Von Frank Dohmen
Wie das funktionieren kann, zeigt der Weltkonzern heute schon im dänischen Brande. Dort hat Siemens eine Montagelinie zur industriellen Fertigung von Offshore-Windrädern in Betrieb genommen. Rund 30 der Maschinen verlassen Woche für Woche das Fabrikgelände. Eine weitere Fertigung soll in Großbritannien aufgebaut werden.
Auch die in Emden ansässige Firma Bard Engineering hat sich gewissenhaft auf das industrielle Offshore-Zeitalter vorbereitet. Mit seinem eigenwilligen Gründer, dem ehemaligen russischen Gasmanager Arngolt Bekker, gehört Bard heute zu den Pionieren der Offshore-Bewegung.
Bereits im Jahr 2003 hatte der Unternehmer die Idee, große Windparks vor den Küsten Deutschlands aufzubauen, um das Land von dort mit Strom zu versorgen. Auch einige Millionen Euro Startkapital hatte Bekker dazu mitgebracht.
Was fehlte, erinnert sich Bard-Geschäftsführer Heiko Roß, waren Firmen, die in der Lage waren, die für die Pläne notwendige Ausrüstung und Geräte zu liefern. "Nichts wirklich Einsetzbares war vorhanden", sagt der Geschäftsführer.
Der Aufbau der anspruchsvollen Windräder soll zur Routine werden
Da Bekker jedoch nicht von seiner Idee ablassen wollte, begann Bard die Technik und Produktionsanlagen Stück für Stück selbst zu entwickeln. So baute das in Bremen, Cuxhaven und Emden ansässige Unternehmen für rund 60 Millionen Euro ein eigenes Schiff mit Namen "Wind Lift 1", mit dem Windturbinen selbst unter schwierigsten Wetterverhältnissen auf dem Meeresboden verankert werden sollen.
"Aufbau- und Wartungsteams", sagt Roß, "haben wir selber ausgebildet." Und auch die anspruchsvollen Offshore-Windräder erstellt das Unternehmen in Eigenregie. Dazu wurden im Hafen von Emden riesige Hallen gemietet. Dort baut nun ein Teil der mittlerweile rund tausendköpfigen Bard-Belegschaft in unzähligen Einzelschritten die mehr als 60 Meter langen Hightech-Rotorblätter zusammen.
In einem weiteren Trakt montieren Bard-Mitarbeiter das gesamte Innenleben der Windtürme. Und auch die sogenannten Gondeln, in denen der Stromgenerator und das Getriebe jedes Windrades untergebracht sind, werden in den Hunderte Meter langen Hallen in Serie gefertigt.
Genau 25 dieser Gondeln, jede fünfmal so schwer wie ein Kampfpanzer, lagern auf dem Gelände in Emden. Sie sollen in den nächsten Wochen ihre Reise Richtung Nordsee antreten. "Montiert werden sie dann knapp hundert Kilometer vor Borkum", erklärt Geschäftsführer Roß.
80 Anlagen mit einer Leistung von jeweils fünf Megawatt will Bard dort aufstellen. Das entspricht der Leistung eines mittleren Kohlekraftwerks. Dabei soll Bard Offshore 1 nur der Auftakt zu einer Reihe weiterer Kraftwerke im Meer sein, die in den kommenden Jahren entstehen sollen. Allein die Firma Bard plant die Errichtung von zwölf ähnlichen Parks. Jetzt, da man alle notwendigen Schiffe und Teile habe, "sollte der eigentliche Aufbau zur Routine werden", hofft Roß.
Das Spiel der "wirklich großen Jungs"
Auch bei Großkonzernen wie E.on, RWE, EnBW oder Vattenfall glaubt man, die "steile und teure Lernkurve" (Mastiaux) nach den Erfahrungen mit dem Forschungswindpark Alpha Ventus abgeschlossen zu haben. Nun werde von den derzeit rund 25 lizenzierten Windparks einer nach dem anderen zügig aufgebaut, versprechen die Konzernchefs.
Das Spiel der "wirklich großen Jungs" spiele sich noch weit jenseits der deutschen Küste ab, sagt Martin Skiba, Leiter des Geschäftsbereichs Offshore bei RWE und früherer Chefentwickler beim Turbinenhersteller Repower.
Vor den Küsten Belgiens, der Niederlande, Irlands und Großbritanniens stecken Großkonzerne wie die französische EDF, die spanische Iberdrola, Scottish and Southern Energy, General Electric oder deutsche Unternehmen wie Siemens, E.on und RWE gerade die Zukunft für die europäische Energieversorgung ab.
So hat RWE vor der Küste Belgiens zusammen mit Partnern den ersten Abschnitt eines Windparks mit rund 60 Anlagen errichtet. E.on ist in Dänemark und Großbritannien aktiv. Und fast im Monatsrhythmus kommen neue, immer größere und spektakulärere Projekte hinzu.
Gewaltigste Offshore-Projekt von Großbritannien geplant
Erst vor wenigen Wochen hat etwa Großbritannien die Ausschreibung für das bisher gewaltigste Offshore-Projekt weltweit abgeschlossen. Neun Windparks von bisher nicht gekanntem Ausmaß sollen bis zum Jahr 2020 vor den Küsten des Königreichs entstehen. Rund 32 Gigawatt Leistung sollen sie haben. Die Investitionskosten dürften bei mehr als 110 Milliarden Euro liegen. Selbst wenn noch nicht völlig sicher ist, ob wirklich alle Teile des Projekts realisiert werden. Im ersten Zugriff wurden sämtliche Flächen an internationale Bieterkonsortien vergeben. Auch deutsche Konzerne wie Siemens, E.on und RWE kamen zum Zuge.
So will RWE mit Partnern zusammen sogar den größten britischen Windpark bauen. Das Prestigeobjekt liegt in der Doggerbank in der Nordsee. Rund zwölf Milliarden Euro, schätzt RWE-Manager Skiba, wird das Projekt den Essener Konzern und seine Partner kosten. Doch das, glaubt auch sein Chef Vahrenholt, sei sinnvoll investiert. Die in der Nordsee angetretenen Konzerne haben eine kühne Vision.
In einigen Jahren könnten die großen Offshore-Windparks vor den Küsten mit speziellen Kabeln untereinander verbunden werden. Zusammen mit Wasserkraftspeichern in Skandinavien würde so ein sauberer Kraftwerkspark von ungeahntem Ausmaß entstehen. Wegen der großen Entfernungen könnten regionale Wetterschwankungen besser ausgeglichen werden als bei einzelnen Windparks. Damit könnte ein guter Teil des europäischen Strombedarfs vielleicht aus dem Meer gedeckt werden. "Diese Zeit wird kommen", glaubt Wind-Pionier Vahrenholt. "Allerdings werden bis dahin noch 10 oder 20 Jahre vergehen." Und erst dann können konventionelle Kraftwerke in größerem Umfang wirklich stillgelegt werden.
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