nollywood, so nennt sich die riesige, pulsierende Filmindustrie in Nigeria, die von der Unesco nach Bollywood, gemessen an der Zahl der produzierten Filme, zur zweitgrößten Filmindustrie der Welt erklärt wurde. Die Hollywood überholte, ohne dass es die Welt überhaupt bemerkte. Mit Filmen über Familie, Liebe, Ehre. Filmen über Aids, Prostitution und Öl. Über Geister und Kannibalen.

Mit Filmen über Afrika.

Mindestens 900 Filme werden jedes Jahr in Nigeria produziert, doppelt so viele wie in Hollywood. Ein 200-Millionen- Dollar Geschäft in einem Land, in dem noch immer 70 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem US-Dollar am Tag leben, in dem mit Glück zwei Stunden am Tag Strom zur Verfügung steht und das Abwasser in offenen Kanälen durch die Straßen rinnt. Einem Land, das in der Welt bekannt ist für Korruption, für Internetbetrug, Prostitution, Öl - aber bestimmt nicht für seine Filmkultur.

Dickson Iroegbu hat sich in den Kopf gesetzt, das zu ändern. Er will verhindern, dass die Korruption Nollywood ergreift und erwürgt, wie es in fast allen Branchen geschieht. Er will Nollywood sichtbar machen für die Welt, will Qualität beschwören, Kreativität.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 5 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
25.04.2010 von Scarlet Pimpernell: das

mag so im vergleich stimmen, sie berücksichtigen dabei die umstände nicht, unter denen in nigeria gedreht wird. ein großer teil des geldes fliesst in sicherheit (korruption, schutzgeld), sonst ist kein dreh möglich und kein [...] mehr...

25.04.2010 von Scarlet Pimpernell: so

trashig diese produktionen für hightech3D-abgestumpfte augen auch sein mögen, in nigeria sind die, genau wie die hitproduktionen einheimischer musiker, absolut kultig. diese filme unterhalten und bewegen die massen durch alle [...] mehr...

25.04.2010 von Porgy: Ja, warum nicht?

Warum sollten sich denn Nigerianer auch Hollywoodfilme anschauen und , die an ihrer Lebenswirklichkeit (und an ihrem Geschmack) völlig vorbeigehen? Übrigens: ---Zitat--- Im Schnitt kostet ein Nollywood-Film 20.000 [...] mehr...

24.04.2010 von frank_lloyd_right: Wow,

mal wieder ein interessanter Artikel anstelle der ständigen Nabelschau. Der Planet hat noch andere Ecken als USA, EU, China - und er bewegt sich. Die Berichte über Afrika lassen ja seit Jahren stark nach, wir haben [...] mehr...

24.04.2010 von dichter-denker: Trashig für Europäer

Meine Frau ist aus Nigeria und liebt diese Filme über alles. Als Europäer finde ich diese Produktionen eher trashig und technisch total mau. Thematisch sprechen die Produktionen immer afrikatypische soziale Fragen an, deren [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

© DER SPIEGEL 16/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem aktuellen SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 16/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Internet: Das Innenleben von Wikipedia, der größten Enzyklopädie der Welt
  • - Psychologie: Ein US-Forscher durchleuchtet die Hirne von Serienmördern
  • - Extrembergsteigen: Drei Frauen, ein Ziel - der spektakuläre Wettlauf um die Besteigung aller Achttausender
  • - Fußball: Interview mit dem Schalker Stürmer Kevin Kuranyi über seine mögliche Rückkehr ins Nationalteam


Mehr auf SPIEGEL ONLINE






TOP



TOP