Von Christian Wüst
Die Leistung einer Solarzelle ist dürftig, gemessen an der - etwa - eines Lamborghini. Der Vergleich liegt nirgends so nah wie in Sant' Agata Bolognese, wo der italienische Sportwagenhersteller seine Fahrzeuge fertigt.
Eine digitale Anzeigetafel, wie man sie sonst etwa als Zählwerk galoppierender Staatsverschuldung kennt, dokumentiert am Haupteingang die ökosaubere Energieernte. Im Jahresmittel soll etwa ein Fünftel des Stromverbrauchs der Produktionsanlagen aus Sonnenkraft gedeckt werden.
Madonna, welch ein Wandel! Kriegen Lamborghinis jetzt ein Gütesiegel wie Biotomaten? Und wer sollte Wert darauf legen?
Die Marke mit dem angreifenden Stier im Emblem bedient traditionell eine Klientel aus der Oberschicht der Halbwelt - Menschen mithin, die eher ihre Bewährungsauflagen studieren würden, als ums Weltklima zu bibbern. Schon die Keimzelle des Unternehmens war eine Todsünde: Rachsucht.
In bestem Camillo-Peppone-Kolorit beginnt die Firmengeschichte Anfang der sechziger Jahre. Der begüterte Traktorenfabrikant Ferruccio Lamborghini hat ein Problem mit der Schaltung seines Ferrari und beklagt sich im Werk, wo ihn Enzo Ferrari prompt als Bauerntölpel beschimpft und vom Hof jagt. Der Geschmähte wirbt kurzerhand einige Ferrari-Ingenieure ab und baut eine Konkurrenzfabrik.
Lamborghini betrieb seine Sportwagenmanufaktur als Hobby. Er leistete sich den Luxus, Autos zu bauen, die immer einen Schuss wilder, verrückter und vor allem ordinärer waren als die Ferraris. Nach seinem Ausscheiden blieb die Firma ein beständiger Sanierungsfall - mal im Besitz von Chrysler, mal von indonesischen Geschäftsleuten. Nachhaltig investiert wurde nie, bis Audi kam.
Der Absturz der Finanzmärkte traf Lamborghini ins Mark
Vor zwölf Jahren kaufte die VW-Tochter das Unternehmen. Aus der Produktionsbaracke wurde eine zeitgemäße Montageanlage. Die Karosserien kommen heute lackiert aus dem Audi-Werk Neckarsulm und werden in Sant' Agata an einem modernen Fließband komplettiert. Aus alten Lamborghini-Zeiten stammt kaum mehr als der Bodenbelag aus roten Fliesen, die unter dem schweren Maschinenpark stellenweise zu Bruch gehen.
Binnen weniger Jahre verwandelte der Großkonzern seine neue Tochter in eine tadellos funktionierende Traumfabrik. Lamborghini machte operativ Gewinne und verzehnfachte seinen Jahresabsatz auf 2400 Autos. Dann kam die Krise.
Der Absturz der Finanzmärkte traf Lamborghini ins Mark. Zu schnell war die Marke gewachsen, um wie Ferrari auf eine gefestigte Stammklientel setzen zu können. 2009 rutschte die Verkaufszahl auf 1500 Autos, in diesem Jahr werden es voraussichtlich noch weniger sein. In den Bilanzen des VW-Konzerns steht Lamborghini wieder für Verluste.
Im einstigen Büro Ferruccio Lamborghinis sitzt ein beredter, akribisch durchgestylter Politologe: Stephan Winkelmann, in Rom aufgewachsen und seit fünf Jahren Lamborghini-Chef; er könnte jederzeit als Hauptdarsteller in einem Gucci-Werbespot einspringen oder in einer Premium-Talkshow mit Umberto Eco über Petrarca parlieren. Zuweilen flaniert er mit lasziv kostümierten Grazien über Messestände. Er hat alles, was den grimmen Konzerneminenzen fehlt - nur derzeit keinen Erfolg.
Winkelmann spricht über die Zukunft, also über die Zeit nach der Krise. Die Menschen werden sich dann "wieder belohnen wollen", sagt er. Und warum nicht mit einem Lamborghini?
Für das Streben nach sozialer Akzeptanz gelten Schmerzgrenzen
Es könnte ein Problem mit der sozialen Akzeptanz geben, meint Winkelmann. Deshalb die Solarzellen, deshalb die Zielsetzung, den Verbrauch durch Kohlefaser-Leichtbau um gut ein Drittel zu senken. Bei heutigen Lamborghinis schwankt er zwischen 13,5 und 21 Litern.
Sant' Agata ist gastfreundlicher geworden, seit Winkelmann regiert. Reisebusse machen halt. Es gibt ein Geschenkestübchen und ein Museum; alles nicht so majestätisch wie bei Ferrari, aber auf dem Weg dahin.
In den äußerst schlicht möblierten Hallen dokumentieren frühe Lamborghinis mitunter joviale Verarbeitungsmethoden. Manches Armaturenbrett gemahnt an Laubsägearbeiten.
Im Eck steht ein jüngeres Modell mit Blaulicht. Eine Hostess erklärt leutselig, dass der Hersteller neuerdings mit Einzelstücken die Polizei versorge. Teil der Ausstattung sei eine Kühlbox für Blut oder Spenderorgane - zur flankierenden Unterstützung von Unfallärzten.
Lamborghini im rasenden Rettungsdienst mit puckernden Humanersatzteilen unter der Haube? Auch für das Streben nach sozialer Akzeptanz gelten Schmerzgrenzen. Winkelmann mahnt zu beständiger Selbstkritik: "Wir sollten nie in das Fahrwasser kommen, dass wir etwas darstellen wollen, was wir am Ende nicht sind."
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© DER SPIEGEL 16/2010
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