Von Birger Menke
Vor allem in den Fächern Politik und Wirtschaft greifen Lehrer lieber auf frisches Material als auf angestaubte Standardwerke zurück - zumal sie die aktuellen Entwicklungen selbst oft nicht einschätzen können. So wurden an Nordrhein-Westfalens Hauptschulen im vergangenen Schuljahr 78 Prozent aller Politikstunden von fachfremden Lehrern unterrichtet, an Realschulen waren es gut 60 Prozent, an Gymnasien noch rund 30 Prozent.
Die druckfrischen Unterrichtsmaterialien von Anbietern wie der Arbeitsgemeinschaft sind da für manche Lehrkraft eine große Hilfe. Markus Lüske, 51, Wirtschaftskundelehrer an einer Gewerbeschule im fränkischen Buchen, nutzt die Arbeitsblätter aus Berlin seit vier Jahren. "Ich brauche aktuelles Material, die Lehrbücher reichen nicht", sagt er. Das letzte Mal griff er zu, als er seinen Schülern erklären musste, was Investmentfonds sind. Das Material der Arbeitsgemeinschaft aus dem Programm "Hoch im Kurs" kam ihm da gerade recht.
"Hoch im Kurs" vermittelt freilich nicht nur theoretische Grundlagenkenntnisse. Es klärt die Schüler auch darüber auf, wie sie ihr Geld später anlegen können, und zwar hoch professionell - schließlich hat der Verein das Schriftwerk in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) erstellt.
Lehrer Lüske sagt, er prüfe Material immer, bevor er es verwende. Und er habe gewusst, dass der BVI Mitherausgeber ist: "Wenn man das den Schülern transparent macht, ist das in Ordnung." Zwar habe er sich gewundert, dass das aufwendig produzierte Heft kostenlos sei, aber letztlich erfülle es seinen Zweck.
Einfallstor für private Anbieter
Die Arbeitsgemeinschaft kennt die Nöte der Lehrer. "Wenn es aktuelle und kostenfreie Materialien nicht gäbe, hätten viele Schulen Schwierigkeiten", sagt Geschäftsführer Jäger. Und da die Kultusministerien die Verantwortung für das Unterrichtsmaterial immer mehr den Schulen überlassen, wird das Einfallstor für private Anbieter immer größer. Die Länder schauen darauf, weiß Jäger, "welche Kompetenzen die Schüler erwerben" - das Wie scheint einerlei.
Das ist die Chance für Lobbyisten wie den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, der unter dem Motto "Safety 1st" ein Online-Portal, ein Schülermagazin und Unterrichtsmaterial anbietet. Das Thema: Soziale Sicherung und private Vorsorge. Die Arbeitsgemeinschaft erstellt das Material, sorgt für den Vertrieb, der Verband zahlt.
Auf dem Markt für Lehrmittel tummeln sich inzwischen auch eher kuriose Anbieter, vom Kaugummihersteller Wrigley, der es mit Arbeitsmappen wie "Kau dich schlau" oder "Kauen mit Köpfchen" versucht, bis zum Verband Deutscher Mineralbrunnen, der am Ende scheinbar nur ein Ziel kennt: dass Schüler möglichst viel Mineralwasser im Unterricht trinken.
Dass manche der allzu platten Unternehmens-PR am gesunden Menschenverstand der Lehrer abprallt, hilft der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung bei der Akquise. Sie bringt bei Konzernen, Verbänden und Institutionen ihre vermeintliche Reputation ins Spiel - in einem Werbebrief heißt es: "Nutzen Sie die Chance eines wachsenden Marktes für Ihre Unternehmenskommunikation." Lehrer seien kritisch, schreibt der Verein, "aber nur über sie führt der Weg zu den Schülerinnen und Schülern."
Und Kontakte zu Lehrern hat die Arbeitsgemeinschaft in Massen: Nach eigenen Angaben verfügt sie über die Adressen von mehr als 100.000 Lehrkräften, "die bei uns schon bestellt haben". Das Magazin, das für Neuerscheinungen wirbt, wird an 18.600 Lehrer verschickt.
Die FDP kräftigt ihren Ruf als Klientel-Partei
"Direkt-Marketing" nennt der Verein seine Dienste oder auch "Schulkommunikation", und das zu beträchtlichen Tarifen: 3750 Euro berechnet er laut Preisliste 2010 den Auftraggebern aus der Wirtschaft für die Erstellung eines Arbeitsblatts. Einnahmen, an denen weniger der gemeinnützige Verein, sondern vor allem der Universum Verlag partizipiert - und mit ihm die FDP, die auch bei der Bildung ihren Ruf als Klientel-Partei kräftigt.
Allmählich macht dieser Umstand auch unter kritischen Pädagogen die Runde. Helmut Bieber, Vorstandsmitglied der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung, beklagt vor allem die mangelnde Transparenz: "Sie sollten schon deutlich machen, wer politisch hinter ihnen steht." Dass ein gemeinnütziger Verein Interessenverbänden Marketing an Schulen anbietet, hält Bieber für hochproblematisch. "Die Arbeitsgemeinschaft fährt auf dem Ticket des Gemeinwohls, fördert aber Einzelinteressen ihrer Partner."
Der Erfolg des Vereins macht offenbar gierig - und unvorsichtig. Kürzlich versuchten die Liberalen mit einem Produkt ihres Ablegers gar schon in die offiziellen Lehrpläne zu gelangen: Im März stellte die FDP im Thüringer Landtag den Antrag, das Material zu "Traumberuf Chef" aufzunehmen. Herausgeber ist die Arbeitsgemeinschaft in Zusammenarbeit mit dem FDP-geführten Bundeswirtschaftsministerium, verlegt hat das Material der Universum Verlag. Der Antrag scheiterte jedoch, sogar die CDU distanzierte sich, und der SPD-Abgeordnete Peter Metz stellte fest: "Es grenzt an Dummheit, einen derartigen Antrag in diesem Haus vorzutragen."
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© DER SPIEGEL 18/2010
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