Von Simone Kaiser
Die Staatsanwaltschaft sieht R. durch seine Persönlichkeitsstörung zwar in seiner Schuldfähigkeit gemindert, das Unrecht seines Handelns sei ihm jedoch klar gewesen. Es "steht zu erwarten, dass er infolge seines Zustandes weitere erhebliche rechtswidrige Taten begehen wird", heißt es in der Anklageschrift. "Er ist deshalb für die Allgemeinheit gefährlich."
Neben der maßlosen Überhöhung seiner eigenen Persönlichkeit fällt vor allem R.s Mangel an Empathie auf. Seine Tat hat er Gutachter Trott gestanden. Aber von Reue, von Mitleid seinen Opfern gegenüber, fehlt bislang jede Spur.
Der US-Psychologe Peter Langman hat Täter von Schulmassakern begutachtet und Aufzeichnungen, etwa der Columbine-Attentäter, ausgewertet. Einen Mangel an Empathie, wie er auch bei Georg R. diagnostiziert wurde, hält Langman für "ein signifikantes Merkmal aller Amoktäter". Auch dass R. sein Umfeld als minderwertig wahrnahm, scheint symptomatisch: "Es ist leichter, Menschen zu töten, wenn man sie nicht nur als anders, sondern als 'untermenschlich' betrachtet."
Langman unterteilt die Schul-Amokläufer in drei Gruppen: psychotische, traumatisierte und psychopathische. Der Experte konstatiert: "Schul-Amokläufer sind keine normalen Jugendlichen. Es sind Jugendliche mit schweren psychischen Störungen. Diese Tatsache wird oft übergangen oder bagatellisiert."
Die Frage, ob die Tat von Georg R. zu verhindern gewesen wäre, quälte in den Tagen danach nicht nur Ermittler, Lehrer und Mitschüler, sondern auch die Familie von Georg R. Wollte der Sohn, der Bruder gestoppt werden? Hinterließ er aus diesem Grund auf seinem Schreibtisch seinen aufgeschlagenen Schülerkalender von Kaufhof? Auf den linierten Seiten, verziert mit kitschigen Sternchen und Hirschen, hatte er am Tattag die Botschaft eingetragen: "Apocalypse today".
"Alles dringt nur schwer zu mir durch"
Ursprünglich hatte der Schüler das Massaker für den Vortag geplant, bekam dann aber beim Basteln der Brandsätze Schwierigkeiten und verschob die Tat kurzerhand. Doch schon unter dem 16. September hinterließ R. eine beunruhigende Botschaft: "Alles dringt nur schwer zu mir durch. Ist das das Schlafmittel, das doch noch wirkt? Kann mich kaum konzentrieren. Nehme nicht viel von dem wahr, was Menschen mir sagen. MUSS ES BEENDEN!"
Im Blut von R. fand die Polizei jedoch nach der Tat keine Spuren von Medikamenten oder Drogen. Allerdings hatte der Schüler am Morgen des Attentats größere Mengen Tabak geschluckt, wohl um sicherzugehen, die Tat auch dann nicht zu überleben, wenn die Kugeln der Polizei ihn verschonen würden.
Seine verstörenden Briefe an eine gewisse "Summer" hatte R. offenbar niemandem gezeigt und später gelöscht. Einen Familientherapeuten, bei dem er in Behandlung war, will er nur belogen haben, prahlt er in einem Schreiben. Die Polizei glaubt, dass es sich bei "Summer" möglicherweise um die amerikanische Seriendarstellerin Summer Glau handelt.
Die Eltern von Georg R. haben bislang von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Interessant scheint jedoch die Tatsache, dass es wohl - wenn auch unbewusst und indirekt - dem Vater von Georg R. zu verdanken ist, dass es am 17. September keine Toten gab. Denn er, bei dem Georg R. zuletzt wohnte, war jahrzehntelang als Sportschütze in einem Verein aktiv gewesen. Seine Waffen und die Waffenbesitzkarte hatte der Frühpensionär jedoch bereits vor längerer Zeit zurückgegeben.
Ob Georg R. davon wusste oder nicht, ist bislang nicht abschließend geklärt. Fest steht auf jeden Fall, dass Georg R., der "Summer" auch von schwerbewaffneten Amoktätern wie Robert Steinhäuser und Tim Kretschmer erzählte, für sich selbst keine Chance sah, an Schusswaffen zu gelangen.
Der Rechtsanwalt Bernd Hönicka, der den Angeklagten vor Gericht vertritt, will sich vor dem Prozess nicht äußern. Er hat jedoch beim Landgericht beantragt, die Öffentlichkeit bei dem Verfahren auszuschließen.
Davon hält der Leitende Oberstaatsanwalt Gerhard Karl wenig. "Selbstverständlich müssen die Persönlichkeitsrechte des Angeklagten gewahrt werden", sagt Karl. Georg R. habe mit seiner Tat jedoch nicht nur seine Schule, sondern eine ganze Stadt bedroht. "Ein Prozess soll auch zur Verarbeitung einer solchen Tat beitragen. Die Öffentlichkeit hat daher ein Recht auf ein transparentes Verfahren."
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