Von Bruno Schrep
Um dem Ruf nach Bürgerwehren zuvorzukommen, suchen Bürgermeister Beust und sein Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) ihr Heil in der Vorwärtsverteidigung. Nach einem Anschlag in Hummelsbüttel ging Polizeipräsident Werner Jantosch mit der Botschaft in die Öffentlichkeit: Wir tun was. Wir tun sogar ganz viel.
Die 100 neuen Ermittler sollen so lange jede Nacht ausschwärmen, bis die Feuerteufel gefasst sind. "Notfalls auch unter Vernachlässigung anderer Aufgaben", kündigte Jantosch an, für ihn zähle nur eines: "Ich will die Täter jetzt haben."
Ob den Sprüchen auch Ergebnisse folgen, scheint indes fraglich. Hamburgs Straßennetz ist rund 4000 Kilometer lang, zu bewachen sind rund 720.000 zugelassene Autos. Der Polizeiboss appellierte deshalb an Taxifahrer, Schichtarbeiter und selbst nächtliche Spaziergänger, sich doch bitte an der Jagd zu beteiligen.
Die Fahndungspraxis ist mühsam. Aus dem Zivilfahrzeug, mit dem sie in einer Nacht zum Mittwoch kreuz und quer durch den Stadtteil Bahrenfeld fahren, immer und immer wieder, mal schnell, mal ganz langsam, beobachten die beiden Bereitschaftspolizisten seit Stunden menschenleere Straßen; nur eine junge Frau, bepackt mir zwei Rucksäcken, ist noch unterwegs. "Sollen wir die kontrollieren?", fragt der Fahrer. "Gibt doch keinen Grund", erwidert der Kollege.
Der Einsatz gleicht der Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen. Zwischendurch steigt einer der Beamten aus, hat hinter Containern eine Bewegung wahrgenommen, nichts. Hinten in einer Sackgasse leuchtet was, nichts. "Dass uns hier Brandstifter über den Weg laufen, wäre schon großer Zufall", gesteht einer der Fahnder. "Aber vielleicht schrecken wir ja mit unserer Präsenz wenigstens ab."
Spott kommt von der SPD-Opposition
Spott kommt, nicht überraschend, von der SPD-Opposition. Die Hamburger Sozis, die einst das Sicherheitsbedürfnis ihrer Wähler derart unterschätzten, dass sie darüber die Macht im Rathaus verloren, werten Beusts Offensive als Augenwischerei ab. "Brachial-Rhetorik und Aktionismus ersetzen keine Fahndungserfolge", erklärt ihr Innenexperte Andreas Dressel. Die großspurigen Ankündigungen seien nichts weiter als das Eingeständnis von Erfolglosigkeit. Die wiederum hänge direkt mit dem Personalabbau durch die schwarz-grüne Regierung zusammen, die entgegen ihren Wahlversprechen immer weniger Polizisten auf die Straße schicke.
Wie der Feuerterror endlich beendet werden kann, weiß freilich auch der SPD-Mann nicht. Stattdessen wuchern täglich neue Spekulationen. Eine besagt, dass die Attacken aus dem Rotlichtmilieu kommen könnten; dass sich die Szene mit Feuer und Flamme gegen vermeintlich zunehmende Kontrollen von Bordellen und Spielhöllen zur Wehr setzt - was die Polizei dementiert.
Sie hat die Sonderkommission "Florian" gebildet. 15 Kripobeamte des Hamburger Landeskriminalamts (LKA) sollen Vorgehensweisen analysieren, Bewegungsbilder erstellen, Überwachungsvideos auswerten. Sich auf die Lauer legen, Hinweisen aus der Bevölkerung nachgehen. Ehemalige Brandstifter werden überprüft, Internetforen durchforstet.
Erste Festnahmen führten nicht zum Erfolg. Ein 29-Jähriger, der brennende Autos filmte, musste wieder freigelassen werden; der Mann hatte ein Alibi.
"Das sind keine Gelegenheitstäter, die mal aus Jux Autos anzünden und damit prahlen", glaubt der Hamburger LKA-Chef Reinhard Chedor, "da steckt minutiöse Planung dahinter." Die Tatorte seien sorgfältig ausgewählt, vermutlich sogar erst nach tagelanger Beobachtung, die Fluchtwege genau ausbaldowert. "Die überlassen nichts dem Zufall."
Hypothesen statt Antworten
Doch zur Schlüsselfrage, was die Brandstifter letztlich antreibt, hat die Kripo statt Antworten nur Hypothesen. Versuchen gestörte Jugendliche durch Begehung heimlicher Verbrechen ihre innere Leere zu überdröhnen, wie manche Polizeipsychologen vermuten? Suchen Pyromanen zwanghaft Nervenkitzel? Wollen militante Autogegner gegen die wachsende Motorisierung protestieren? Geht es fanatischen Rechtsradikalen darum, Angst und Schrecken zu verbreiten? Oder existiert doch eine bisher unbekannte Form linker Opposition?
Zunehmend beobachtet die Polizei jedenfalls auch Personen aus der Subkultur-Szene des Hamburger Schanzenviertels rund um die "Rote Flora". Das heruntergekommene ehemalige Operettentheater gilt bei den Beamten schon lange als Hauptquartier aggressiver Staatsfeinde, die auch mit Gewalt gegen städtische Projekte und Maßnahmen kämpfen: gegen die Umwandlung preisgünstiger Wohngebiete in teure Quartiere, gegen die Kürzung von Sozialleistungen.
Weil sich jedoch Militante aus den bekannten Autonomen-Zirkeln bislang zu ihren Anschlägen bekannten, hätte der Terror eine neue Qualität: Erstmals wären selbsternannte Klassenkämpfer am Werk, die unter dem Schutz der Anonymität gezielt Krieg in die bürgerlichen Stadtteile zu tragen versuchen. Mögliche Botschaft: Ihr könnt nirgends vor uns sicher sein, auch nicht vor eurer eigenen Tür.
Inspiriert und aufgeheizt werden solche Täter, glauben Ermittler, womöglich von Musikvideos aus der HipHop-Szene, auf denen Kampfhunde und brennende Autos zu sehen sind und die Sänger hasserfüllte Texte rappen: "Ich ficke diesen Dreckstaat, jetzt geht's los, jetzt gibt's Krieg."
In Harvestehude ist seit Beginn der Anschlagsserie die Nachfrage nach sicheren Pkw-Unterstellmöglichkeiten sprunghaft angestiegen, die Vermieter von Tiefgaragenplätzen führen lange Wartelisten.
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