SPIEGEL: Sie haben mal geschrieben: "Thriller und Horrorfilme funktionieren wie eine Couch, auf die sich das kollektive wie das einzelne Ich einer ganzen Kultur legen und auf der es seine Bedrängnisse in Bildern und Geschichten ausdrücken kann." Welche Bedrängnisse zeigen sich in Ihren zehn Folgen?
Graf: Wer wie ich in einer BRD-deutschen Zivilisation groß geworden ist, hat einen ständigen Aufstieg erlebt. Wir haben aber heute ein echtes Zivilisationsproblem. Wir haben keine Zukunftsideen. Wir sind ein verschrecktes Land geworden mit Angst vor der vermeintlichen Fremde.
SPIEGEL: Und bewundern deshalb das Verbrechen?
Graf: Bewundern ist Unsinn. Doch die Kraft eines fast archaischen Clan- und Familiendenkens, das sich unserer Gesellschaft mit Selbstbewusstsein entgegenstellt und das wir bei uns - aus gutem Grund übrigens - längst verloren haben, müssen wir psychologisch zumindest als eine Macht verstehen. Vielleicht sind wir damit ein Stück näher an der Wahrheit und finden andere Lösungen.
SPIEGEL: Sie zeigen diese Macht jenseits der Moral. Hauptsache, es ist farbig.
Graf: Nein, es ist die farbige Realität. Ich schaue auf das von Basedow geschilderte Kriminellenleben mit Verblüffung, manchmal mit Freude. Als Regisseur hatte ich oft das Gefühl, jeder Augenblick in diesem Drehbuch ist doppelt. Er ist hell, lustig, mitunter sehnsüchtig, trägt aber auch die sich anbahnende Katastrophe in sich. Alles hat einen Januskopf. Am Ende des Tunnels warten ja auf die Gangster Tod und Zerstörung.
SPIEGEL: Inzwischen gibt es interessante Rückkopplungen zwischen Fiktion und Wirklichkeit: Echte Gangster versuchen, sich wie im Film zu verhalten.
Graf: Dagobert Lindlau hat schön geschildert, wie die italienischen Mafiabosse Anfang der siebziger Jahre mal wieder ins Kino gingen und, nachdem sie 20 Minuten vom "Paten" gesehen hatten, erstaunt sagten: Hoppla, das sind ja wir! Und waren begeistert. Jeder Film liefert eine Überhöhung zu ihrem kleinen, bösen Leben. Deshalb will ja einer der Sopranos Filmstar werden.
SPIEGEL: Für lustige Aspekte nimmt sich der deutsche Krimi kaum Zeit. Warum geht es dort immer so ernst zu?
Graf: Tut es nicht. Es ist oft sogar viel zu lustig und viel zu privat im deutschen Thriller. Wo es bei Basedow lustig wird, da geht es um das zwangsläufig Menschliche an jeder Figur.
SPIEGEL: Geht es Ihnen eigentlich um Erkenntnis? "The Wire" beschäftigte sich mit Korruption und Drogenhandel in einer normalen amerikanischen Stadt.
Graf: "The Wire" ist unserer Serie strukturell nicht ganz unähnlich, weil sie sich Folge für Folge auf eine Person oder einen Aspekt der Geschichte beschränkt.
SPIEGEL: Vor allem aber erklärt "The Wire" dem Zuschauer wie keine Serie je zuvor die Bedingungen von Chaos und Verbrechen. Geht es bei Ihrer Serie auch um eine solche Zeitdiagnose?
Graf: Bei Basedow geht es immer um Strukturen, Orte, Wege, Verbindungen. Ich hatte spätestens beim Lesen der zweiten Drehbuchfassung das Gefühl, dass ich sehr viel erfahre über Abläufe, über die Organisation des Verbrechens, über Machtlosigkeiten der Polizei. Aber: Die Realität ist zwar das primäre Anliegen, trotzdem legt einem der Realismus in deutschen Filmen oft einen Bleifuß an. Ich finde, bei Basedow ist Realismus Grundierungsmittel, um Fiktion, Emotion und manchmal auch Mythos zu erzeugen.
SPIEGEL: Kann man im Fernsehen das bessere Kino machen?
Graf: Im sogenannten TV-Movie-Thriller und im "Tatort" entwickelt sich seit den neunziger Jahren der Hang zu Einsamkeitsfiguren und zu sanften Detektivinnen - das hat mit dem Polizeifilmgenre kaum mehr etwas zu tun. Das Genre wird fürs Publikum in Komödie und Familienmelodram zersetzt. Die Härte, die auch zum Polizeifilm gehört, ist seit langem verpönt. Der Traum vom besseren Kino ist im Fernsehen der letzten Jahre an brachial gesetzte Grenzen gestoßen.
SPIEGEL: "The Wire" und "Mad Men" leben von narrativem Überschuss: hier noch ein neuer Strang, dort ein näheres Ausleuchten einer Figur. Es werden schon Vergleiche mit Balzac oder Tolstoi angestellt.
Graf: Ja? Ich habe eher das Gefühl, dass die amerikanischen Serien momentan zu Dramaturgiemaschinerien zu verkommen drohen. Jede Minute eine neue Idee, bloß weiter, weiter, weiter bis zum nächsten Plotpoint. Das widerspricht ja eigentlich völlig dem Romanesken. Und "The Wire" oder die "Sopranos" sind da schon eher Ausnahmen. Die Amerikaner neigen dazu, viel zu selten Orte und die dort vergehende Zeit im Film zu erzählen.
SPIEGEL: Sie nehmen sich Zeit.
Graf: Ja. Eine Trauerfeier darf acht Minuten dauern. Da wird gesungen, geheult, geprügelt, dann kommt ein Plotpoint, weil der Held entdeckt, der Mörder ist ja mitten unter uns. Es wird kurz spannend - aber dann wird noch einmal gesungen. Das mag ich sehr, denn es geht um schie-re Emotion.
SPIEGEL: Herr Graf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führten Nikolaus von Festenberg und Philipp Oehmke
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© DER SPIEGEL 16/2010
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