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Ausgabe 18/2010
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03.05.2010
 

Debatte

"Untätig und unsichtbar"

Von Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier

Griechenland-Krise: Abrechnung mit der Kanzlerin
Fotos
Getty Images

Lehren aus der Griechenland-Krise

Sechzig Jahre Frieden in Europa sind ein Erfolg ohne Beispiel. Die europäische Einigung ist das Ergebnis kluger, mutiger Politik. Sie beruht auf der Erkenntnis: Wer stets auf seinem kurzfristigen Vorteil beharrt, der steht am Ende ohne Freunde da. Wer bereit ist, solidarisch zu handeln, der gehört langfristig zu den Gewinnern.

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Das gilt für niemanden so sehr wie für uns Deutsche in der Mitte unseres Kontinents. Wir sind der größte Gewinner der europäischen Einigung. Wenn der Schwung fehlte, trieben deutsche Kanzler Europa mit visionären Ideen immer wieder voran. Als Helmut Schmidt 1978 Giscard d'Estaing die Möglichkeit einer europäischen Währung erläuterte, tippten sich viele mit dem Finger an die Stirn. Gut 20 Jahre später, mit Helmut Kohl an der Spitze, wurde der Euro Wirklichkeit.

Der Euro ist die europäische Antwort auf das globale Zeitalter. Und wieder profitieren wir Deutsche besonders davon. Zwei Drittel unserer Exporte gehen in die Staaten der EU. Die deutsche Wirtschaft spart jedes Jahr rund zehn Milliarden Euro, weil Kurssicherungsgeschäfte weggefallen sind. In der vergangenen Dekade sind in der Euro-Zone 16 Millionen neue Jobs entstanden, auch dank wachsenden Interesses globaler Investoren.

"Solidarität mit Griechenland ist der beste Selbstschutz für uns Deutsche"

Deutschland braucht den Euro - ebenso wie Europa. Ohne gemeinsame Währung hätte die Wirtschafts- und Finanzkrise unseren Kontinent noch härter getroffen. Die Staaten der Euro-Zone sind längst eine Schicksalsgemeinschaft, untrennbar miteinander verwoben. Griechenlands drohende Staatspleite ist eine innereuropäische Familienangelegenheit. Da sind klare Worte fällig, aber niemand bekommt den Stuhl vor die Tür gesetzt. Nicht nur die Moral, auch die Vernunft spricht für eine schnelle Rettung. Griechenland fallenzulassen käme die Steuerzahler in Deutschland noch viel teurer zu stehen. Solidarität mit Griechenland ist der beste Selbstschutz für uns Deutsche.


Die Lage ist dramatisch. Wie im September 2008 ist die Krise vor allem eine Vertrauenskrise, die immer weiter um sich zu greifen droht. Damals, nach der Lehman-Pleite, hat die Politik mit entschlossenem Handeln Vertrauen wiederhergestellt.

Das ist diesmal anders. Dabei ist die Situation zurzeit sogar dramatischer als 2008! Diesmal geht es nicht mehr nur um das Vertrauen in den Markt, es geht um das Vertrauen in den Staat selbst - nicht nur in Griechenland, auch bei uns.

Die Bundeskanzlerin hat versucht, das Ausmaß der Krise mit Blick auf die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am kommenden Sonntag zu vertuschen. Sie hat Entscheidungen verschleppt, Krisenfolgen verschwiegen, die Menschen in dieser zentralen Frage hinters Licht geführt. Diese Bundesregierung wird ihrer Verantwortung nicht gerecht.

"Die Bundesregierung sendet widersprüchliche Signale aus"

Wenn in Europa eine Krise ausbricht, schauen alle auf Deutschland. Unser Land hat nach dem September 2008 auf der europäischen Bühne maßgeblich die Agenda bestimmt. Jetzt sind wir dort die Getriebenen. Die Bundeskanzlerin sonnte sich lieber im innenpolitischen Licht als eiserne Kanzlerin, ihr Taktieren hat das Ansehen und das Gewicht unseres Landes beschädigt. Seit Monaten sendet die Bundesregierung widersprüchliche Signale aus, die die Verunsicherung in den Märkten weiter geschürt haben. Jeder Tag ohne Klarheit hat die Zinsen in Griechenland weiter nach oben getrieben. Diese Bundesregierung hat den Brand erst schwelen lassen, dann durch gravierende Versäumnisse und Mutlosigkeit weiter angefacht. Jetzt schlagen die Flammen hoch, der Funkenflug setzt ein und bedroht Nachbarn - und jetzt erst ruft Frau Merkel nach der Feuerwehr.

Das europäische Einigungswerk, die Basis für Frieden und Wohlstand, ist gefährdet. Wir stehen zu unserer Verantwortung. Aber handeln muss zuerst die Bundesregierung. Portugal und Spanien sind mittlerweile von der Vertrauenskrise angesteckt worden. Die Aufgabe lautet darum: schnell und umfassend handeln - und zugleich das Richtige tun. Eine dürre Bitte der Bundesregierung an das Parlament um Zahlungsermächtigung für Athen reicht als Krisenmanagement nicht aus. Wir erwarten ein Gesamtkonzept, das die Krise an der Wurzel packt und keinen der Verantwortlichen aus der Pflicht lässt.

