Von Wieland Wagner
Ihre genetische Herkunft sieht man den chinesischen Zügen äußerlich noch an, hier in Qingdao ähneln sie vor allem dem japanischen Shinkansen. In Tangshan, einige hundert Kilometer weiter nordwestlich - dort lernte Konkurrent China Northern Rail vor allem von Siemens -, lassen sich die "Harmonie"-Züge dagegen kaum vom deutschen ICE unterscheiden.
Doch bei den Karosserien, den Fahrleit- und Signalsystemen der "Harmonie"-Serie handle es sich um geistiges Eigentum der Chinesen, behauptet Lü: "Wir stehen längst auf den Schultern der globalen Hochgeschwindigkeitstechnologie."
Auch äußerlich soll bald kaum noch etwas an den einstigen Technologie-Transfer aus dem Ausland erinnern: Auf der im Bau befindlichen Schnellzugstrecke Peking-Shanghai sollen die Züge offenbar ein prägnant chinesisches Design erhalten.
Die heimischen Eisenbahner verweisen stolz darauf, dass sie bereits über 940 eigene Zugpatente entwickelt hätten. Das Eisenbahnministerium in Peking wacht streng darüber, dass die Zugbauer ihr Wissen, das sie vom Ausland erworben haben, miteinander teilen und kollektiv weiterentwickeln, zum Beispiel im modernen Forschungszentrum, das mitten in dem gewaltigen, 1,3 Quadratkilometer großen Werksgelände von Qingdao liegt - und direkt der Regierung untersteht.
Intelligente Weiterentwicklung ausländischer Expertisen
"Zizhu Chuangxin" - "unabhängige Innovation" -, so nennen die Chinesen ihre intelligente Weiterentwicklung ausländischer Expertisen. Was damit gemeint ist, will Lü an einem Beispiel zeigen, er lässt seinen Besuch in die Werkshalle fahren, wo die Drehachsen gebaut werden. Lü deutet auf die blitzblanken Stahlräder der Achsen - mit jeder weiteren Erhöhung des Fahrtempos müsse man auch das Material mit Karbon verstärken, erklärt er, so schaffe man ein völlig eigenes Produkt.
An die Halle wird gerade angebaut, Ende 2009 fertigten sie in Qingdao noch jährlich 120 Superschnellzüge, bis Juni wollen sie die Kapazität auf 200 Züge erhöhen. Lü und seine Kollegen arbeiten praktisch rund um die Uhr, für seine Familie habe er kaum Zeit, sagt Lü. Aber seine Frau könne sich darüber nicht beklagen, sie arbeite ebenfalls hier im Qingdao-Werk.
Wie eine große Familie feuern sich Chinas Eisenbahner in dem Ziel an, die westliche Konkurrenz immer weiter abzuhängen. Dieser patriotische Ansporn unterscheide sein Land gerade von Deutschland, sagt Lü, der auch deutsche Eisenbahnwerke wiederholt eingehend besichtigte: "Die Deutsche Bahn denkt vor allem an die Deutsche Bahn, Siemens denkt vor allem an Siemens. Aber in China denkt jeder daran, wie wir unsere Nation gemeinsam voranbringen können."
Daran denkt auch Zhao Xiaogang, 59. Der Chef von CSR empfängt in der neuen Firmenzentrale in Peking. Der schmächtige Mann sieht nicht aus wie der Boss des größten Lokomotiven- und Waggonbauers, der seinen Reingewinn im ersten Quartal auf umgerechnet 39 Millionen Euro erhöhte - immerhin 85 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs.
Seit Ausbruch der globalen Finanzkrise spüren die Zugbauer noch stärkeren Rückenwind. Denn auch um die Konjunktur anzufeuern, will Peking bis 2012 rund 78 Milliarden Euro jährlich in den Ausbau des Eisenbahnnetzes stecken. Zurzeit fahren die Superschnellzüge auf Strecken wie Peking-Tianjin zwar hohe Verluste ein. Aber das ist nicht Zhaos Sorge, dafür kommt seine Regierung auf.
Immer neue Rekorde
Den gelernten Ingenieur treibt der Ehrgeiz, immer neue Rekorde mit seinen Zügen aufzustellen. Wenn er vom Lärmpegel in allen Klassen schwärmt, lebt Zhao plötzlich auf: Den europäischen Standard halte China streng ein - aber eben mit Zügen, die nicht 270, sondern 350 Kilometer pro Stunde führen. Und dann der höhere Komfort! "Als ich im Eurostar reiste, rüttelte der so stark, dass ich mich am Sitz festhalten musste." In Chinas neuentwickelten Zügen könne er auch bei 350 Stundenkilometern bequem herumspazieren.
Doch mit ihren Temporekorden gehen die Chinesen auch höhere Risiken ein als die ausländische Konkurrenz. "Auf Dauer die Sicherheit zu gewährleisten bleibt für China die größte Herausforderung", sagt Verkehrsexperte Sun Zhang von der Tongji-Universität in Shanghai. Die japanische Konkurrenz, die seit 46 Jahren das sicherste Superschnellzug-netz der Welt betreibt, wirft den Chinesen vor, mit ihrer Raserei Menschenleben zu riskieren.
Im staatlichen Eisenbahnlabor in Qingdao testen Zhaos Ingenieure bereits einen "Harmonie"-Flitzer, der 550 Kilometer pro Stunde zurücklegen kann. Schon im Oktober wollen sie ihren nächsten Weltrekord aufstellen. Ziel: 600 Stundenkilometer. So tief flog noch niemand.
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© DER SPIEGEL 18/2010
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