Von Tobias Rapp, Christian Schwägerl und Gerald Traufetter
Irgendwann ist seine Geduld aufgebraucht. So aufgebraucht wie die Luft in dem kleinen Konferenzraum. Keine Sekunde länger will er stillhalten.
Der Westen habe sich verpflichtet, 80 Prozent Treibhausgase einzusparen. "Und im Gegenzug sagt China, das bald die größte Wirtschaftsnation der Welt sein wird, gegenüber der Welt: Engagements gelten für euch, aber nicht für uns."
Sarkozy ist jetzt in Fahrt, ruft in feinstem Französisch: "Das ist nicht hinnehmbar!" Da ist der Eklat. Und Sarkozy facht die diplomatische Schlacht weiter an: "Es geht um das Wesentliche, man muss auf diese Scheinheiligkeit reagieren!"
Alles Gemurmel im Saal verstummt, selbst die Handys klingeln nicht mehr. Es ist Freitag, der 18. Dezember 2009, gegen vier Uhr Nachmittag, als im Kopenhagener Kongresszentrum die Rettung der Welt abgesagt wird.
Der äthiopische Premierminister Meles Zenawi ist zugegen, stellvertretend für den afrikanischen Kontinent, nicht weit von ihm entfernt Mexikos Präsident Felipe Calderón. Nur ein Staatenlenker fehlt - symbolhaft für das Scheitern des Klimagipfels: der chinesische Premierminister Wen Jiabao.
Stattdessen sitzt Obama dem Vize-Außenminister He Yafei gegenüber. Ein diplomatischer Affront, der im Laufe des Treffens noch zur Sprache kommen wird.
Selbst drei Monate nach den denkwürdigen Ereignissen auf dem Klimagipfel in Kopenhagen meint sich Chinas Staatsführer öffentlich dafür rechtfertigen zu müssen, weshalb er damals nicht im Raum war. Und noch immer rätseln die Beteiligten selber darüber, was sie während der Verhandlung eigentlich beschlossen haben und was nicht.
Die Klimapolitik taumelt seit dem Showdown von Kopenhagen wie ein waidwundes Tier im Todeskampf - zu betrachten auch auf dem Treffen, das diese Woche auf dem Bonner Petersberg läuft.
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"Worauf warten wir noch?" Bundeskanzlerin Merkel hebt auf Englisch die Stimme. Sie will die strauchelnde Verhandlung zurück auf Kurs bringen. Im Plenum nebenan langweilen sich über 100 weitere Staatschefs, die offenkundig nichts zu melden haben. Düpiert warten sie darauf, dass bei dem Gipfel der 25 irgendein Papier herauskommt.
Orientierungslos im Gestrüpp der internationalen Klimapolitik
Längst hat sich eine beklemmende Stimmung in den Messehallen ausgebreitet. Das bunte Volk der Umweltaktivisten wurde bereits von der Konferenz ausgesperrt. Ihre Stände stehen verlassen herum im Niemandsland der Weltenretter.
Im Raum "Arne Jacobsen" eröffnet der dänische Premierminister Lars Lokke Rasmussen die Sitzung. Er ist der Hausherr, unerfahren in den Spielregeln auf der Weltbühne, orientierungslos im Gestrüpp der internationalen Klimapolitik. Man habe einen Vertragsentwurf ausgearbeitet, der die Bedenken der beteiligten Länder aufnehme. "Ich glaube, wir müssen nun fragen, ob es irgendwelche Einwände gibt", sagt er leise.
In seiner Stimme schwingt kaum noch Zuversicht mit. Dann übergibt er an einen seiner juristischen Berater, der den Staatschefs Korrekturen für Fehler diktiert, die sich beim hastigen Zusammenschreiben des Vertragsentwurfs eingeschlichen haben.
Wann ist das schon mal vorgekommen auf einer internationalen Konferenz, dass sich die Häuptlinge mit solchen Details herumplagen müssen? "Ich glaube nicht, dass es so etwas schon gegeben hat, und ich bin nicht sicher, ob es so etwas jemals wieder geben wird", sagt Uno-Verhandlungschef Yvo de Boer dazu.
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© DER SPIEGEL 18/2010
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