Frisches Geld für Griechenland reicht allein nicht aus, damit Vertrauen zurückkehrt. Voraussetzung für jede Hilfe ist, dass Griechenland auf den Pfad solider Finanzen zurückkehrt. In spätestens drei Jahren, wenn Athen sich wieder ausschließlich selbständig an den Finanzmärkten refinanzieren soll, muss klar sein: Griechenland hat die Lehren aus seiner Beinahepleite gezogen. Die Anstrengung, die den Menschen und der Politik bevorsteht, ist gigantisch. Sie verdient keinen Hohn, sondern Respekt. Die antigriechische Stimmungsmache, die manche in Deutschland verbreiten, ist einfach nur schäbig.

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insgesamt 12 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
04.05.2010 von lomay: es...

...tut gut, hier einmal zu lesen, dass es in diesem Land nicht nur Idioten gibt, die stets "Exportweltmeister" werden wollen, ohne sich darüber klar zu sein, was das auch für negative Folgen für ein Land wie [...] mehr...

04.05.2010 von TurmaGW: Das Problem ist nicht ...

solidarität und Währungssützten, es ist nicht der deutsche Export in das EU Ausland und schon garnicht mal die angeblich 16 Millionen neuen Arbeitsplätze. Es ist schlicht und ergreifend das wir nun dazu gezwungen werden BÜRGE(r), [...] mehr...

04.05.2010 von mh01973: ...

Steinbrück und Steinmeier schreiben im Artikel: "Die Anstrengung, die den Menschen und der Politik bevorsteht, ist gigantisch. Sie verdient keinen Hohn, sondern Respekt. Die antigriechische Stimmungsmache, die manche in [...] mehr...

04.05.2010 von tomcatXXX: Brandstiftung

Wenn der eine Brandstifter den anderen Brandstifter, Brandstifter nennt, kommt deutsche Politik dabei heraus. Schon in den 16 Jahren Kohl haben wir es gewusst. Aber dann kam die Wiedervereinigung und alle waren happy und da hiess [...] mehr...

04.05.2010 von mh01973: Kommen Sie mal runter

Steinbrück und Steinmeier alleine waren schon besser als die ganze Truppe von Blendern und Clowns. Stellen Sie sich Steinbrück als Finanzminister vor - das Zögern von Schwarz-Gelb und das Theater in der BILD haben dazu geführt, [...] mehr...

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Zum Autor

dpa
Peer Steinbrück, Jahrgang 1947, war von November 2005 bis Oktober 2009 Bundesfinanzminister in der Großen Koalition. In dieser Zeit war er auch stellvertretender SPD-Chef. Bevor er ins Bundeskabinett einzog, regierte Steinbrück von November 2002 bis Juni 2005 als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen. Seit Oktober 2009 sitzt er als Abgeordneter für die SPD im Bundestag.

Mehr zu Peer Steinbrück auf der Themenseite...

Zum Autor

DDP
Frank-Walter Steinmeier, Jahrgang 1956, ist seit September 2009 Chef der SPD-Bundestagsfraktion. Zuvor war der Jurist von November 2005 bis Oktober 2009 Außenminister in der Großen Koalition. Zwei Jahre lang hatte Steinmeier zudem das Amt des Vizekanzlers inne. Unter Gerhard Schröder leitete der SPD-Politiker von 1999 bis 2005 das Bundeskanzleramt.

Mehr zu Frank-Walter Steinmeier auf der Themenseite...

Rettungspaket für Griechenland

Die Hilfe

AFP
Griechenland erhält in den nächsten drei Jahren Notfallkredite in Höhe von maximal 110 Milliarden Euro vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und den Euro-Ländern. Diese Kredite bekommt das Land zu erheblich günstigeren Konditionen als auf dem Kapitalmarkt.

Die Helfer

Die Kosten für die Euro-Länder

Bedingungen und Risiken

Risiken für den deutschen Steuerzahler

Wer dem Paket noch zustimmen muss

Die Konditionen im Detail

Volumen

AFP
Griechenland erhält bis 2012 Notfallkredite in Höhe von maximal 110 Milliarden Euro vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und den Euro-Ländern. Im ersten Jahr werden alle Euro-Länder bilaterale Hilfen über insgesamt bis zu 30 Milliarden Euro bereitstellen. Auf Deutschland entfallen 2010 bis zu 8,4 Milliarden Euro. Spanien hat 3,6 Milliarden Euro angekündigt, die Niederlande 1,8 Milliarden Euro. Der Internationale Währungsfonds (IWF) will vom gesamten Programm etwa ein Drittel übernehmen, das wären damit bis zu 15 Milliarden Euro.

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