SPIEGEL: Herr Graf, alle Welt schwärmt von US-Serien wie den "Sopranos", "The Wire" oder "Mad Men". Die Deutschen könnten solche klugen Stücke nicht, hieß es immer, wir könnten nur "Tatort".
SPIEGEL: Nun haben Sie "Im Angesicht des Verbrechens" gedreht, eine ästhetisch aufwendige Krimi-Serie in zehn Teilen, wie es sie in Deutschland noch nie zu sehen gab: russische Großgangster, fette Hedonisten, ein Osteuropa voller Leidenschaften, West-Berlin als internationale Verbrechermetropole, kampfeslustige deutsche Polizisten. Was genau wollen Sie uns da eigentlich erzählen?
Graf: Rolf Basedow, der Autor, und ich waren davon fasziniert, wie sich Deutschland der Welt öffnen muss und wie damit viel Neues, auch ein neues Böses hineinbricht.
SPIEGEL: Worin besteht dieses neue Böse?
Graf: Vordergründig in Kriminellen von internationalem Format. Das BRD-deutsche Verbrechen war doch mit Ausnahme der RAF nie so richtig auf Weltniveau. Welcher deutsche Gangster konnte mithalten mit den Amerikanern, den Italienern und Franzosen? Negerkalle? Dagobert? Welcher Polit-Skandal? Barschel in der Badewanne? Der Glamour der großen Verbrecher und der großen Thrillerfilme schien immer im Ausland zu glänzen. In diesem etwas perversen Sinn profitieren wir jetzt sozusagen von der Einwanderung der Ost-Kriminalität.
SPIEGEL: Die italienische 'Ndrangheta im Ruhrgebiet, libanesische Clans in Neukölln, die Russenmafia in Charlottenburg: Sollen wir uns freuen, dass die da sind, weil sie uns große Erzählstoffe liefern?
Graf: Nicht wirklich. Wir sehen aber vielleicht mal, was für ein kleines beschränktes Land wir doch sind. Und ästhetisch-erzählend gibt es vielleicht die Möglichkeit zur Befreiung aus der Depressionssoße, die sich seit Jahren über den deutschen Fernsehthriller zu legen droht.
SPIEGEL: Muss man deshalb das Verbrechen als vital feiern? Eigentlich wäre doch sein Untergang wünschenswert.
Graf: Diese Frage hat sich doch längst, spätestens seit Klassikern wie "Der Pate", erledigt. Können Sie sich vorstellen, dass ein moderner Polizeithriller mit der Moral endet, dass Verbrechen sich nicht auszahlt? Die Welt erzählt einem in jeder Minute etwas anderes.
SPIEGEL: Sie schildern vordergründig den Kampf zwischen der russischen Mafia und der Polizei. Sind Sie vielleicht betört von der Allmacht des Bösen?
Graf: Nein. Ich möchte zeigen, wie sich die Fronten ineinanderschieben, bis keiner mehr weiß: Wer ist hier eigentlich böse, wer ist gut? Härte, Bösartigkeit, Verbissenheit und Dunkelheit gibt es über-all in den Seelen. Nicht nur bei den Gangstern. Auch bei den Polizisten.
SPIEGEL: Der provinzielle deutsche TV-Polizist steht meist deprimiert an einer Würstchenbude.
Graf: Nichts gegen das Provinzielle an uns, aber die Beschreibung stimmt in gewissem Sinn leider zu oft. In deutschen Thrillern von heute schleichen die Polizisten oft als sieche Wölfe durch die Straßen.
SPIEGEL: Warum eigentlich?
Graf: Das liegt auch an einem kollektiven Authentizitätsbefehl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Seit 10 oder 15 Jahren heißt es doch: Wir sollen im Krimi nicht über die Verhältnisse leben, wir sollten uns eher mit der deutschen Alltagshölle beschäftigen. Das ist ehrenwert, nimmt aber den Thrillern die Chance zu Appeal und Größe.
SPIEGEL: Was machen Sie anders?
Graf: Basedow macht es anders, nicht ich. Er beschreibt die Kriminalität in allen seinen Drehbüchern anders, immer neu. Ich inszeniere ihm hinterher. Er stellt in der Serie ziemlich vitalen Gangstern zwei recht frohgemute Polizisten gegenüber. Man sieht zwei Jungs, die einen geradezu sportlichen Ehrgeiz in ihrem Job haben.
