Von Tobias Rapp, Christian Schwägerl und Gerald Traufetter
Ebenso wie die Europäer will der US-Präsident die neuen Wirtschaftssupermächte China und Indien eigentlich zum Klimaschutz verpflichten. "Ich glaube, es ist wichtig zu berücksichtigen, dass bedeutende Verteilungsgerechtigkeiten bedacht werden müssen", sagt er mit markantem Timbre, das staatsmännische Weitsicht suggeriert.
Obama erinnert daran, dass auch die Industrieländer auf den Willen ihrer Bürger angewiesen seien, einen Beitrag zur Klimarettung zu leisten. "Ressourcen von unseren Ländern in jene der Entwicklungsländer zu transferieren ist eine schwere Bürde", sagt Obama und wendet sich direkt an China: "Wenn es in diesem Prozess keinen Sinn für Gegenseitigkeit gibt, wird es schwer werden, jemals einen Schritt weiter zu kommen."
Schließlich spricht Obama sogar den diplomatischen Affront an, den sich Chinas Staatschef mit seiner Abwesenheit erlaubt hat: "Ich respektiere zutiefst den chinesischen Vertreter hier, aber ich weiß auch, dass hier ein chinesischer Premier ist, der wichtige politische Entscheidungen trifft. Er gibt Ihnen in dieser Phase Instruktionen."
Doch dann fällt Obama den Europäern in den Rücken. Der US-Präsident will nun die konkreten Einsparungsziele ausklammern: "Wir versuchen, später außerhalb dieses multilateralen Rahmens eine Gelegenheit zu finden, dies zu lösen." Er sage dies in der Hoffnung, dass China noch an einer Übereinkunft interessiert sei.
Am Schluss seines insgesamt 3 Minuten und 42 Sekunden langen Vortrags redet er dann sogar die Bedeutung dieser Klimakonferenz klein. Barack Obama sagt: "Wir müssen Fortschritte erzielen, denn alle von uns haben noch andere außergewöhnlich wichtige Geschäfte zu erledigen."
Einigen im Saal wird mulmig. Auf welcher Seite steht Obama eigentlich? Innenpolitisch kann er mit dem Klimathema nicht punkten. Rechtlich verbindliche Zusagen, so die Einschätzung, will er sowieso nicht abgeben, weil die ihm zu Hause vom Kongress um die Ohren gehauen werden. Interessiert ihn also nur, als durchsetzungsstarker Staatsmann aus Kopenhagen abzureisen?
Demütigung für Angela Merkel
Fest steht nun: Obama und die Chinesen sitzen in Wahrheit in einem Boot; und die Europäer sind kurz davor zu ertrinken.
Selbstbewusst weist der Chinese die Kritik Obamas zurück. "Ich spreche hier nicht für mich selbst. Ich spreche hier im Namen Chinas." Dann nimmt er sich die Entgleisung des Franzosen vor: "Ich hörte Präsident Sarkozy reden über Scheinheiligkeit. Ich vermeide solche Begriffe. Ich vertraue auf Argumente und auf historische Verantwortung."
He Yafei belehrt die Runde mit einem historischen Exkurs: "In den letzten hundert Jahren haben die Industrienationen 80 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen verursacht. Wer das Problem geschaffen hat, ist verantwortlich für die Katastrophe, der wir heute ins Auge blicken. Laufen Sie davor nicht weg."
Was für eine Demütigung ist das für Angela Merkel. Es werden später Fotos gemacht, die zeigen sie in ihrem rosafarbenen Seidenblazer mit grauem, eingefallenem Gesicht. Nach außen versucht sie, eine würdevolle Fassade zu wahren. Sie spricht von einer "neuen Weltklimaordnung", die man in Kopenhagen erreicht habe. Gegenüber Vertrauten zeigt sie sich später wütend über das Scheitern. Insgeheim schwört sie sich, dass sie keine zweite Blamage dieser Art riskieren wird. Die Machtdemonstration der Chinesen und Inder, aber auch die Taktiererei Obamas setzen der Kanzlerin sehr zu.
Sie muss sich ziemlich einsam gefühlt haben in diesem Saal mit den senfgelben Wänden. Und das Spiel des Chinesen ist noch nicht vorbei: "Ich habe eine Verfahrensfrage", meldet He Yafei sich zu Wort. "Wir brauchen ein paar Minuten für Konsultationen." Gemeint ist damit: Er muss mit seinem Premierminister telefonieren.
Merkel fragt: "Wie lange?"
Verhandlungsführer Rasmussen entscheidet: "Wir treffen uns wieder um halb fünf. In 40 Minuten."
Doch dazu kommt es gar nicht mehr. Die wichtigen Entscheidungen werden woanders getroffen - ohne die Europäer. Ein Stockwerk tiefer haben die Inder einen Raum reserviert; darin trifft sich Indiens Premier Singh mit seinen Kollegen Lula da Silva aus Brasilien und Jacob Zuma aus Südafrika. Und auch Wen Jiabao ist da.
Kurz vor 19 Uhr platzt US-Präsident Barack Obama in die traute Runde der aufstrebenden Wirtschaftsmächte.
Mageres Resultat
Bei diesem Treffen fliegt alles aus dem Vertragsentwurf, was den Europäern heilig war, vor allem konkrete Einsparungsziele. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als später das magere Resultat abzunicken - ebenso wie den Diplomaten all der anderen machtlosen Länder, die man im Plenum hat warten lassen.
Einer hat sich inzwischen viele Gedanken darüber gemacht, was er im Dezember 2009 im Raum "Arne Jacobsen" erlebt hat: der mexikanische Umweltminister Juan Elvira Quesada. In diesem November muss sein Land den Gastgeber für den nächsten großen Klimagipfel spielen.
Quesada hat in Kopenhagen gelernt, dass das bisherige Verfahren nichts bringt: "Wenn mehr als 190 Staaten zu einem Konsens finden müssen, ist das einfach zu kompliziert."
Das mühsam in kleiner Runde errungene Papier will er in Cancún am liebsten gar nicht mehr anfassen. Quesada sagt: "Wenn wir einfach mit dem Kopenhagen-Papier weitermachen würden, wäre das ein Desaster."
Anmerkung der Redaktion: In der Print-Version dieses Textes wurde der Dialog mit Merkel dem indischen Premierminister Manmohan Singh zugeordnet. Das Bundeskanzleramt schreibt diese und die folgenden Aussagen des indischen Vertreters dagegen einem niedrigrangigeren Mitglied der indischen Delegation zu.
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