Von Dinah Deckstein und Gerald Traufetter
Spätestens als sie über das Steinhuder Meer hinwegflogen, war Carsten Richter* "stark beunruhigt". Der Lufthansa-Pilot saß als Passagier hinten in der Kabine und schaute aus dem Fenster.
Es war Dienstagmorgen, der 20. April, als der Airbus (Kennzeichen D-AISQ) 50 Kilometer vor Hamburg im Tiefflug über Norddeutschland hinwegraste. Bei einer Flughöhe von unter 600 Metern hielt Pilot Richter besorgt nach möglichen "Kaffeefliegern" Ausschau: Cessnas, Segelfliegern, Drachenfliegern. Noch südlich der Elbe sollten sich seine Befürchtungen bestätigen: "Ich war nicht sonderlich erfreut, als ein Kleinflugzeug unter uns auftauchte", notierte er hinterher im Lufthansa-Forum.
Immerhin, um 12.17 Uhr landete die Maschine wohlbehalten in Hamburg-Fuhlsbüttel. Noch zehn weitere Maschinen waren am Morgen in Hamburg gestartet oder gelandet. Ihre Flugverläufe dürften wohl bislang einzigartig gewesen sein. Auf manche wirkte es wie Wildwest-Fliegerei am Himmel über Deutschland.
Angefangen hatte alles mit dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull, der seine Asche schon seit Tagen Richtung Europa spuckte. Aus Sicherheitsgründen waren das Wochenende über fast keine Flugzeuge mehr mit Passagieren gestartet. Auf massiven Druck der Fluggesellschaften fanden Bürokraten schließlich einen rechtlichen Trick, wie die Maschinen trotz Asche fliegen konnten.
Kontrollierte Sichtflüge bedeuten: Anders als sonst erhalten die Flugkapitäne keine Anweisungen mehr von den Lotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS) am Boden, sondern lediglich Hinweise, etwa falls sich ihr Flugzeug einem anderen gefährlich nähert. Wichtig dabei ist: Wegen der höheren Unsicherheit müssen die Piloten jeglichen Wolken ausweichen oder diese unterfliegen.
Piloten und Fluglotsen äußerten massive Bedenken
Von Montagabend bis Mittwoch früh, also an drei Tagen, "duldete" das Bundesverkehrsministerium diese Praxis. 30 Fluggesellschaften beantragten Sichtflüge; 559 solche Ausnahmeflüge hat Air Berlin, 395 die Lufthansa absolviert. Doch nun stellt sich heraus: Piloten und Fluglotsen äußerten intern massive Bedenken.
Noch heute dauern die Debatten an. Der Sicherheitspilot der Lufthansa, Jürgen Steinberg, bedauerte vorige Woche in einem Aushang, den Sichtflügen zugestimmt zu haben: "Das darf sich nicht wiederholen. Heute würde meine Empfehlung in der gleichen Situation lauten: Don't do it." So offen hat noch keiner gewagt, die Konzernentscheidung zu kritisieren. Steinberg gibt zu, dass die Situation von Piloten "als unbefriedigend oder auch als bedrohlich" empfunden wurde.
Lufthansa-Bereichsvorstand und -Chefpilot Jürgen Raps distanziert sich von seinem Sicherheitspiloten: "Das ist seine rein persönliche Einschätzung, die sich nicht mit der Auffassung des Konzerns deckt." Man habe im Übrigen "das Verfahren im Vorfeld gemeinsam mit dem Verkehrsministerium, dem Luftfahrtbundesamt sowie der DFS erarbeitet und von diesen Behörden genehmigt bekommen."
Sicherheitspilot Steinberg bezieht sich in seiner Kritik wohl auf heftige Wortbeiträge in den Lufthansa-internen Piloten-Foren. Darin schreibt ein Kapitän etwa, er habe "enormes Bauchweh, mit dem Verkehrsflugzeug und 200 Seelen Sichtflug durch den deutschen Luftraum zu fliegen". Ein anderer bewertet die Sichtflüge gar als ein Zeichen für den "Verfall der Sicherheitskultur" in seinem Konzern.
Ähnlich wütend reagierten auch die Fluglotsen. "Als wir von der Betriebsanweisung unserer Führung erfuhren, waren viele von uns zunächst fassungslos", klagt ein DFS-Lotse.
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