SPIEGEL: Ist denn das Grundgefühl der deutschen TV-Ermittler nicht zu Recht Vergeblichkeit? Weil es in der Wirklichkeit, besonders in Berlin, auch so ist?
Graf: Bestimmt. Ein älterer LKA-Mann thematisiert dieses Problem, wenn er sagt: "Wir können eigentlich gar nichts mehr machen. In zwanzig Jahren gibt es uns deutsche Polizisten vielleicht nicht mehr. Die organisierten Verbrecher nehmen uns das Gesetz des Handelns aus der Hand. Unsere Chancen werden immer kleiner, und die Tarnung der Gangster wird immer perfekter." Ein frustrierter Bulle. Aber dagegen setzen die jungen Polizisten das Gefühl: "Ich will trotzdem einige von denen kriegen. An irgendwas muss man doch glauben."
SPIEGEL: Vitale Polizisten gegen vitale Verbrecher. Nach zehn Folgen kommt ein Nullsummenspiel heraus. Keiner siegt über den anderen. Alles bleibt, wie es ist.
Graf: Als müsste man am Ende eine kaufmännische Abrechnung machen, wie viele Tote es auf der einen Seite und wie viele Tote es auf der anderen gibt. Die Polizei hier schafft es immerhin, eine illegale Zigarettenfabrik lahmzulegen. Das ist nicht nichts. Und sie enttarnt zwei Verräter in ihren eigenen Reihen.
SPIEGEL: Berlin erscheint bei Ihnen als neue Stadt. Ohne Ghetto, ohne Platte, ganz bürgerlich. Gleichsam wie unter uns.
Graf: Es spielt in einer Welt, die wir nur zu kennen glauben. Darunter kocht und brodelt es, nur wir deutschen Bürgerlein haben keine Ahnung.
SPIEGEL: Die Ostgangster halten uns für spätrömische Dekadenzlinge, fühlen sich überlegen.
Graf: Die Russen sagen zueinander immer wieder: "Denkt daran, wir sind nur Gast in diesem Land." Und dann lachen sie höhnisch. Sie haben sich einfach dort wieder niedergelassen, wo sie schon in den Zwanzigern präsent waren: in Charlottenburg, als wären die alten Stühle dort noch frei.
SPIEGEL: Und glauben nun, die Stadt nach Belieben schröpfen zu können?
Graf: Also, im kriminellen Weltbild gibt es immer nur Stärke oder Schwäche. Man kann dort nur jemanden akzeptieren, der stark ist. Eine Machowelt. Und dann gibt es in der Serie eine Figur wie den deutschen Spediteur Lenz, der mit der Russenmafia zusammenarbeitet. Er ist fett, er ist lebensfreudig. Natürlich benutzen die Gangster ihn. Er ist in gewissem Sinn dummes deutsches Geld.
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...und zwar zu 100 %. Vielleicht wird es dann so wie in einer Techno-Disse. Da brauchen die meisten Gäste auch irgendwelche Drogen, um das dargebotene goutieren zu können. ;) mehr...
schönes Beispiel und genau mein Blick auf die Landschaft. 'Will keiner sehen' dürfte mittlerweile das Killerargument schlechthin sein und deshalb müssen selbst gute Serien wie eben KDD stark überzeichnet daherkommen. Irgendwann [...] mehr...
Wenn ich eine Familienstory sehen will, wähle ich das entsprechende Programm und gut. Wenn ich einen Krimi sehen will, verfahre ich ebenso. Wirklichkeitsfremd ist allenfalls das Geschehen in den hier benannten Serien. Meine [...] mehr...
Letzteres wäre wohl besser, als das tatsächliche Bild der Polizei mancherorts! Ansonsten verstehe ich nach dieser Kritik, was die Freunde der amerikanischen Serie so an diesen schätzen: die abziehbildhaften Darsteller-Models in [...] mehr...
.....mittlerweile gesehen. Dabei wird´s denn wohl auch bleiben! Was war das für ein Hype um diese Mini-Serie. Dabei zeigt sich: Auch der hochgelobte Herr Graf kocht nur mit Wasser! Und zu KDD: Die Serie hatte mal was, weil das [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 16/2010
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